Auftakt zur Vierschanzen-Tournee

In Göttingen wurde das Skispringen revolutioniert

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Puppe im Windkanal: Der Flugingenieur Rainhard Straumann forschte als erster Wissenschaftler im Göttinger Windkanal des DLR in den 30er-Jahren. Foto: 

Göttingen. Am 30. Dezember beginnt in Oberstdorf die diesjährige Vierschanzen-Tournee. Dass Göttingen für die Tournee und das Skispringen von Bedeutung ist, weiß dabei kaum jemand.

Die Geschichte beginnt in den 1930er-Jahren im Vorläuferinstitut des heutigen Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Im Windkanal der Aerodynamischen Versuchsanstalt Göttingen heulen die Turbinen. Eine Puppe hängt im Wind. Die Versuche Anfang der 30er -Jahre werden das Skispringen und die Technik der tollkühnen Schanzenflieger revolutionieren – allerdings mit Verzögerung, zur Vierschanzentournee 1953.

Verantwortlich für die Versuche ist der Schweizer Flugingenieur Rainhard Straumann. Er liefert Mitte der 20er-Jahre für die noch junge Sportart wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse.

Wie ein Flugzeugflügel

Straumann weiß um die Bedeutung der Luft auf Flugobjekte, also auch auf Skispringer. Doch Straumann will mehr wissen über den Zusammenhang der Faktoren Geschwindigkeit, Technik, Körperhaltung und Schanzenprofile. Er geht davon aus, dass der Springer die besten Weiten erzielt, wenn er eine Flughaltung annimmt, die dem aerodynamischen Prinzip von Flugzeugtragflächen nachempfunden ist.

Und genau die werden in der Göttinger „Wiege der Aerodynamik“ entwickelt – wie der Pfeilflügel, ohne den kein Passagierjet mehr auskommt.

In der Bunsenstraße findet der Ingenieur Top-Technik und Koryphäen und mit ihnen neue Erkenntnisse für die Springer, deren Fortschritt bis dato vom Versuch und Fehler geprägt ist. Straumann erfährt über Messungen beim Skispringen sowie besagte Windkanal-Tests, wie in Verbindung mit dem schlichten Material wie Wollkleidung und Holzski die optimale Körperhaltung aussehen sollte.

Eine Puppe im Wind

Der Schweizer Skisprungforscher testet – auch im Auftrag des norwegischen Verbandes – die Haltung des Springers im Wind, lässt eine 50 Zentimeter große Puppe fertigen, hängt sie kopfüber auf und lässt die Turbinen im Windkanal loswirbeln.

Das Ergebnis ist die heute als zukunftsweisend geltende Entwicklung „weg vom Bauchgefühl-Springen und hin zu einer wissenschaftlich fundierten Technik“ , wie der Ski-Historiker und Direktor des Deutschen Skimuseums in Planegg, Dr. Gerd Falkner, sagt.

Ende der Ruder-Technik

In den 30er-Jahren bedienen sich Skispringer einer der Fortbewegung im Wasser angelehnten Motorik: Sie rudern nach dem Absprung vom Schanzentisch wild und kreisförmig mit den Armen.

Damit ist 20 Jahre später zur Vierschanzen-Tournee 1953 und dank der Versuche von Straumann im Göttinger Windkanal Schluss: Fortan segeln die Springer in weiter Körpervorlage mit angelegten Armen, parallel zu ihren 2,60 Meter langen und bis zu sechs Kilo schweren Sprung-Ski, in den Aufsprunghang.

Mehr Ruhe im Flug

Dabei steuern die Hände wie Fischflossen im Wasser die Richtung, also den Flug. Straumanns Technik wird deshalb als Fisch-Stil bezeichnet. Der macht den wilden Flug stabiler, bringt Ruhe in das System, wie Sportwissenschaftler und Trainer das Miteinander von Springer und Sprung samt Schanze und Material nennen. Die Sprungtechnik mit den parallel geführten Ski hält sich mit Variationen, wie nach vorne gestreckten Armen, bis in die 80er-Jahre. Auch deutsche Top-Athleten wie Jens Weißflog für die DDR und BRD erfliegen sich damit Erfolge.

30 Jahre bis zur V-Technik

Dann folgt die nächste Revolution: Die Springer spreizen die Skispitzen zu einem V nach außen. Neue Bindungen ermöglichen eine weitere Vorlage, und Spezialanzüge unterstützen das Luftpolster, auf dem der Springer gleitet.

Die Forschungsberichte Straubachs von einst lagern im Archiv des Göttinger DLR. Dort gibt es noch weitere Aufzeichnungen, wie Jens Wucherpfennig vom DLR sagt. Sie erzählen davon wie die deutsche Skiläuferin Christa Kinshofer , die auch im Göttinger Windkanal an ihrer aerodynamisch günstigsten Körperposition auf ihren Rennski feilt.

Paralympics-Skifahrer

2010 sitzen die Fahrer der deutschen Paralympics-Mannschaft bei den DLR-Wissenschaftlern im Windkanal. Sie suchen die günstigste Position auf ihrem Mono-Ski und tragen dabei hauchdünne Rennanzüge. Der Wind bläst ihnen ins Gesicht.

Im Windkanal:Hier mit den Paralympics-Athleten des Deutschen Skiverbandes (D V) vor den Spielen in Vancouver. 

Diese Tests mit DLR-Foschern ähneln denen des Pioniers Rainhard Straumann, der aber eine Puppe verwendete. Das Ergebnis von 2010 ist keine neue Skitechnik. Aber: Das deutsche Paralympics-Alpin-Ski-Team um die vier- und dreifachen Goldmedaillengewinner Gerd Schönfelder und Martin Braxenthaler holt in Vancouver sagenhafte 15 Medaillen, ist die erfolgreichste Nation.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Göttingen

Warum experimentierte Straumann ausgerechnet im norddeutschen Flachland und nicht im alpennahen Raum? Der Flugingenieur wusste, dass in Göttingen seit 1907 in Form der ersten staatlichen Luftforschungseinrichtung die Wiege der modernen Aerodynamik stand und heute noch als DLR steht.

Dort wurden bedeutende Grundlagen der modernen Luftfahrt geschaffen. So entwickelte Ludwig Prandtl die Grenzschichttheorie, testete Hans Joachim Pabst von Ohain den Vorläufer des ersten Strahltriebwerks, wurden die als bahnbrechend geltenden Wunderwaffen der Nazis entwickelt – wie die ersten Düsenjäger. Und in Göttingen erfanden Forscher den revolutionären Pfeilflügel für Jets. Heute arbeiten im DLR Göttingen mehr als 480 Fachleute an Flugzeugen, Raumschiffen und Hochgeschwindigkeitszügen der Zukunft. Für experimentelle Untersuchungen gibt es mehr als 20 Windkanäle und Großforschungsanlagen. Geforscht wird auch in der Kabine eines ausrangierten Passagierjets, der Dornier Do 728. Das DLR in Göttingen bietet ein Schülerlabor als außerschulischen Lernort.

www.dlr.de

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