Das Schweigen der Boat People

Vor 40 Jahren: In leeren Gebäuden in Göttingen entstand Klinik für Flüchtlinge aus Vietnam

Check: Ein Arzt der Uni-Klinik Göttingen untersucht 1978 ein Boat-People-Flüchtlingskind.

Eine beeindruckende Hilfsaktion lief 1978 mit der Ankunft von 1000 vietnamesischen Flüchtlingen in Göttingen an.

"Vielleicht weckt eine solche Katastrophensituation in uns allen ein emotionales Erlebnis, helfen zu können und zu müssen", sagt Hilmar Burchardi heute im Rückblick.

Am Anfang ist ein Anruf: In den letzten Novembertagen 1978 ereilt Hilmar Burchardi ereilt auf dem Flur der (neuen) Uni-Klinik die unmissverständliche Anweisung eines Staatssekretärs aus Hannover: „Herr Burchardi, Sie haben die Versorgung der Boat People zu leiten.“ Und: „Geld spielt keine Rolle.“ Die Reaktion des Uni-Klinik-Vorstands ist ebenso klar: „Nun, Herr Burchardi, dann fangen Sie mal an.“

40 Jahre später sagt der emeritierte Professor der Universitätsmedizin Göttingen: „Diese Wochen haben mich so stark geprägt, wie kaum andere Ereignisse in meinem Berufsleben.“ Kein Wunder, denn die Einstellung des grenzenlos aufgewachsenen Burchardi gegenüber Fremden war stets geprägt von Neugier.

Im November 1978 wird dem Abteilungsleiter im Zentrum für Anästhesie mit Hans-Dieter John ein glänzend vernetzter Uni-Klinik-Verwaltungsmann zur Seite gestellt, „ein Organisationstalent, ein Macher“, der die ausgeplünderte alte Klinik an der Goßlerstraße wieder ins Laufen bringen sollte – „inklusive der Installation vom Lichtschalter bis zum Röntgengerät“, schildert Burchardi. Sonst übliche bürokratische Hemmnisse gibt es nicht. „Wir hatten freie Bahn.“

Burchardi findet schnell Helfer aus allen medizinischen Bereichen. Dabei ist auch der noch heute in Göttingen praktizierende Allgemeinmediziner Dr. Xuan-Trang Nguyen. Die Bereitschaft zu helfen, ist also riesengroß, und sollte die gesamte Aktion prägen. „Es waren die engagiertesten, besten Leute dabei.“ Der leitende Anästhesist Burchardi wird so zum Organisator, der Griff zum Telefon ist so normal wie der zum Stethoskop, das Gespräch so wichtig wie der medizinische Eingriff.

Aber es gibt auch Probleme: Es fehlen Dolmetscher, und die Tag-und-Nachtarbeit strapaziert die Nerven. Streit aber gibt es nur in der Sache, die Kritik ist nie persönlich.

Check: Ein Arzt der Uni-Klinik Göttingen untersucht 1978 ein Boat-People-Flüchtlingskind.

Am 3. Dezember 1978 treffen die ersten Boat People im Grenzdurchgangslager Friedland (Kreis Göttingen) ein. Und die alte, vorher ausgeräumte Uni-Klinik ist als Ambulanz mit Poli-Klinik und einer Bettenstation bereit. Die CDU-Landesregierung unter Ernst Albrecht aber möchte einen medien-wirksamen Empfang. „Wir aber hatten andere Sorgen.“ Einige Flüchtlinge brauchten dringend eine medizinische Versorgung, mussten schnell nach Göttingen.

Die Politiker sehen das anders. Es gibt die Begrüßung, Ansprachen und eine Fernsehübertragung. „Das passte uns Ärzten gar nicht.“ Burchardi ist sauer, wirft dem Staatssekretär vor, dass er die medizinische Versorgung behindere. Das geht bei laufender TV-Kamera über den Sender.

Dann aber fahren die Bundeswehrbusse. Die Untersuchungen laufen an, und viele Patienten bleiben zunächst dort. Die „neue“ Klinik aber leistet weit mehr: Man stampft eine moderne Aufnahmeerfassung, Kennzeichnung mit Nummern und Armband aus dem Boden – die Grundlage für spätere Diagnosen und Therapien.

Schwierig sei die Unterscheidung der Patienten gewesen: Also werden Porträtfotos gemacht. Auch die Übersetzer bereiten Probleme: Sie sind Vietnamesen, etliche der Flüchtlinge aber sind von deren Landsleuten vertriebene Chinesen, die in Vietnam gelebt hatten. Es kommt zu ungeahnten Streitigkeiten. „Wir konnten das aber schnell schlichten.“ Medizinisch werden die schweren Fälle wie Tuberkulose und Malaria in die neue Uni-Klinik gebracht, auch für Operationen.

In der alten Klinik an der Goßlerstraße kümmern sich erfahrene Pfleger um die stationären Patienten. Deren Kinder werden betreut, auch freiwillig von Lehrern. Spielzeug und Kinderbekleidung kommen als Spenden vom Lions Club. Das ist wichtig, denn Kleidung ist knapp und zunächst tragen die Kinder die blaue OP-Kleidung.

Der Ausnahmezustand weicht schnell der Routine. Aber der Alltag ist oft geprägt von wunderbaren Erlebnissen: Am 15. Dezember 1978 kommt das erste Kind der Boat People in Göttingen zur Welt. Chi-Hai – „mutiges Meer“ heißt der Junge. Auch die vietnamesische Küche hält Einzug: Denn mit deutschen Speisen kommen viele Flüchtlinge nicht zurecht, oder sie werden der Erbsensuppe im Lager überdrüssig. Eine Vietnamesin überzeugt den Koch, mit ihr vietnamesisch zu kochen. Der Erfolg: Die Menüs schmecken Ärzten und Flüchtlingen hervorragend. Aber: Den Vietnamesen gefällt das so gut, dass sie länger in der Klinik bleiben, was den Organisationsplan und engen Zeitablauf durcheinanderbringt.

Schwieriger ist, abgesehen von den Sprachbarrieren, das Schweigen vieler Boat People. „Ich denke, dass viele traumatisiert waren. Sprechen wollten sie nur selten. Wir haben also nicht viel über sie erfahren“, sagt Arzt Burchardi, der beeindruckt ist von der Duldsamkeit und Bescheidenheit. Aber: Sie bleiben oft distanziert – die schweigenden Boat People.

Die Helfer prägt ihr wenige Wochen dauernder Klinik-Einsatz. Manche engagieren sich ein Leben lang in der Sache – wie Xuan-Trang Nguyen. Er gründet 1995 das Internationale Deutsch-Vietnamesische Komitee für Demokratie und Humanität, es unterstützt Schüler in Vietnam und hat heute mehr als 3000 Mitglieder.

Das sagt Hilmar Burchardi

Prof. Dr. Hilmar Burchardi

Stellvertretend für die enorme Hilfsbereitschaft der „Besatzung“ der wieder flott gemachten alten Klinik an der Göttinger Goßlerstraße ist eine Begebenheit: „Ich sagte zu Krankenschwestern und -pflegern an Heiligabend 1978: ‘Leute, geht nach Hause, feiert Weihnachten!‘ Antwort: ‘Wir haben Weihnachten schon gehabt!‘“ Das Ende der Notklinik kam abrupt im Januar 1979, weil die Vietnam-Flüchtlinge nicht mehr in Friedland untergebracht waren oder die medizinische Versorgung nicht mehr notwendig war. Obwohl also nach wenigen Wochen in der Notklinik Goßlerstraße alles vorbei ist, bleibt die Episode für viele der beteiligten Helfer „die intensivste Zeit ihres Arbeitslebens“. Ein beteiligter Arzt sagte sogar: „Das ist das erste Mal in meinem Leben, das ich ‘richtige‘ Medizin mache.“ Als etwas Besonderes fühlten sich die Helfer aber nicht, wie der mittlerweile 81-jährige Hilmar Burchardi noch heute betont: „Wir haben doch nichts anderes gemacht als die Menschen, die den Flüchtlingen aus Syrien geholfen haben, die 2015 zu uns gekommen sind.“

Zur Person

Prof. Dr. Hilmar Burchardi, Jahrgang 1937, lebte mit der Familie in Berlin. Vor Kriegsende zog man ins sichere Tondern (Dänemark), den Heimatort der Mutter. Burchardi ging in eine dänische Schule, besuchte später ein Gymnasium in Flensburg. Der Vater arbeitete später auch in Marokko. Dann ging die Familie nach Brüssel. Burchardi studierte in Tübingen, Freiburg und Berlin, war bis 2003 Professor und Abteilungsleiter am Zentrum für Anästhesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin an der Uni-Medizin Göttingen. Er ist Autor von Lehrbüchern zur Intensivmedizin und engagiert sich in der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Er lebt mit seiner Frau in Bovenden bei Göttingen.

Boat People: Die Vietnam-Flüchtlinge

Nach Ende des Vietnamkrieges am 30. April 1975 mit dem Sieg des kommunistischen Nordvietnam wurden etwa 2,5 Millionen Menschen aus Südvietnam verhaftet, in Umerziehungslager eingewiesen oder umgesiedelt. 1,6 Millionen Vietnamesen flüchteten per Boot über das Südchinesische Meer, 250 000 fanden den Tod, viele wurden von Schiffen wie der Cap Anamur von Rupert Neudeck gerettet. Die USA drängten die zunächst zurückhaltende Bundesregierung bereits seit 1975, ebenfalls Vietnam-Flüchtlinge aufzunehmen. 

Erst Medienberichte zum überfüllten Flüchtlingsschiff „Hai Hong“, auf dem 2500 Menschen festsaßen, führten im November 1978 dazu, dass vor allem CDU- Politiker umschwenkten und für eine Aufnahme in Deutschland sorgten. In Hannover war das der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht. Die Entscheidung soll er weitgehend allein getroffen und im Kreise seiner Familie besprochen haben. Er ließ 1000 Boat People nach Hannover-Langenhagen einfliegen. Aufnahmestation war das in den 50er-Jahren berühmt gewordene Grenzdurchgangslager Friedland.

Von Thomas Kopietz

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