Interview zur Pandemie und Impfen

Infektionsforscher Stefan Kaufmann: „Wir müssen mehr Impfstoff abgeben“

Mikrobiologe und Infektionsforscher Prof. Dr. Stefan H.E. Kaufmann mit einem historischen Buch in der Hand
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Mikrobiologe und Infektionsforscher Prof. Dr. Stefan H.E. Kaufmann gründete das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin, arbeitet jetzt als 73-jähriger mit einer Forschungsgruppe am MPI für biophysikalische Chemie in Göttingen. Kaufmann sammelt historische Bücher aus der Medizin.

Der Mikrobiologe Stefan H.E. Kaufmann ist Top-Experte für Infektionen und Impfen. Wir sprachen mit dem MPI-Forscher aus Göttingen über Pandemien, Gefahren und Medikamente

Göttingen - Wirksame Medikament gegen Covid 19 wird es 2022 auch in Deutschland geben, sagt Stefan Kaufmann. Der Wissenschaftler fügt aber auch an: Das Corona-Virus wird nicht auszurotten sein.

Herr Kaufmann, wird das SarsCov2-Virus ganz auszurotten sein?
Infektionskrankheiten, die ein Tierreservoir haben – die Zoonosen – sind nie auszurotten. Es geht also um eine Kontrolle des Virus und der Covid-19-Erkrankung. Die Pocken waren übrigens die einzige Infektionskrankheit des Menschen, bei der wir erfolgreich waren, denn der Mensch war der einzige Wirt. Bei Corona gibt es die Fledermäuse als Träger und mögliche Zwischenwirte wie Marder. Das Ausrotten können wir uns also von der Backe putzen. Das macht auch nichts, wir müssen mit dem Corona-Virus leben, Impfstoffe, Medikamente, Diagnostika einsetzen können und gründlich aufpassen.
Sie sagten einmal, dass wir anfangs gar nicht wussten, welche Tricks das Coronavirus auf Lager hat – gemeint war auch, wie es zu bändigen sein wird. Hat es noch Tricks auf Lager?
Erst einmal nein. Erstens entweicht das Virus nicht der Immunantwort, wie zum Beispiel das HIV. Wenn die neutralisierenden Antikörper gebildet sind, können sie die Aufnahme des Virus in die Zellen hemmen und das reicht bereits zur Bekämpfung aus. Zweitens versteckt sich das Virus nicht in den Körperzellen. Deshalb brauchen wir auch nicht die zweite Abwehrwaffe der Immunantwort, die Killerzellen, so dringend. Aber das letzte Wort ist nicht gesprochen. Weil sich das Virus weltweit ausgebreitet hat, entsteht irgendwo immer die Möglichkeit zur Veränderung, die früher oder später auch uns bedroht. Das haben wir zuletzt mit der Delta-Variante erlebt, die nun weltweit vorherrscht.
Hilft dabei die Impfung?
Ja. Noch kann diese Variante auch durch die neutralisierenden Antikörper geblockt werden, die durch die Impfung gebildet werden. Irgendwann kann aber auch eine Variante entstehen, für die der Impfschutz nicht mehr reicht. Dagegen können zwar die neuen Impfstoffe angepasst werden, aber das ist natürlich auf Dauer aufwändig. Am besten ist daher die Eindämmung durch Impfkampagnen überall auf der Erde. Das ist also nicht nur ethisch wünschenswert. Auf diese Weise verringert man die Chancen des Virus, sich zu verändern und gefährlicher zu werden.
Wir erleben verstärkt Impfdurchbrüche, also Infektionen trotz zweifacher Impfung. Woran liegt das?
Impfdurchbrüche beruhen auf zwei Gründen: Erstens scheint der Impfschutz gerade bei Älteren und Menschen mit Vorerkrankungen nicht so lange anzuhalten wie wir gehofft hatten. Die Impfung führt bei Immungeschwächten zu einer Antikörperantwort, die nicht so hoch ist wie bei Menschen mit einem gut funktionierenden Immunsystem. Andererseits braucht man eine gewisse Menge an Antikörpern, um die Viren abzufangen. Wenn über die nächsten Monate die Antikörpermenge abfällt, reichen sie irgendwann nicht mehr zum Schutz aus. Und dann muss man an eine Auffrischungs-Impfung denken. Neue Varianten werden nicht mehr genau von den Antikörpern erkannt, da sie sich leicht verändert haben. Dann braucht man höhere Antikörpermengen, um das Virus zu neutralisieren. Geringere Antikörpermengen im Blut und die schwächere Passgenauigkeit gegen die Delta-Variante bewirken, dass nun für diese Menschen eine Auffrischungsimpfung Sinn macht. Bislang aber sind die Geimpften im Vergleich zu den Ungeimpften deutlich besser geschützt.
Wir bekommen schon die Drittimpfungen, Milliarden Menschen auf der Welt sind aber nicht mal erstgeimpft.
Das Ziel, 40 Prozent der Weltbevölkerung bis Ende des Jahres zu impfen, werden wir wohl erreichen. Aber das ist völlig ungleich verteilt. Wir werden daher nicht erreichen, dass in jedem Land mindestens 20 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. In den ärmsten Ländern sind es eben immer noch weniger als 2 Prozent. Klar ist: Jeder sollte bei uns, wenn nötig, eine Auffrischungsimpfung bekommen. Das heißt, Ältere, Patienten mit Vorerkrankungen und Menschen mit hohem Infektionsrisiko. Aber ich sage auch: Wir müssen die Impfstoffverteilung ankurbeln. Wir müssen mehr abgeben. Insbesondere Impfstoffe, die für die EU reserviert wurden, müssen zumindest zum Teil freigegeben werden, wenn sie nicht hier benötigt werden. Und bevor der Impfstoff verfällt, sollten wir ihn verimpfen und verstärkt daran denken, Impfstoffe aus humanitären, moralischen Gründen – aber auch aus Selbstschutz – in arme Regionen der Welt zu geben, wie nach Afrika. Langfristig müssen wir auch über die Patentregelung und Produktionsstätten dort reden.
Betrifft das nur Covid?
Es geht dabei weniger um Covid, da ist der Zug abgefahren. In erster Linie geht es um Erkrankungen der Armut, wie Malaria, Tuberkulose und HIV. Ich freue mich ganz besonders, dass Biontech diese Problematik auch erkannt hat und in Senegal und Ruanda den Aufbau von Produktionsstätten für Impfstoffe in Angriff genommen hat.
Wie können Seuchen oder weltumspannende Infektionskrankheiten eingedämmt oder gar früh verhindert werden?
Die Auswirkungen der Globalisierung mit enormem Flugverkehr tragen zur Verbreitung von Infektionskrankheiten massiv bei. Erreger kennen keine Grenzen. Ideal wäre es natürlich, die Ausbrüche von Infektionen sehr früh zu erkennen und einzudämmen. Nur: Die Balance zwischen Aufklärung leisten und Hysterie erwecken, ist schwer zu treffen. In Wuhan haben die Chinesen nicht schnell genug reagiert – später dann aber mit aller Macht den Ausbruch bekämpft, dennoch war Wuhan der Ausgangspunkt der Pandemie. Klar ist auch: Aerosolinfektionen sind immer ein großes Problem und schwer einzudämmen, da sie extrem leicht übertragbar sind. Deshalb ist die Maske auch nicht überflüssig geworden.
Welche Hilfsmittel zum Eindämmen gibt es?
Wir benötigen weltweit ein Surveillance- und Frühwarn-system und klare Vorschriften zur Eindämmung. Wir wissen, dass es in Südostasien mehr als 400 Fledermausarten gibt, von denen ein Viertel mit Sars-Viren und anderen durchseucht sind, die für Mensch und Tier gefährlich werden können. Wir haben also einen hohen Handlungsdruck. All das war ja auch zu erwarten, ich hatte davor schon vor Jahren gewarnt. So ein System kostet viel Geld, aber deutlich weniger als die Folgen. Die Früherkennung von möglichen Erregern ist der erste Schritt zur Verhinderung. Wenn das nicht klappt, brauchen wir eine rasche Eindämmung der Pandemie, da bleiben Impfstoffe wichtige Werkzeuge.
Warum hat man nicht auf Sie und andere Mahner vor Pandemien gehört?
Es fehlte die Verankerung im Glauben der Bevölkerung und der Politik. Auch die Klimaveränderung brauchte lange, hat jetzt in der Wahrnehmung der Menschen Eingang gefunden, dank der Jugend. Dieses Gefühl für die Gefahr muss sich auch für die Infektionskrankheiten entwickeln. In einer globalisierten Welt leben wir nicht alleine. Wer weiß schon, dass sich die Tuberkulose in Afrika und Asien wieder ausbreitet? Alle Ressourcen gingen verständlicherweise in die Covid 19-Bekämpfung. Da blieb nur wenig übrig für die Versorgung der anderen Krankheiten wie HIV, Malaria, Tuberkulose. Wir müssen damit rechnen, dass in den nächsten Jahren weltweit viel mehr Menschen an Tuberkulose und Malaria erkranken und sterben werden als in den letzten Jahren. Wir rechnen mit einem dramatischen Anstieg der Todesfälle durch diese Krankheiten. Ich bin überzeugt, dass wie vor der Covid-19-Krise auch danach wieder die Tuberkulose die Infektionskrankheit ist, an der weltweit die meisten Menschen sterben.
Wie steht es um die Medikamente-Entwicklung, es gibt ja News?
Die klassische Medikamenten-Entwicklung begann holprig. Es gab Medikamente mit mildernder Wirkung, die für andere Indikationen bereits zugelassen waren und nur für die neue Indikation Covid-19 getestet wurden. Ihre Wirkungen war aber eher gering. Hierzu gehört auch das entzündungshemmende Stereoid-Medikament Dexamethason. Recht erfolgreich war die passive Immunisierung mit Antikörpern, die gute therapeutische Erfolge zeigten. Aber Antikörper sind keine klassischen Medikamente. Lange blieben Erfolgsmeldungen zu den antiviralen Wirkstoffen aus. Das hat sich nun geändert, denn mit dem Wirkstoff von Merck (USA), der in Großbritannien bereits zugelassen wurde - Molnupiravir -, haben wir ein vielversprechendes Medikament. Noch besser sieht es mit dem Pfizer-Medikament Paxlovid aus, das knapp 90 Prozent Wirksamkeit zeigt. Allerdings müssen diese sehr früh nach Infektion verabreicht werden, um ihre volle Wirkung zu entwickeln. Ich bin sehr zuversichtlich, dass auch in Deutschland bereits 2022 beide Medikamente verfügbar sein werden - und in den nächsten zwei Jahren werden bestimmt weitere Therapeutika folgen.
Kaufmann-Bücher: „Covid 19 und die Bedrohungen durch Pandemien, kostenlos, Hess. LZ für politische Bildung; „Impfen, Grundlagen, Wirkungen, Risiken“, Beck, ISBN 978-3-406-77144-6; „Wächst die Seuchengefahr? Globale Epidemien und Armut: Strategien zur Seucheneindämmung in einer vernetzten Welt“ ISBN 978-3-596-17664-9.

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