Ziel: Klimaneutralität bis 2030

Initiative an der Uni Göttingen: Neue „Göttinger Sieben“ für Klimaschutz

Der Göttinger Zentralcampus: Sieben Professoren setzen sich dafür ein, dass die Uni klimaneutral wird.
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Der Göttinger Zentralcampus: Sieben Professoren setzen sich dafür ein, dass die Uni klimaneutral wird. (Archivfoto)

Ob sie diese Verbindung wollen oder nicht: Sieben Professorinnen und Professoren treten kraft Zahl in die Tradition der Göttinger Sieben, die 1837 gegen die Aufhebung der liberalen Verfassung im Königreich Hannover protestierten. Jetzt fordert die neue Göttinger Sieben, die Universität müsse ihrer Verantwortung für den Klimaschutz und ihrer Vorbildfunktion gerecht werden.

Göttingen – Sie fordern auch, dass die Uni in der Klimakrise unverzüglich handelt, den Klimanotstand ausruft – mit dem Ziel, 2030 klimaneutral zu sein.

Diese Forderungen haben sieben angesehene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uni formuliert und mit möglichen Maßnahmen untermauert. Stellvertretend überreichten die Medizinethikerin Prof. Claudia Wiesemann und der Bioklimatologe Prof. Alexander Knohl das Papier an Vize-Präsident Prof. Norbert Lossau und Uni-Präsident Prof. Metin Tolan. Dass dieser der Adressat war, sei kein Zufall. „Wir wollten nutzen, dass Herr Tolan neu im Amt ist und wissen, dass er so großen gesellschaftlichen Themen gegenüber aufgeschlossen gegenüber steht“, sagt Claudia Wiesemann. Und so habe sich Tolan „überaus aufgeschlossen“ gezeigt: Die „Klimaschutz-Initiative“ wird ihre Vorstellungen einer klimaneutralen Georg-August-Universität in der nächsten Senatssitzung im Mai präsentieren. Das wiederum sei eine gute Möglichkeit in den Fakultäten für eine gemeinsame Klimaschutzanstrengung zu werben.

„Es geht darum – und darin sind wir uns mit Uni-Präsident Tolan einig – möglichst viele in der Uni für das Ziel Klimaneutralität mitzunehmen“, sagt Claudia Wiesemann, die sich auch vorstellen kann, dass eine Aufbruchstimmung entstehen könnte, die sich durch alle Fakultäten zieht. „Die Lokomotive dafür muss der Präsident sein.“

Uni-Präsident Prof. Metin Tolan

Bis zur Senatssitzung, so hofft sie, könnten vielleicht schon erste Gedanken für eine uni-interne Klimaschutzpolitik gefasst worden seien. Vielleicht an einem entscheidenden Punkt, den die „Sieben“ vorschlagen: eine gemeinsame Stelle, quasi eine Klimaschutz-Zentrale, die das Vorgehen der Uni koordiniert, zunächst aber erste einmal erfassen müsste, welche Anstrengungen bereits unternommen werden – so im Gebäudemanagement und Energiemanagement.

Zudem müsse die Universität Anreize für ein klimafreundliches Verhalten der Studierenden und Mitarbeiter setzen sowie Dienstreisen generell vermeiden helfen. Ein Anreiz im doppelten Vorschlagssinne wäre deshalb: Das durch das Vermeiden von Dienstreisen eingesparte Geld soll den Fakultäten direkt für andere Investitionen bereitstehen. Apropos Einsparen: Transparenter müssten auch die Energieverbräuche in den Fakuläten und Abteilungen gemacht werden. Wird dabei gespart, könnte das Geld in die Töpfe für Forschung und Lehre fließen.

Medizin-Ethikerin Prof. Claudia Wiesemann

Klimaschutz, das heißt für die sieben Wissenschaftler auch ein Umdenken bei der Ernährung. In den Mensen sollte deshalb, wie Claudia Wiesemann sagt, die „Grundausrichtung beim Speiseangebot verändert werden“ – hin zum Angebot mit überwiegend vegetarischen und veganen Gerichten. Zurzeit dominierten noch fleischhaltige Gerichte. „Junge Menschen tendieren stärker dazu als wir Älteren“, sagt Wiesemann, die den Anstoß für die Initiative der „Sieben“ ebenfalls von jungen Menschen erhalten hat: Schüler und Studierende, die für den Klimaschutz auf die Straße gehen, machen es uns vor. Wir müssen alle etwas tun.“ Viel bewegen für den Klimaschutz könne man in der Uni und Uni-Medizin aber nur, wenn „alle an einem Strang ziehen“. Darauf arbeitet die neue „Sieben“ hin. Die wahren Göttinger Sieben würden sich darüber freuen. Eine Entlassung – wie sie Jacob Grimm, Wilhelm Weber und Co. ereilte – droht den Klimakämpfern jedenfalls nicht.

Sieben Uni-Professoren für den Klimaschutz

Das sind die sieben Professorinnen und Professoren der Universität Göttingen, die den Offenen Brief Klimaschutz an die Universitätsleitung unterzeichnet und übersandt haben:

Heinrich Detering, Germanist und Leibniz-Preisträger 2009, Professor für Neuere deutsche Literatur und vergleichende Literaturwissenschaft, Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung. Buchautor, u.a. „Menschen im Weltgarten: Die Entdeckung der Ökologie in der Literatur“.

Julia Fischer, Verhaltensbiologin und Primatenforscherin, Vizepräsidentin der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Professorin für Primatenkognition an der Universität Göttingen und Leiterin der Abteilung Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) Göttingen, Buchautorin, u.a. „Affengesellschaft“.

Rebekka Habermas, Professorin mit Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Uni Göttingen.

Alexander Knohl, Bioklimatologe, Mitglied der Jungen Akademie, Professor für Bioklimatologie an der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie.

Christian Polke, Sozialethiker und Mitglied der Initiative Niedersächsischer Ethikrat, Professor für Ethik an der Theologischen Fakultät.

Matin Qaim, Agrarökonom, Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Professor mit Lehrstuhl für Welternährungswirtschaft und Rurale Entwicklung.

Claudia Wiesemann, Professorin und Direktorin am Institut für Ethik und Medizin der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. (Thomas Kopietz)

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