Interessengemeinschaft will Projekt durchsetzen

Initiative kämpft für Minihaussiedlung in Göttingen: Leben im Bauwagen

Kampf für Minihaussiedlung: Dirk Freitag, Bernd Gabriel und Osman „Yasho“ Günal.
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Machen sich für eine Minihaussiedlung in Göttingen stark: (von links) Dirk Freitag, Bernd Gabriel und Osman „Yasho“ Günal.

Göttingen soll eine Minihaussiedlung erhalten. Dafür setzt sich eine Interessengemeinschaft um den Tischlermeister, Kunsttherapeuten und bildenden Künstler Dirk Freitag ein. Einige der zehn Aktiven besitzen bereits umgebaute Bauwagen.

Göttingen – „Die Corona-Pandemie zwingt derzeit viele Menschen dazu, sich einzuschränken“, sagt Freitag. Er selbst habe aufgrund fehlender Aufträge seine Ausgaben drastisch senken müssen und unter anderem sein Auto verkauft. Ein großer Posten bleibe jedoch die Miete. Durch Einzug in ein Tiny House, ein zweieinhalb Meter breites und bis zu zehn Meter langes Minihaus auf Rädern, ließen sich die Wohnkosten deutlich verringern.

„Allerdings gibt es in Göttingen keinen Platz, wo sich solche fahrbaren Unterkünfte aufstellen ließen“, bedauert der Tischlermeister. Um eine solche Fläche mit Trink- und Abwasseranschlüssen bemühe sich die Interessengemeinschaft derzeit bei der Stadt. Brauchwasser liefere ihnen der Regen. Strom für eine Grundversorgung lasse sich mit einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach erzeugen. Der Bedarf an Brennmaterial sei in einem gut isolierten Minihaus „minimal“. Auch bei Außentemperaturen von minus 20 Grad Celsius lasse es sich dort gut leben.

Der Vorteil für die Stadt: „Geringverdiener kommen über die Runden und müssen nicht Hartz IV oder Grundsicherung beantragen“, ergänzt Rentner Bernd Gabriel, einer von Freitags Mitstreitern. Der Mieter einer Anderthalb-Zimmer-Wohnung sammelt seit zweieinhalb Jahren Bauwagen-Erfahrungen. Sein Minihaus steht auf Grabeland am Langen Rekesweg am Göttinger Stadtrand in Grone. Sein Pachtvertrag läuft allerdings Ende 2022 aus. Dann entsteht dort ein Neubaugebiet.

Auch Osman „Yasho“ Günal muss sich dann einen neuen Standort für seinen Bauwagen suchen. Wie Gabriel würde er gerne seine kleine Mietwohnung aufgeben und dauerhaft in seinem Minihaus leben. „Das Geld, das ich als Yogalehrer verdiene, ist schnell ausgegeben“, berichtet Günal. Um die Lebenshaltungskosten zu senken, baut er auf dem Gartengrundstück Obst und Gemüse an. Er wirtschaftet nach dem nachhaltigen Permakultur-Konzept, das in den 70er Jahren in Australien entwickelt worden ist. Das Leben in der Natur, wo er mit den Vögeln aufsteht und schlafen geht, gefällt ihm. Der Lebensstil der meisten Menschen beschleunige nur die Klimakatastrophe, ist er überzeugt.

„Wir wollen in unserer Siedlung eine gemeinsam genutzte Werkstatt aufbauen“, berichtet Künstler Freitag. „Werkzeug lässt sich teilen“, ergänzt Günal. „Die Siedlung wäre auch etwas für Studierende“, ist Rentner Gabriel überzeugt. Er kennt junge Menschen, die ihr Minihaus während des Studiums auf einem Campingplatz abgestellt haben. „Es soll kein Slum entstehen, wo sich Randgruppen austoben“, betont Freitag. Solche Bauwagenplätze gebe es auch. Das wisse er aus seiner Zeit in Hamburg, wo er 30 Jahre lang gelebt habe. (Michael Caspar)

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