Uni plant Neuausrichtung

Institut für Demokratieforschung droht Umbruch und Wissen-Verlust

Repräsentativer Bau: In dieser Villa am Rande des zentralen Campus der Universität Göttingen hat das Institut für Demokratieforschung seinen Sitz. Foto: Kopietz

Göttingen. Die Uni will das anerkannte Institut für Demokratieforschung neu ausrichten. 60 hochqualifizierte Mitarbeiter fürchten um ihre Jobs und die Existenz.

Das renommierte Institut für Demokratieforschung (IfD) der Uni Göttingen steht vor einem Umbruch. Die Uni plant mit einer neuen Professur eine neue thematische Ausrichtung. Befürchtungen der Mitarbeiter, die am Donnerstag öffentlich wurden, erhalten nach einer Antwort der Uni-Leitung auf eine HNA-Anfrage weitere Nahrung.

Professorenstelle

Ursprung dafür war die Ungewissheit um die dortige Professorenstelle. Die wird nach dem aus gesundheitlichen Gründen vorzeitigen Weggang des renommierten Politikforschers Prof. Franz Walter im Herbst 2017 kommissarisch durch eine Mitarbeiterin weitergeführt.

Uni: Keine Schließung

Aktuell befinde man sich in der Phase der Wiederbesetzung der Walter-Stelle, teilt die Uni-Spitze mit und sagt auch: „Es gibt keine Pläne das Institut zu schließen.“ Die Stele werde „selbstverständlich mit einer hochrangigen Kollegin oder Kollegen besetzt“.

Humboldt-Professur

Dabei könnte es sich auch, wie Mitarbeiter vermuten, um eine Humboldt-Professur handeln. Man habe „großes Interesse daran, eine weitere renommierte Alexander-von-Humboldt-Professur einzuwerben“, teilt Uni-Pressesprecher Romas Bielke auf Anfrage mit. Diese Humboldt-Professur wäre lukrativ, weil fremdfinanziert, und gut fürs Renommee, was sich wiederum positiv für die Exzellenzstrategie auswirken könnte.

Anderes Arbeitsfeld

Nach Informationen der Institutsmitarbeiter handelt es sich dabei um einen Professor mit einem fremden Arbeitsfeld, die Geschichte des 19. Jahrhunderts. Das passt nicht zur bisherigen, aktuellen Politik- und Gesellschaftsforschung im IfD. Viele der Mitarbeiter machen sich deshalb große Sorgen um Jobs und Existenz. Sie dürften durch die Auskunft der Uni-Leitung nicht weniger werden: „Neue Professuren ermöglichen der Universität auch immer eine Neuausrichtung im gleichen Wissenschaftsbereich. Daher sei es wahrscheinlich, dass die Nachfolge „nicht genau die selbe Richtung vertritt“.

Gespräche mit Mitarbeitern

Auch die Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Mitarbeiter macht diesen wenig Mut: „Die Beschäftigten, die sich in einer Qualifikationsphase befinden, können ihre Qualifikationsprojekte selbstverständlich abschließen“, teilt das Uni-Präsidium mit, ebenso könnten andere Mitarbeiter ihre Projekte beenden. „Mit allen Beschäftigten werden wir Gespräche führen.“

Anerkanntes Institut

Das Institut für Demokratieforschung bewegt sich forschungstechnisch in der Gegenwart. Es hat sich dabei in den zehn Jahren seines Bestehens eine anerkannte Expertise vor allem in der Erforschung aktueller rechts- und linksradikaler Entwicklungen und Protestbewegungen erworben – die häufigen Zitate in wissenschaftlichen Publikationen und Medien sprechen für sich. Kurzum: Das IfD hat sich einen Namen geschaffen, agierte unter Franz Walter aber auch scheinbar losgekoppelt von der Uni und der Sozialwissenschaftlichen Fakultät, was nicht überall gefiel.

Viele Drittmittel

Zwar nicht losgekoppelt, aber doch zu starken Anteilen fremdunterstützt, ist die Finanzierung des Instituts. Ein großer Teil kam aus Drittmitteln, oft aus öffentlichen Töpfen, wie des Landes Niedersachsen.

Land und politische Parteien zeigten bisher großes Interesse an der Arbeit und den zum Teil brandaktuellen Forschungsfeldern und -projekten, die sonst in Deutschland selten bearbeitet werden. Laufende Forschungsarbeiten sollen aktuell auf Anweisung der Universität beendet werden. Darunter seien auch mit öffentlichem Geld geförderte Projekte, heißt es aus Mitarbeiterkreisen. Neue dürften aber erst eingeworben werden, wenn die Walter-Nachfolge geklärt ist, so die Universitätsleitung.

Politik würdigt Arbeit

„Aktuell wichtiger denn je“, sei die Arbeit des Institutes für Demokratieforschung sagt der Göttinger Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler (CDU). Er hält die Einrichtung und Arbeit für „dringend notwendig“. Sie liefere der Politik wichtiges Hintergrundwissen – vor allem in Zeiten des wachsenden Radikalismus, Nationalismus und Populismus.

Güntzler setzt sich ein

Güntzler sieht das Institut in Gefahr. Er kündigt an, dem niedersächsischen Wissenschaftsminister Björn Thümler zu schreiben und sich weiter für das Institut, die Förderung und das Beibehalten der inhaltlichen Ausrichtung einzusetzen. „Wir brauchen diese Forschungseinrichtung“, sagt Fritz Güntzler und zielt darauf ab, dass das Institut für Demokratieforschung nach der von der Uni formulierten Aufgabe und Ausrichtung eine wichtige Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Wissenschaft ist und einen Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis liefert. (tko)

Hintergrund

Das Institut für Demokratieforschung wurde 2010 gegründet und gehört zur Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen. Leiter war bis Herbst 2017 Prof. Dr. Franz Walter. Ziel der Forschungsarbeit war und ist, politische Entwicklungen zu untersuchen und analysieren. Nach Aussage der Uni sollen aber auch „die komplexen europäischen Gesellschaften ihren sozialen Zusammenhalt nicht verlieren und die demokratischen Institutionen intakt bleiben“. Das Institut beschäftigt etwa 60 Mitarbeiter. Sie zählen mittlerweile zu Experten in der Erforschung von Rechts- und Linksradikalismus sowie der Protestbewegungen und Bürgerinitiativen. Die Liste der Veröffentlichungen und Bücher, die im IfD entstanden ist lang. Sie werden häufig von Forschenden und Medien zitiert. Einige Mitarbeiter sind auch als Lehrende an der Uni tätig und betreuen Demokratie-Projekte, so auch für Schüler. Studierende nutzen zudem intensiv die Möglichkeit, ihre Masterarbeiten im IfD zu schreiben. (tko) www.demokratie-goettingen.de

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