Minutenlanger Applaus

Inszenierung von boat people projekt: Umjubeltes „Schwesternherz“

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Grandiose Boat People: Selin Kavak (32) als Müjgan (im Sessel sitzend) als Au torin einer türkischen Fernsehserie und Sinem Süle (25) als Zehra in dem Stück „Schwesternherz“ des Göttinger Boat People Projekt von Caylan Ünal.

Göttingen – Mit minutenlangem Beifall feierten die Zuschauer die Uraufführung des Theaterstücks „Schwesternherz oder Zehra Nasil Öldü“ von Ceylan Ünal im Göttinger Werkraum des boat people projekts an der Stresemannstraße.

Grandios in ihrer Mimik und ihrer Präsenz waren die beiden Hauptdarstellerinnen Selin Kavak (32) als Müjgan, der Autorin einer türkischen Fernsehserie, und Sinem Süle (25) als Zehra, die eine zentrale Figur in dieser Fernsehserie spielte.

Allerdings mussten beide damit fertig werden, dass Verfasserin Ceylan Ünal sein Stück fast schon mit Botschaften überfrachtet hatte. Dabei ging es um das schwierige Leben einer Türkin zwischen den Welten in Deutschland und in ihrem Heimatland, das von einer nationalistischen, rückwärtsgewandten Politik bestimmt wird und in dem modern denkende Menschen unter Druck gesetzt werden.

Aufgehängt hatte Ceylan Ünal den Plot an Müjgan, die Zehra in der Fernsehserie „sterben“ lassen soll, sprich aus der Reihe schreiben soll: „Wie ist egal. RTL nimmt alles“. Der Schreibauftrag wächst Müjgan über den Kopf, Zehra setzt sich auch noch zur Wehr, wird lebendiger denn je.

All das spielt sich in einer Wohnung vor einer Wand aus Zetteln ab, unter anderen mit auf die Wand projizierten Skype-Gesprächen, an denen Fernsehleute, Familie und Freunde in der Türkei teilnehmen. Mit dabei ist auch eine türkische Nachbarin, die nie erscheint, von der die Zuschauer aber erfahren, dass sie bereits seit 35 Jahren in Deutschland lebt, kein Deutsch spricht und ihre Kinder kein Türkisch. Eine Quelle für Missverständnisse.

So werden durchaus plakativ, diverse Stereotypen abgearbeitet. Manchmal ironisch: „Ohne Döner würden die Deutschen verhungern.“ - Und manchmal bitter: „In Deutschland ist es so sauber, weil wir putzen.“ - „Es wurden Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen.“

Furios das Finale, in dem Selin Kavak, die auch schon im Tatort zu sehen war, sogar in einen platschnassen Hosenanzug steigt. Mehr wird an dieser Stelle aber nicht verraten.

Fazit: unbedingt sehenswert. Allerdings verlangt die Aufführung hohe Konzentration beim Zuhören, um die vielen Fäden richtig verknüpfen zu können. Regie hat Sonja Elena Schroeder geführt. Für die Bühne zeichnet Thomas Rump verantwortlich.

Nächste Aufführungen im Werkraum am 4., 5. und 6. April jeweils um 20 Uhr. Außerdem Gastspiele in Hannover und Braunschweig.

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