Internationale Händel-Festspiele Göttingen

Immer wieder Vendetta: Publikum feiert die Oper "Rodrigo" minutenlang

Im opulent-bröckeligen Ambiente: Erica Eloff (Rodrigo, von links), Fflur Wyn (Esislena), Anna Dennis (Florinda), Rus sell Harcourt (Evanco) und Jorge Navarro Colorado (Giuliano). Foto: Alciro Theodoro da Silva

Göttingen - Freitagabend feierte die diesjährige Oper der Händel-Festspiele im Deutschen Theater Premiere - es war ein besonderes, mitreißendes Erlebnis.

Es wird geraucht, getrunken, geliebt und geschossen. Alles zu wunderschöner Barockmusik. Georg Friedrich Händels selten aufgeführte Oper „Rodrigo“ war in der Inszenierung von Walter Sutcliffe am Freitag bei den Händelfestspielen in Göttingen ein packendes Theaterereignis. Und das, obwohl es einen entscheidenden Haken gab.

Denn nur selten war das auf der Bühne des Deutschen Theaters Dargestellte wirklich „schön“. Das fing schon beim Bühnenbild von Dorota Karolczak zum stimmungsvoll nuancierten Licht von Susanne Reinhardt an. Im herrschaftlichen Palast des spanischen Königs Rodrigo hängt zwar ein opulenter Kronleuchter, doch überall bröckelt und schimmelt es. Ein Zustand, offenbar ähnlich verrottet wie der Charakter seines Besitzers. Denn aus Rodrigos selbstgefälligem, eines Herrschers ganz unwürdigem Charakter entsprang das enorme Konfliktpotenzial der knapp dreistündigen Handlung. Erica Eloff überzeugte in einer Hosenrolle. Aus Freunden und Verbündeten wurden Rebellen, die nichts wollten als Rodrigos Kopf. Vendetta, die Rache für erlittene Schmach, war ständig an der Tagesordnung.

Ein großes Potenzial zu Aggressivität, die in dieser Inszenierung für eine Barockoper ungewöhnlich realistisch erschien, ehe sie im zweiten Teil dann vollends ins Absurde kippte. Das lag neben fantasievollen Kostümen und opulenter Requisite vor allem an der starken Bühnenpräsenz der sechs exzellent besetzten Protagonisten: Fflur Wyn als versöhnliche, immer wieder zu Opfern bereite Königin Esilena, ihre Gegenspielerin, die furios präsente Anna Dennis als von Rodrigo betrogene Geliebte. Jorge Navarro Colorado gab einen intensiven, teils radikal agierenden Giuliano. Sehr differenziert auch die Countertenöre Russel Harcourt als Evanco und Leandro Marziotte als buffonesker Höfling Fernando.

Die ungewöhnlich ausgedehnten Rezitative und die anspruchsvollen Koloraturarien wurden vom Festspielorchester Göttingen unter Laurence Cummings in vibrierende, vom Tutti bis zum virtuosen Solo reichende Klänge gebettet. Das begeisterte Publikum feierte Sänger, Orchester und Regieteam mit minutenlangem, rhythmischem Applaus.

Weitere Aufführungen, auch für Familien am 22., 25., 26. Mai, Karten über das DT Göttingen: Tel.: 0551 / 49 69 300, Programm unter haendel-festspiele.de

Von Felix Werthschulte

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