Diagnose Krebs bei Kindern

Internationaler Kinderkrebstag: Wenn eine Diagnose alles verändert - Das Göttinger Elternhaus unterstützt Familien

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Geschäftsführerin Dagmar Hildebrandt-Linne, Shimaa Maher, Yassin Maher, Ahmed Maher, Gamila Maher und Moritz Brummer (von links) im Elternhaus Gö ttingen.

Heute ist der Internationale Kinderkrebstag. Jedes Jahr erkranken 2000 Kinder und Jugendliche an Krebs. Das Elternhaus Göttingen unterstützt betroffene Familien. 

Göttingen – Das Unvorstellbare auf eine lange Schnur auffädeln. Piekser, Röntgen, Chemotherapie, für jede Untersuchung und jeden Eingriff gibt es eine spezielle Perle. Das sind die Mut-Perlen. Obwohl der dreieinhalbjährige Leo aus der Nähe von Eschwege erst am 23. Januar 2020 die Diagnose Krebs erhalten hat, ist seine Mut-Perlenkette schon lang.

Leo und seine Mutter auf der kinderonkologischen Station in Göttingen. Auf dem Tisch vor ihm liegt seine Mut-Perlenkette.

Er liegt auf der kinderonkologischen Station der Universitätsmedizin Göttingen. Im Fernsehen läuft Bob der Baumeister. Leo hat Hunger, er nimmt Nudeln und dippt sie in die Sauce, wie Pommes in Ketchup. Wird ihm alles zu viel, macht er die Augen zu. Leo zieht sich gerne in seine Welt zurück.

Kinderonkologie Göttingen: Häufigste Krebsart ist Leukämie

Jährlich erkranken 2000 Kinder und Jugendliche in Deutschland neu an Krebs. In der Kinderonkologie in Göttingen gibt es 14 Betten. Die häufigste Krebserkrankung bei Kindern sei Leukämie, sagt Prof. Dr. Christof Kramm, Ärztlicher Leiter der Abteilung Pädiatrische Hämatologie und Onkologie. Die Heilungschance liege bei über 85 Prozent.

Ging es vor 20 Jahren noch rein ums Überleben, rückt heute die Reduktion von Langzeitnebenwirkungen in den Fokus. In der Göttinger Station werden alle Krebsarten behandelt.

Elternhaus Göttingen: Platz für 31 Menschen - Familie Maher lebt dort

Wenn ein Kind Krebs hat, verändert das alles. Nicht nur für die Patientin oder den Patienten selbst, sondern für die Eltern, die Geschwister, für das ganze Umfeld. Um den Angehörigen die Möglichkeit zu geben, in unmittelbarer Nähe des erkrankten Kindes zu sein, wurde vor rund 30 Jahren das „Elternhaus“ gebaut. In dem gelben Haus gegenüber der Kinderklinik haben 31 Menschen Platz. 

Vier psychosoziale Fachkräfte begleiten die Eltern und Geschwister während ihres Aufenthalts im "Elternhaus". Es gibt Einzel- und Doppelzimmer und zwei kleine Wohneinheiten für Familien, die lange im "Elternhaus" wohnen müssen. So wie die Familie von Yassin aus Ägypten.

Elternhaus Göttingen: Yassin (10) hat einen seltenen Hirntumor

Yassin hat große schöne Augen, ist zehn Jahre alt und liebte seine langen, welligen Haare. Und Yassin hat einen sehr seltenen Hirntumor. Für seine Behandlung in Deutschland haben seine Eltern und seine Zwillingsschwester in Kairo alles zurückgelassen. Sie rechneten mit zwei Monaten Aufenthalt, als sie am 2. Juni in Hannover ankamen. 

Klinische Studien bei Kinderkrebsbehandlung

Die meisten Krebserkrankungen im Kindesalter werden in Deutschland innerhalb klinischer Studien behandelt, um die Standardtherapie zu verbessern und die Qualität von Diagnostik und Therapie zu sichern. 

Da Kinderkrebs zum einen selten sei, zum anderen sich die Erkrankungen auf circa 60 spezialisierte kinderonkologische Zentren verteile, würden die Erkenntnisse zentral zusammen geführt, sagt Prof. Dr. Kramm. Für Deutschland, Schweiz und Österreich ist Kramm der Ansprechpartner für die bösartigsten Hirntumore.

"Es geht nur darum, sein Leben zu retten"

Da es für Yassins Erkrankung kein Standardprotokoll gibt, geht die Familie  mittlerweile von drei bis fünf Jahren in Göttingen aus, da sie sich entschieden hat, die Therapie in Deutschland fortzusetzen.

Ahmed Maher, Yassins Vater sagt einen Satz, der in dem Zusammenhang häufig fällt: „Wir würden alles tun. Es geht nur darum, sein Leben zu retten.“ In der ersten Nacht in Göttingen hat Ahmed Maher von Moritz Brummer vom „Elternhaus“ erfahren. Brummer ist Psychologe und systemischer Familientherapeut der Elternhilfe Göttingen.

„Ich konnte es zunächst nicht fassen, dass hier Familien aus anderen Ländern geholfen wird, ohne irgendetwas zu verlangen“, sagt Ahmed Maher auf Englisch. Sie seien dem Team des Elternhauses sehr dankbar.

Schattenkinder: Auch für Geschwister schwere Zeit

Gamila, die Zwillingsschwester, besucht seit ein paar Monaten die dritte Klasse einer Göttinger Schule. Kinder wie sie sind sogenannte „Schattenkinder“. Denn auch für sie ändert sich von einem zum anderen Tag alles, sie treten sozusagen in den Schatten des Bruders oder der Schwester. 

Die Mutter Shimaa, die eigentlich Juristin ist, hat angefangen als Köchin zu arbeiten. Ab April beziehen die Mahers eine Wohnung in Göttingen. Die Familie richtet sich ein im Provisorium.

Elternhaus Göttingen: Enge Beziehung zwischen Team und Familie Maher

Die Beziehung zum Team des Elternhauses ist eng und voller gegenseitiger Wertschätzung. Ahmed Maher und Moritz Brummer unterhalten sich viel über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Und Shimaa und Sandra Faust vom psychosozialen Team verstehen sich, auch wenn Shimaa nicht so gut Englisch spricht und Sandra kein Ägyptisch-Arabisch versteht. Tränen oder Lachen kommen auch ohne Worte aus.

Manchmal steht Shimaa mit einem selbst gebackenen Kuchen vor der Tür des Teams. „Dieser Ort hilft uns so sehr, wir möchten etwas zurückgeben“, sagen die Mahers.

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