1. Startseite
  2. Lokales
  3. Göttingen
  4. Göttingen

Interview mit Göttinger Arzt: „Dicke Kinder werden oft diskriminiert“

Erstellt:

Von: Thomas Kopietz

Kommentare

Gesunde Ernährung. Bewegung in Schule und Freizeit helfen gegen Adipositas, krankhaftes Übergewicht, bei Kindern und Jugendlichen, ebenfalls Programme wie in der Adipositas-Ambulanz der Göttinger Uni-Klinik.
Gesunde Ernährung. Bewegung in Schule und Freizeit helfen gegen Adipositas, krankhaftes Übergewicht, bei Kindern und Jugendlichen, ebenfalls Programme wie in der Adipositas-Ambulanz der Göttinger Uni-Klinik. © Markus Scholz/dpa

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind von krankhaftem Übergewicht betroffen. Der Göttinger Arzt Markus Röbl (UMG) über Entstehung und Gefahren der Krankheit.

Göttingen – Der Begriff Adipositas steht für starkes oder krankhaftes Übergewicht. Umgangssprachlich wird daraus oft Fettleibigkeit oder gar Fettsucht – eine chronische Erkrankung. Etwa 25 Prozent der Deutschen sind adipös oder gefährdet – darunter sind zunehmend mehr Kinder und Jugendliche.

In Göttingen treffen sich Experten der Konsensusgruppe Adipositas-Schulung. Mit dabei ist der Kinder- und Jugendmediziner Dr. Markus Röbl aus der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Wir sprachen mit ihm.

Der Göttinger Arzt Dr. Markus Röbl (UMG) im Interview über Adipositas bei Kindern und Jugendlichen

Zurzeit wird viel über die psychischen Folgen der Corona-Pandemie gesprochen. Wie steht es um die körperlichen Folgen für Kinder und Jugendliche?

Es zeigt sich eine deutliche Zunahme der Essstörungen, nicht nur der Adipositas, sondern auch der Anorexie. Hierbei hat insbesondere das Ausmaß bedrohlich zugenommen. Ferner zeigen sich eine deutliche Zunahme von Somatisierungsstörungen, also wenn psychische Belastungen zu organischen Symptomen wie Kopfschmerzen und Bauchschmerzen führen. Die Folge ist nicht selten Schulabsentismus.

Wie hoch ist die Zahl der Adipositas-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen und wie hat sie sich in Deutschland in Folge der Pandemie entwickelt?

Laut einer RKI-Studie aus 2013 bis 2016 ergab sich etwa eine Häufigkeit von 10 Prozent Übergewicht und 6 Prozent Adipositas bei Kindern und Jugendlichen. Ähnlich waren die Zahlen für 2003 bis 2006. Auffällig war aber, dass nun Kinder mit niedrigem sozioökonomischen Status mehr als vier Mal so häufig von Übergewicht betroffen waren (27 Prozent gegenüber 6,5 Prozent). Die bundesweite Häufigkeit für 3- bis 6-Jährige betrug etwa 10 Prozent. Ergebnisse bei Einschulungsuntersuchungen 2021 in Hannover zeigen nach dem ersten Lockdown 2020 einen Anstieg für Übergewicht bei 5- bis 6-Jährigen von 9,5 auf 13,4 Prozent – also um gut 40 Prozent! Auch dabei waren Kinder aus schlechteren sozial-ökonomischen Verhältnissen deutlich stärker betroffen.

Wie war die Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren – auch in Bezug auf Bewegungsmangel durch mehr Sitzen und Gaming?

Das CresNet aus Leipzig, ein Netzwerk, das anonyme Daten von vielen Kinderarztpraxen bundesweit der Vorsorgeuntersuchungen auswertet, berichtete, dass in den 15 Jahren vor der Corona-Pandemie der Anstieg der Übergewichtshäufigkeit zwischen den Untersuchungsquartalen minimal war, aber nach dem ersten Lockdown sich fast verdreißigfacht hat. Eine repräsentative Befragung für die MOMO-Studie ergab, dass der Medienkonsum von etwa 130 Minuten täglich vor der Pandemie auf etwa 230 Minuten während des zweiten Lockdown erhöht hat, gleichzeitig das organisierte Sporttreiben in Schule und Verein von täglich 26,3 Minuten auf 3,7 Minuten drastisch gesunken ist – ebenso die tägliche Alltagsaktivität von 109 auf 62 Minuten.

Hat sich das normalisiert?

Nein. Nach Ende des zweiten Lockdown haben sich bis heute weder das organisierte Sportangebot noch die Alltagsaktivitäten normalisiert.

Was folgern sie daraus?

Das hinterlässt Spuren bei den Kindern und Jugendlichen. Diese Veränderungen haben in wissenschaftlichen Studien auch zum Rückgang der motorischen Fähigkeiten bei Grundschülern geführt.

Wie kann gegengewirkt werden?

Übergewicht entsteht durch ein Zusammenwirken von genetischen Faktoren und den gesellschaftlichen Bedingungen, in denen unsere Kinder und Jugendlichen aufwachsen. Wir können nur erfolgreich gegen die Adipositas-Pandemie sein, wenn die Gesellschaft sich mit hoher Priorität diesen Themen zuwendet. Die Politik muss der Medizin, Schule und Kommune den gesetzlichen Rahmen für einen gesellschaftlichen Wandel geben. Der erste Schritt in diese Richtung ist das geplante Disease-Management-Programm Adipositas, das die Zusammenarbeit im medizinischen System unterstützt.

Was wäre aus Ihrer Sicht noch nötig?

Ein nächster Schritt wäre ein Unterlassen von irreführender Werbung für Kinder und Jugendliche. Da insbesondere Kinder mit niedrigem sozialen Status betroffen sind, braucht es auch kommunale Programme, diese Kinder und Familien zu unterstützen. Es braucht Programme mit einer Offensive an niederschwelligen Bewegungsangeboten für Kinder und Jugendliche als Alternative zu dem hohen Medienkonsum.

Warum ist eine psychologische und medizinische Betreuung angezeigt?

Viele Untersuchungen zeigen, dass insbesondere ein multidisziplinäre Therapie-Angebot, also ein Team aus Psychologen, Sport- und Physiotherapeuten sowie Ernährungsfachkräften, am ehesten zum Erfolg führen. Wichtig ist hierbei, dass den Familien vorurteilsfrei und auf gleicher Höhe begegnet wird. Eine medizinische Untersuchung muss vor Therapiebeginn organische Ursachen ausschließen. Oft werden Kinder und Jugendliche mit Übergewicht von Mitschülern, aber auch Erwachsenen diskriminiert. Nicht selten entsteht ein geringes Selbstwertgefühl und -bewusstsein oder es zeigen sich auch depressive Tendenzen, sodass eine psychotherapeutische Unterstützung notwendig für die erfolgreiche Therapie ist.

Welche Rolle spielt das Umfeld der Kinder und Jugendlichen?

Die Vorbeugung von Übergewicht findet in der Familie, Kindergarten, Schule, Verein und auf Spielplätzen statt. Damit meine ich, dass wir in allen Bereichen einen gesellschaftlichen Wandel brauchen. Es kann nicht sein, dass Schulhöfe und Sportplätze nicht frei verfügbar sind für alle Kinder auch außerhalb der Schulzeit. Kinder und Jugendliche brauchen Bewegungsräume, die gerade im städtischen Bereich bei weiterer Verdichtung immer seltener werden. Aber wir müssen uns auch Gedanken über die Zusammensetzung unserer Nahrung machen, uns Fragen stellen wie: Muss der Zucker- oder Fettanteil eigentlich so hoch sein? Oder kann man auch mit weniger das Essen genießen?

Welche Therapien gibt es in Göttingen?

Für betroffene Familien ist immer der Kinder- oder Hausarzt der erste Ansprechpartner. Wenn die Unterstützung durch den Kinder- oder Hausarzt nicht mehr ausreicht, das Übergewicht zu behandeln, kann der Kinderarzt oder Hausarzt zu einem ambulanten Therapieangebot in das Sozialpädiatrische Zentrum der UMG-Kinderklinik überweisen oder eine ambulante oder stationäre Reha-Maßnahme empfehlen, eventuell auch eine Kombination, eventuell ergänzt durch eine psychotherapeutische Unterstützung oder durch eine Jugendhilfe-Maßnahme.

Was passiert, wenn die Politik nicht gegensteuert, Kinder sich weiter weniger bewegen?

Schon heute leiden viele stark adipöse Jugendliche an Folgeerkrankungen der Adipositas. Wird nicht gegengesteuert, dann ist zu befürchten, dass die adipösen Kinder und Jugendlichen von heute die sehr adipösen Erwachsenen von morgen sind. Die Folge wird ein weiterer Anstieg von Folge-Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Fettleber und Fettstoffwechselstörungen sein. Dies wird zum einen die Lebensqualität der betroffenen Erwachsenen spürbar mindern, zum anderen aber auch zu höheren Gesundheitskosten führen und als Folge sich ungünstig auf den Arbeitsmarkt auswirken.

(Thomas Kopietz)

Zur Person

Dr. Markus Röbl, geboren am 6. Oktober 1970 in Bad Segeberg, ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und arbeitet als Oberarzt in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Er leitet dort die Adipositas-Ambulanz für Kinder- und Jugendliche im Sozialpädiatrischen Zentrum. Röbl ist auch Mitorganisator des über Göttingen hinaus bekannten Projektes „Fit für Pisa“. Röbl ist verheiratet und hat drei Kinder. Er lebt in Göttingen. (tko)

Im Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende werden Menschen mit krankhafter Fettleibigkeit (Adipositas) behandelt. Die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) beteiligt sich am Welt-Adipositas-Tag.

Auch interessant

Kommentare