Interview zum Brexit: „Briten werden am meisten leiden“

Die Briten werden die Folgen des EU-Austritts massiv zu spüren bekommen: Davon ist der Göttinger Politikwissenschafter Prof. Dr. Andreas Busch überzeugt. Foto: Schlegel

Göttingen. Ein Paukenschlag ist das Nein der Briten zum Verbleib in der Europäischen Union. Wir sprachen mit Prof. Dr. Andreas Busch vom Institut für Politikwissenschaften der Universität Göttingen über den Brexit und die Folgen.

Haben Sie mit diesem Ausgang des Referendums gerechnet? 

Andreas Busch: Nein, es war unsicher über die letzten zehn Tage. Es schien so, dass sich alles kurz vor dem Referendum wieder fügte, wie man es erwartete, nämlich den Verbleib in der Europäischen Union.

Welche Folgen hat der Brexit für die Briten? 

Busch: Das ist die 100 000-Dollar-Frage. Also die, die fürs Rausgehen sind, glauben, dass es keine negativen und einen Haufen positive Folgen haben wird. Die Befürworter des Verbleibs haben immer vor negativen Folgen gewarnt.

Was glauben Sie, was wird passieren? 

Busch: Ich glaube, dass die wirtschaftlichen Folgen für die Briten erheblich und negativ sein werden. Es wird vor allem die treffen, die sich am wenigsten dagegen wehren können. Das sind die Bürger in den wirtschaftlich schwächeren Gebieten Englands mit beruflich schlechteren Aussichten, die jetzt in der Mehrzahl für den Brexit gestimmt haben.

Wie sieht es mit den Folgen für Deutschland aus? 

Busch: Ich würde nicht erwarten, dass es allzu negativ ist. Es ist ja nicht so, als wenn da jetzt eine Mauer gebaut wird, sondern am Ende werden wir ein Ergebnis bekommen, das nicht unähnlich mit dem Verhältnis zu Schweiz ist. Mit den Eidgenossen kooperieren wir ja auch ganz intensiv, und dorthin exportieren wir ganz viel. Die generelle Unsicherheit wird uns auch treffen, aber meine Einschätzung ist, dass die Briten selbst am stärksten darunter leiden.

Der Brexit zeigt, dass es Vorbehalte gegen die EU gibt. Was muss sich da ändern? 

Busch: Wenn ich da einen fertigen Plan hätte, würde ich den nicht verraten, sondern an Jean-Claude Juncker für viel Geld verkaufen. Die EU muss sich herausgefordert fühlen. Genau in welche Richtung sich da was bewegen soll, ist sehr unklar. Das was es in Großbritannien an Kritik an der EU gab, wurde nicht konkret gemacht, so dass man das jetzt einfach ändern könnte.

Was wurde denn kritisiert? 

Busch: Im Wahlkampf dort ging es um eine als zu stark empfundene Einwanderung. Die Freizügigkeit ist aber ein zentrales Element der europäischen Integration.

Könnte es Probleme für Studierende durch den Brexit geben? 

Busch: Ja, in absehbarer Zeit. Bislang zahlen deutsche Studierende die gleichen Studienbeiträge wie ihre englischen Kommilitonen. Künftig könnten von den deutschen Studenten die Gebühren für „Overseas Students“ verlangt werden, die um ein Vielfaches höher sind. Universitäre Bildung ist in Großbritannien ein bedeutender Wirtschaftssektor.

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Busch (53) hat seit 2008 den Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft und Politische Ökonomie an der Universität Göttingen inne. Er studierte Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Öffentliches Recht an den Universitäten München, Heidelberg und Oxford. In seiner Freizeit spielt der zweifache gern mit seinen beiden Söhnen.

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