Gastspiel mit Programm „Neustart“

Interview mit Comedian Florian Schroeder: „Die Künstler bespielen alles“

Ist zum Beginn des Göttinger Kultursommers zu Gast: Comedian Florian Schroeder.
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Ist zum Beginn des Göttinger Kultursommers zu Gast: Comedian Florian Schroeder.

Mit Florian Schroeder kommt ein Kabarettist und Parodist der Extraklasse zum Beginn des Kultursommers am Sonntag, 25. Juli, in Deutsche Theater nach Göttingen.

Göttingen – Für das Programm „Neustart“ gibt es noch Karten. Wir sprachen mit dem Comedian.

Neustart – welch Titel für ein Programm – in dieser Zeit! Neustart beinhaltet auch immer Aufbruch zum Neuen. Legen wir nicht gerade eher einen Stotterstart auf dem Weg genau dort hin, wo wir vor Corona und Lockdown waren?
Ja, das denke ich auch. Das Gefühl der Unsicherheit wird bleiben. Dennoch ist es natürlich genau in diesem Moment wichtig, wenigstens komödiantisch den Neustart hinzulegen, den wir uns alle herbeisehnen. Dafür sind Kunst und Komik schließlich da.
Es geht jetzt wieder auf die Bühnen. Was bedeutet das für Sie, der es ja auch gewöhnt ist, nur vor der Kamera zu agieren? Welche Bedeutung hat Live-Publikum generell für Sie?
In der ersten Show war ich irritiert, dass ich ständig unterbrochen wurde von Lachen und Klatschen. Schließlich habe ich jetzt ein Jahr im Fernsehen, bei Instagram und bei YouTube gesprochen, ohne diese unmittelbaren Begeisterungs-Äußerungen. Unverschämt, dieses aufdringliche Volk! ;-) ;-) Nein, es ist wunderbar, zu erleben, dass und wie es wieder losgeht. Aber auch dies passiert mit gebremstem Schaum – die Vorsicht ist groß, aber auch der Wunsch, wieder etwas zu erleneben. Es ist für alle ein wenig wie Laufenlernen nach einem schweren Unfall.
Welche Veränderungen, welchen Wahnsinn haben Sie an sich persönlich während der skurrilen Corona-Zeit bemerkt?
Ich lebe ja im Prenzlauer Berg in Berlin. Und dort haben wir zusammen mit vielen anderen angefangen, Spaziergänge im Park zu machen. Da bemerkten wir diese Gruppen, die gegen alle Abstandsregeln sehr nah nebeneinandersaßen. Die haben wir fotografiert und sofort auf Facebook gepostet. Es gab Leute, die behaupten, das sei nicht gut. Wir seien Blockwarte. Nein, das heißt heute Achtsamkeit.
In der Programm-Ankündigung heißt es auch – die Festplatte wird neu formatiert – jenseits von Hysterie und Gleichgültigkeit. Was machte diese Hysterie und gleichsam die Gleichgültigkeit aus – und wie hätte die Politik gegensteuern können - auch wir Medien?
Die Hysterie war ja schon vorher da, hat sich hier nur weiter beschleunigt. Das ist vielleicht eher das mediale Problem. Ständig braucht es einen neuen Reiz, eine neue News, die Clicks generiert. In diesem Aufmerksamkeitskampf wird eine Atemlosigkeit bedient, die auf Userseite ebenfalls schon da war und die ich für problematisch halte. So infizierten sich Medien und User gegenseitig. Das hat sich bei vielen Menschen ausgewirkt, indem sie ebenso hysterisch wurden oder eben sich zurückgezogen haben in die Gleichgültigkeit, die in ihrer extremsten Ausprägung dann in der Corona-Leugnung endete.
Hier in Göttingen gab es zahlreiche Solidaritätsaktionen und gar Gagenausfallzahlungen aus Spenden – gesammelt, verteilt vom Verein Kunst. War die Bundesregierung, waren die Landesregierungen solidarisch gegenüber den Künstlern, jenen, die plötzlich Harz IV beantragen mussten? Wie hätte eine Hilfe aussehen müssen, und wie muss perspektivisch vorgesorgt werden?
Nein, überhaupt nicht. Bei der ersten Soforthilfe der Bundesregierung für Künstler gab es das Geld nicht für Miete oder Essen, sondern nur für Betriebskosten. Aber ein Künstler, er nicht mehr arbeitet, hat keine Betriebskosten. Das ist so absurd, wie wenn die Lufthansa ihre Milliarden im Shutdown nur bekommen hätte bekommen für Kerosin, das sie nicht verbraucht. Wer Rücklagen gebildet hatte, die 60 000 Euro überschritten, bekam nichts. Wer keine hatte, aber auch nicht. Später kamen die entsprechenden Oktober/November- und Neustart-Hilfen, aber auch hier waren die bürokratischen Hürden hoch. In meinen Augen hätte man schlicht 75 Prozent der Einnahmen des Vorjahres ersetzen müssen – und zwar ohne all die Einschränkungen und Hürden im Kleingedruckten, die es vielen so schwer machten, dass sie den Eindruck bekamen, es gehe darum, sie von der Badarfsliste zu kriegen.
Welchen Schaden nimmt die Kultur mittelfristig? Im Sport erwartet man das Wegbrechen ganzer Talent-Jahrgänge, auch über eine Umorientierung? Wie kann und muss die Kultur darauf reagieren?
Ich meine, es ist zu früh, über mittelfristige Schäden zu sprechen. Die Kultur tut derzeit alles, was sie kann: veranstalten, veranstalten, veranstalten. Draußen, drinnen, dazwischen – unter Berücksichtigung aller Regeln. Kurzfristig und auch wieder mittelfristig ist eine ungeheure Aktivität zu spüren. Und Künstler ziehen mit und bespielen alles, was eine Steckdose hat.
Der Intendant am Deutschen Theater in Göttingen erwartet Kämpfe ums Fördergeld und, dass manche auf der Strecke bleiben. Eine berechtigte Sorge?
Das ist gut möglich. Ich höre auch von anderen Häusern, dass Gelder gestrichen werden. Unter dem Motto: Wer braucht schon zehn Premieren im Jahr, fünf reichen doch auch. Das Angebot wird künstlich verknappt, um die Preise hochzufahren. So kann man Kultur auch mittelfristig zerstören, indem man die Menschen schleichend entwöhnt.
Neustart: Was sollten wir neu auf die Festplatte nach dem Formatieren aufspielen – zwingend? An politischen, gesellschaftlichen und ethischen Inhalten.
Ich werde zeigen, wie es bei uns im Prenzlauer Berg zugeht – warum Männer die wahren Opfer der Gegenwart sind. Das Publikum darf den neuen Messias küren – mit anderen Worten, wir betreiben zusammen Cancel Culture, die Spaß macht. Und am Ende stelle ich meine Kanzlerkandidatur vor und zeige, wie wir wirklich langfristig aus der Krise herauskommen. (Thomas Kopietz)

Karten gibt es zum Preis zwischen 13,90 und 31,40 Euro bei der Kasse des Deutschen Theaters unter Tel. 0551/49 69 300 oder im Internet.

Zur Person: Florian Schroeder

Florian Schroeder (41) wuchs in Lörrach auch und hatte bereits mit 14 Jahren seinen ersten kurzen Auftritt in Harald Schmidts Fernsehsendung Schmidteinander, in dem er Prominente parodierte. Während seines Studiums in Freiburg arbeitete er beim dortigen Uni-Radio. 2006 wechselte der Kabarettist und Parodist nach Berlin, wo er noch heute lebt.

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