Interview mit Jan Fantl: Hollywood in Göttingen

Hollywood-Produzent mit Göttinger Wurzeln: Jan Fantl besuchte die Stadt seiner Kindheit. Er hat derzeit viele Pläne. Foto: Gewert

Göttingen. Er hat die Filmwelt geprägt - Hollywoodproduzent Jan Fantl. Seine Wurzeln liegen in Göttingen. Locker sitzt der 60-Jährige mit uns im Lokal Schillereck und plaudert aus dem Nähkästchen.

Wie kommt es, dass Sie jetzt Juryvorsitzender bei dem Göttinger Kurzfilmfestival sind? 

Jan Fantl: Das liegt an dem guten Pitch von Christian Ewald (Redaktion: Vorsitzender des FilmnetzWerks). Er hatte in Erfahrung gebracht, dass ich einen guten Bezug zu Göttingen habe. Er sagte, dass wir was Neues machen wollen. Ich finde es immer wieder spannend, neben meiner eigenen Tätigkeit, anderen Dingen eine Chance zu geben. Das gibt mir natürlich auch Einblick, was für Strömungen in Deutschland aktuell sind.

Wie ist es für Sie als Produzent, an der Seite von Filmgrößen zu arbeiten? 

Fantl: Es ist so, dass Sie mit einer Filmgröße in Deutschland länger befreundet bleiben, als in Hollywood. Es ist eine sehr professionelle Zusammenarbeit, herzlich, nicht reserviert. Aber sie ist in den meisten Fällen, nach der Auswertung des Films relativ schnell wieder vorbei. Es gibt wenige, mit denen ich mehr als einem Jahrzehnt, in Kontakt bleibe und bin. Die Vergesslichkeit ist im internationalen Filmgeschäft noch um ein Bedeutendes höher.

Gibt es jemanden, der Sie in Ihrer Laufbahn besonders beeinflusst hat? 

Fantl: Viele. Ich habe von meinen frühen Tagen in Deutschland sowohl bei meinem Vater (Redaktion: Regisseur Thomas Fantl), bei dem ich verschiedene Praktikantenstellen haben durfte, als auch später bei zahlreichen Produktionen der Bavaria in München viel gelernt. Dann von Regisseuren, die mich schon früh als Assistent in Projekte reingeholt haben, wie Hajo Gies bei der Entwicklung der Filmfigur Schimanski im Tatort. Das ist ein großes Sammelsurium von vielen verschiedenen Menschen. Bestimmte Dinge habe ich in Splittern gelernt, um daraus ein eigenes Verhaltensmuster zu machen.

Als was für einen Menschen betrachten Sie sich selbst? 

Fantl: Es gibt einen Spruch, den ich aus dem Englischen übersetzen kann, der heißt: „Es kann sein, dass ich weinen werde, ich werde aber sicher nicht aufgeben.“

Sie möchten... 

Fantl: Ich möchte unterhalten und viele Menschen erreichen. Egal, was ich erzählen will. Aus diesem Grund bin ich aus Deutschland weggegangen. Ich bin verpflichtet, dass Geld so einzusetzen, dass möglichst viele Menschen die Botschaft verstehen. Defacto ist das im Moloch Hollywood einfacher, da Sie dort von nichts anderem reden. Es gibt in Hollywood zahlreiche Filme, auch ernsthafte, die problematische Stoffe auf unterhaltsame Weise erzählen.

Was bedeutet das Kurzfilmfestival für die Filmbranche? 

Fantl: Das Kurzfilmfestival kann in einem Land, wo so viel Fördergeld zur Verfügung steht, nicht von Null auf Hundert im ersten Jahr eine Bedeutung haben. Dafür müssen wir hier eine Spezialität aufbauen, lokal und regional. Bis sie einen Ruf erhalten werden viele Jahre ins Land gehen, aber das ist erst der Anfang.

Warum sind Kurzfilme Ihrer Meinung nach wichtig? 

Fantl: Ich denke, dass der Kurzfilm eine völlig neue, eigenständige, kommerzielle Blütezeit bekommen wird. Es schrumpft bei vielen Menschen die Aufmerksamkeitsspanne. Von daher denke ich, dass gut und spannend erzählte Filme auf unseren Geräten, wie I-Pad und Tablets überall zu sehen sein werden. In einer schnelllebigen Welt gewinnen Kurzfilme an Bedeutung. Die Dramaturgie der Erzählweise wird sich verändern. Und darin liegt die große Zukunft, was man auf Youtube oder Vimeo schon erkennen kann.

Können Sie sich noch an den ersten Film erinnern, den Sie je gesehen haben? 

Fantl: Ich kann Ihnen sagen, dass ich schon bei Filmen dabei war, wo ich noch gar nichts gesehen habe, weil man mich schon als Baby mitgenommen hatte. Die ersten drei Worte, die ich kannte, waren: Mama, Papa und Ruhe bitte! Weil man mich schon als Baby mit ins Atelier genommen hat. Wenn ich mich recht entsinne war mein erster Kinofilm einer der ganz frühen Zorro-Verfilmungen: Zorro, der schwarze Rächer.

Was sind Ihre künftigen Projekte? 

Fantl: Ich komme gerade von einer Motivsuche auf den Kanarischen Inseln. Wir verhandeln ein Jesus-Musical als norwegisch-spanisch-amerikanische Koproduktion mit starken Einflüssen aus Hollywood. Die Produktion wird wahrscheinlich komplett in Europa realisiert. Da sind wir unter anderem im Gespräch mit Anthony Hopkins und mit Dwayne Johnson.

Erinnerungen an Heinz Erhardt

Ursprünglich wollte Jan Fantl Anwalt werden. Doch schnell merkte der spätere Produzent, dass seine Leidenschaft schon viel früher nur einen Weg für ihn vorsah: Die Liebe zum Film wurde ihm quasi in die Wiege gelegt.

In Deutschland war sein Vater teils durch Jan Fantls Großeltern, teils aber auch durch Göttingen selbst als Freiberufler in der Filmbranche angelangt. In den 1950er und 1960er-Jahren war Göttingen noch ein Zentrum des deutschen Filmes. Zeitnah wurde sein Vater Regie-Assistent bei diversen Heinz-Erhardt-Filmen und einigen anderen, die sich mit der Aufarbeitung Deutscher Kriegsvergangenheit befassten.

„Ich war noch nicht in der Schule, also verbrachte ich plötzlich meine Wochen und Monate in einem Sandkasten in Göttingen und spielte mit den Filmkindern von Heinz Erhardt.“ So kann er sich noch gut an den Film „Natürlich die Autofahrer“ erinnern. Bereits Ende der 50-er Jahre war er Komparse in „Drillinge an Bord“ an der Seite von Heinz Erhard. (mtg)

Die Zukunft der Filmwelt

Der Produzent Jan Fantl kommt gerade von den Kanarischen Inseln, wo er auf Motivsuche war: „Wir verhandeln ein Jesus-Musical als norwegisch-spanisch-amerikanische Koproduktion mit starken Einflüssen aus Hollywood. Die Produktion wird wahrscheinlich komplett in Europa realisiert.“ Bei der Story soll es sich um ein Musical aus den Tagen von Petrus handeln, bevor er Papst wurde. „Da sind wir unter anderem im Gespräch mit Anthony Hopkins und mit Dwayne Johnson“, erzählt Fantl.

„Ich sehe in Amerika wie die Qualitäts-TV-Serie den Kinofilm einholt und bereits überholt hat. Ich halte Netflixx, Sky, Amazon, bald auch Google-TV für die aufkeimende Zukunft.“ Es existiere eine Ermüdung gegenüber Reality-Shows, wie „You-Can-Dance“ oder DSDS. Sie werden abgelöst von Qualitäts-TV-Serien, wie „Game of Thrones“, „House of Cards“ und „Breaking Bad“. Das ist erst der Anfang. „Da wird viel Geld ausgegeben, um höhere Qualität als im Kino über eine lange Strecke herzustellen und das scheint zu funktionieren.“ Weiter meint er: „Wir entwickeln gerade zwei Formate, die, ähnlich wie in Amerika, von der Nord- bis zur Südküste, funktionieren.“ Die Formate produzieren weder einen Bergdoktor noch einen Tatort. „Wenn sie einen Tatort machen würden, muss der mindestens von Kopenhagen bis Palermo funktionieren, wenn nicht gleich weiter bis Shanghai und New York.“

Gleichzeitig liegt in den Wegen der Zukunft aber auch eine große Chance für europäische Filmemacher, da Geld eine deutlich geringere Rolle spielen werde. (mtg)

Zur Person

Jan Fantl (60), in Prag geborgen, arbeitete mit Filmgrößen wie Kevin Spacey zusammen und assistierte in seiner Anfangszeit bei zahlreichen Filmen und Tatort-Episoden. Seine Zeit dort endete mit dem ersten Schimanski Kinofilm Zahn um Zahn 1984. Außerdem wurde er für Filme von Wolfgang Petersen, Franz Peter Wirth (Wallenstein) und Peter Adam (Tatort) engagiert, war Regisseur der Sesamstraße und landete später als Produzent in Hollywood. Seit 1997 ist Jan Fantl als Produzent und Unternehmer tätig, wobei er sich darauf spezialisiert hat, Hollywood-Filme nach Europa zu holen, wie das Musical-Drama „Beyond the Sea - Musik war sein Leben“ mit Kevin Spacey, Kate Bosworth, John Goodman und Bob Hoskins.

Dessen Filmhandlung spielt zwar zum größten Teil in Amerika, gedreht wurde aber im Filmstudio Babelsberg und Berlin in Deutschland. Weitere Filme, die er koproduzierte, sind The Musketeer und A Sound of Thunder. Seit 2011 lebt er in London.

Von Marie-Therese Gewert

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