Interview: Intendant Sidler zum Saisonstart im Deutschen Theater

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Frische Gesichter: Mit dem Intendanten-Wechsel am Deutschen Theater kam auch eine Rotation ins Ensemble, das jetzt unverändert in die aktuelle Spielzeit gestartet ist.

Göttingen. Das Deutsche Theater mit mit einem wichtigen wie anspruchsvollen Stück in die Saison gestartet. Wieder stand, wie im Vorjahr, fast das ganze Ensemble bei dem Flüchtlingsdrama „Die Schutzbefohlenen“ auf der Bühne. Erich Sidler hat vorher mit uns über sein erstes Jahr als Intendant am DT und Zukunftserwartungen gesprochen:

Eine Spielzeit in Göttingen liegt hinter, eine vor Ihnen. Was war besonders? 

Sidler: Dass wir auf eine große Offenheit und Akzeptanz gestoßen sind. Mit unseren Produktionen bin ich sehr zufrieden. Mit anspruchsvollen Stücken wie „Der Ideale Gatte“, „Parzival“ und „Gas“. Damit haben auch überregionale Medien wie die SZ von uns Notiz genommen. Aber Parzival war kein Publikumsrenner. Und die starke Tom-Waits-Produktion, das Musikstück „Black Rider“ zündete erst nach acht Vorstellungen. Stücke von denen wir es erwartet hatten, liefen nicht so wie erwartet. Die Leute, die hier waren, waren begeistert. Aber die Welle, wie bei Black Rider erwartet, entstand nicht. Das ist eben Theater. Da müssen wir Erfahrungen sammeln. Auch dabei: Wie bewerben wir eine Produktion besser?

Aber Sie sind nicht unerfahren und haben das Funktionieren und Nichtfunktionieren von Stücken kennengelernt... 

Sidler: Ja, Bislang aber konnte ich so etwas meist erklären, kannte Publikum und die Stadt besser. Es ist ein Lernprozess. Manchmal passten vielleicht auch die Titel nicht, wie bei „Parzival“ und dem in Deutschland sehr negativ besetzten „Gas“.

Sie bleiben aber 2015/2016 bei vielen anspruchsvollen, zeitaktuellen Stücken... 

Sidler: Wir wollen Stoffe, die uns wichtig sind, wie „Gas“, etablieren, ihnen Raum geben. Wir wollen auch weiter, wie mit „Die Schutzbefohlenen“, zeigen: Das ist ein Thema, das uns beschäftigt – das ganze Ensemble. Und wir wollen es so zeigen, auch mit aller Deutlichkeit, wie es nicht alle Theater zeigen. Also mit dem gesamten Ensemble. Ich glaube, das ist angekommen. Das ist neu und anders.

Sie haben oft das große Haus als Bühne mit Aussagekraft propagiert, haben darunter die kleinen DT-Bühnen gelitten? 

Mann mit Blick für aktuelle Themen: Erich Sidler.

Sidler: Beim großen Haus geht es um das Statement. Das kleine DT 2, das ist Nähe, Intimität. Man ist mit den Schauspielern auf Tuchfühlung. Dort wollen wir ein anderes Erlebnis und andere Stücke bieten. Das Besondere am DT 2 ist: Wer gehen will, muss über die Bühne gehen. Darüber habe ich mich selbst ja sehr gewundert als ich das Haus kennenlernte. Es gibt ja räumlich keine andere Lösung: Die Tribüne kann nur so stehen. Beim DT 2 geht es darum, die Menschen zu locken, die im kleinen Rahmen eine dichte Atmosphäre erleben wollen. In dieser Spielzeit werden wir besser vorbereitet einsteigen, weil im ersten Jahr erst die großen Produktionen erarbeitet werden mussten. Ich bin zuversichtlich, dass es besser klappt mit dem DT 2, das leider baulich versteckt ist, denn kein Gast im Bistro kann es sehen. Das ist architektonisch nicht gut gelöst.

Benötigen Sie für die Statistik die Besucherzahlen des DT 2 oder kann das als Experimentierstätte nebenbei laufen? 

Sidler: Ich wünschte mir das. Aber es ist noch nicht so. In den vergangenen Jahren wurde hier sehr hochtourig gearbeitet, es gab extrem viele Vorstellungen, und die kleinen Spielstätten hatten einen nicht unwichtigen Anteil an den Zuschauerzahlen.

Wie beurteilen Sie den Auftakt „Die Schutzbefohlenen“? 

Sidler: Die Eröffnung mit „Die Schutzbefohlenen“ und „Terror“ ist politisch sehr aktuell – es sind die Stücke der Stunde. Auch mit „Schöne Fremde“ werden wir das Verhältnis zwischen uns und den anderen intensiv beleuchten. Das ist sicher ernster als ein Stück über Political Correctness wie „Homo Empathicus“, was fast als Komödie durchging. Aber Komödien zeigen wir auch: „Romulus der Große“, auch ein Stück der Stunde und die musikalische Komödie „Zwei Krawatten“ werden für den Ausgleich sorgen.

Zur Person

Der Schweizer Erich Sidler (50) ist seit der Spielzeit 2014/2015 Intendant am Deutschen Theater (DT) Göttingen und folgte auf Mark Zurmühle. Sidler studierte an der Universität Zürich, später Regie an der Hochschule Musik und Theater in Zürich, das er 1996 abschloss. Als Regie-Assistent arbeitete er am Niedersächsischen Staatstheater in Hannover, später als freier Regisseur am Nationaltheater Mannheim, am Staatstheater in Stuttgart und am Schauspiel in Essen. 2001 wurde Sidler Hausregisseur am Staatstheater Stuttgart und produzierte auch an anderen Theatern im Auftrag. Von 2007 bis 2012 leitete Erich Sidler das Schauspiel am Stadttheater Bern. Danach war er wieder frei tätig. Sidler ist ledig und wohnt in einem Ortsteil von Adelebsen bei Göttingen.

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