Interview: JVA-Leiterin zur Netzkritik: „Das macht mich wütend“

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Leitet die JVA Rosdorf seit 2009: Die Juristin Regina-Christine Weichert-Pleuger .  

Göttingen. Nach der Flucht eines Häftlings der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rosdorf am Montagnachmittag reagieren viele Nutzer im Internet mit Unverständnis und Entrüstung. 

Der 49-Jährige aus der Sicherungsverwahrung der Anstalt war entkommen, als er in Begleitung zweier Vollzugsbediensteter seinen Vater besuchte. Keine 24 Stunden später war er wieder gefasst. Nun äußert sich JVA-Leiterin Regina-Christine Weichert-Pleuger zu der Kritik.

Frau Weichert-Pleuger, das Netz tobt und will wissen, warum Sicherungsverwahrte nicht genau das sind: sicher verwahrt.

R.-C. Weichert-Pleuger: Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet, jedem Sicherungsverwahrten mindestens einmal im Monat eine Ausführung zu gewähren. Dabei geht es um die Aufrechterhaltung der Lebensqualität, aber insbesondere auch um die Aufrechterhaltung von vorhandenen sozialen Kontakten.

Ist das unabhängig von der begangenen Straftat?

Weichert-Pleuger: Ja, dabei gibt es keine Ausnahmen.

Auch die begleitenden Vollzugsbediensteten stehen in der Kritik. Macht sie das wütend?

Weichert-Pleuger: Und ob mich das wütend macht. Die Kritik kommt in der Regel von Menschen, die nicht nachvollziehen können, in welcher Situation sich Vollzugsbedienstete befinden. Die Kollegen müssen über einen langen Zeitraum ihre Konzentration hochhalten, solche Ausführungen können vier bis fünf Stunden dauern. Dabei sind sie Situationen ausgesetzt, die man im Vorfeld nie bis ins kleinste Detail durchplanen kann. Korrekt zu reagieren ist eine höchst schwierige Aufgabe. Es ist schnell gesagt: „Da haben die wohl nicht aufgepasst.“

Der Häftling konnte durch einen zweiten Ausgang fliehen. Müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht vorbereitet gewesen zu sein?

Weichert-Pleuger: Wir informieren uns immer im Vorfeld über die Örtlichkeiten. Das ist beim Einkaufen mit den Sicherungsverwahrten einfacher. In diesem Fall befanden wir uns aber im privaten Wohnhaus des Vaters. Ohne Einverständnis können wir uns dort nicht einfach umgucken.

Der zweite Ausgang ist nicht aufgefallen?

Weichert-Pleuger: Wir stehen bei der Klärung der Situation noch am Anfang. Es soll vor Ort nicht auf den ersten Blick erkennbar gewesen sein, dass es diese Tür gibt.

Zur Person

Regina-Christine Weichert-Pleuger (54) wurde in Berlin geboren. Sie studierte Jura an der Freien Universität in ihrer Heimatstadt. Nach dem 2. Staatsexamen wurde sie stellvertretende Leiterin der JVA Cottbus, später wechselte sie als Vize-Chefin an die JVA Hannover. Bevor sie im September 2009 Leiterin der JVA Rosdorf wurde, war sie Referatsleiterin in der Vollzugsabteilung im niedersächsischen Justizministerium in Hannover. Sie lebt mit ihrem Ehemann in Bad Münder (Kreis Hameln-Pyrmont). 

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