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„Keine Zeit mehr für Ausreden“: Autorenpaar Quaschning über das Abwenden der Klimakatastrophe

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Von: Thomas Kopietz

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Das Autorenpaar Cornelia und Volker Quaschning liest beim Literaturherbst in Göttingen aus seinem neuen Buch „Energie Revolution JETZT!“. Im Interview sprechen die beiden über die Klimakatastrophe.

Göttingen – Sie sind Revolutionäre in Gedanken: Cornelia und Volker Quaschning haben aus ihrem Podcast „Das ist eine gute Frage“ nun das Buch „Energierevolution Jetzt!“ geschrieben, das sie beim Göttinger Literaturherbst am Freitag, 28. Oktober in der Wissenschaftsreihe des Festivals vorstellen werden.

Eine Aufforderung zum Handeln, um den Klimawandel und eine sicherere Energieversorgung in den Griff zu bekommen. Dabei ist es nicht nur ein Aufruf, sondern auch durchaus ein Buch, das Pessimisten Mut machen kann, wie Cornelia und Volker auch im Gespräch mit unserer Zeitung verdeutlichen.

Interview: Das Autorenpaar Cornelia und Volker Quaschning über das Abwenden der Klimakatastrophe

Buchautoren-Team: Volker und Cornelia Quaschning haben das Buch „Energie Revolution JETZT!“ geschrieben und sagen, was geschehen muss - bei jedem Einzelnen - damit die Klimakatastrophe aufgehalten werden kann.
Buchautoren-Team: Volker und Cornelia Quaschning haben das Buch „Energie Revolution JETZT!“ geschrieben und sagen, was geschehen muss, damit die Klimakatastrophe aufgehalten werden kann. © Privat

Sie machen einen Podcast. Der heißt „Die gute Frage“: Welche Frage ist nicht nur eine gute, sondern vielleicht sogar die beste, wenn es um das Thema Energiewende, ja Energie-Revolution geht?

Wie viel Zeit bleibt uns noch, um die Klimakatastrophe aufzuhalten und können wir es noch schaffen?

Dann bitte beantworten Sie mir jetzt diese Frage knapp und prägnant?

Deutschland muss dafür bis 2035 klimaneutral werden, darf dann also kein Erdöl, Erdgas und keine Kohle mehr verbrennen. Die gute Nachricht lautet aber: Die Technologien dafür sind bekannt. Wir müssen sie einfach nur nutzen. Wie das im Detail möglich ist, beschreiben wir in unserem Buch.

Warum aber fällt es uns Menschen so schwer, in Sachen Klimaschutz und Energie massiv umzusteuern?

Der Punkt ist gar nicht, dass wir alle nur individuell handeln müssen. Klar, einige Dinge liegen in unserer Hand, so, ob wir uns vegan ernähren, fliegen oder welches Auto wir fahren. Viele Dinge können wir selbst aber gar nicht beeinflussen und brauchen dringend Rahmenbedingungen, die die Zerstörung von Klima und Umwelt stoppen.

Was meinen Sie konkret?

Wir möchten auch weiter in Zukunft in den Supermarkt gehen und ohne nachzudenken ins Regal greifen können. Das ist heute nicht möglich. Hierzu benötigen wir klare Rahmenbedingungen, die auch die Bevölkerung mitträgt. Dazu benötigen wir Politikerinnen und Politiker, die nicht nur bis zur nächsten Wahl denken, sondern ernsthafte Zukunftspolitik machen wollen, nah an der Wissenschaft handeln und positive Visionen nach außen tragen. Und die Medien müssen viel mehr positiv aufklären, damit wir alle Menschen dafür erreichen.

Jetzt, durch den Krieg und die Corona-Krise, haben viele Menschen den Glauben daran verloren, noch etwas gegen die Klimakatastrophe tun zu können. Was sagen Sie denen?

Aufgeben ist immer einfacher als sich ändern zu müssen. Es ist so bequem. Um Dinge, die unmöglich erscheinen, schaffen zu können, brauchen wir ganz viel positive Energien und mutige Menschen, die die anderen mitreißen können. Wir haben die Technologien zum Klimaschutz an der Hand und können uns diese auch leisten. Auch die Wirtschaft ist inzwischen viel weiter als die Politik. Wenn wir nun alle an einem Stang ziehen, dann können wir die Klimakatastrophe noch beherrschbar halten.

Sie schreiben auch von einer großen Lücke zwischen Wissen und Handeln – das ist doch ein generell menschliches Phänomen – wie können wir uns diesbezüglich ändern? Welche äußeren Einflüsse bedarf es - auch von Seiten der Politik?

Leider müssen viele Menschen erst in den Abgrund blicken, bevor sie ins Handeln kommen. Die Ahrtalflut, der letzte Dürresommer und die aktuelle Energiekrise haben vielen Menschen vor Augen geführt, dass wir nicht so weiter machen können wie bisher. Werden jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen, könnten wir aus den aktuellen Krisen besser herauskommen als wir reingeschliddert sind.

Sie nennen auch unser Unterbewusstsein als einen Lösungsansatz – warum kann es helfen?

Jein – das Unterbewusstsein und die von dort aus gesteuerten Routinen stehen uns bei Veränderungen auch ganz gehörig im Weg. Allein diese Erkenntnis, bringt schon sehr viel. Wenn der Leidensdruck hoch ist und wir zudem positive Visionen haben, können wir das Unterbewusstsein mit ins Boot bekommen und Veränderungen werden einfacher. Wenn dann auch noch möglichst viele Menschen mitmachen, wird es auch für die einzelne Person leichter. Deshalb sind auch die Rahmenbedingungen von der Politik so wichtig, denn da machen dann auch alle weitgehend mit und Großkonzerne werden auch auf den richtigen Weg gebracht, die für den größten Anteil an Klimaschäden verantwortlich sind. Wenn dann die Politik und die Medien es noch schaffen, ein positives Bild der Maßnahmen zu vermitteln, anstatt ständig von Verzicht, Verbot oder ähnlichem zu reden, dann kann das richtig gut funktionieren.

Stichwort Mobilität: Man redet permanent vom Ersetzen der vielen Autos, Verbrenner, warum reicht das nicht aus? In Niedersachsen sind drei Autobahnen in der Planung...

Die Deutschen haben ein irrationales Verhältnis zum Auto. Positive Beispiele in Barcelona oder Kopenhagen zeigen aber, dass Städte mit weniger Autos viel lebenswerter sein werden. In Deutschland gibt es Gesetze, dass Fußgänger und Radfahrer immer hinter Autos zurückstehen müssen. Diese müssen wir ändern. Anschließend brauchen wir mutige Kommunen, die vorangehen. Dann wird das auch schnell in Deutschland Schule machen. Denn am Ende profitieren alle davon.

Mobilität 2: Fliegen. Die Flughäfen sind verstopft. Warum ersetzen Menschen zu Hause jede Glühlampe auf LED, aber fliegen weiter um die Welt und auf Inlandsstrecken?

Hier schlägt die kognitive Dissonanz voll zu. Wir finden immer Ausreden, warum das Problem woanders liegt und warum es in Ordnung ist, dass ausgerechnet wir doch noch fliegen müssen. Auch die viel zitierte Flugscham hilft dabei offenbar nicht weiter. Darum muss der Staat nun dringend eine rasche und ambitionierte Beimischungspflicht von synthetischen Treibstoffen auf Basis erneuerbarer Energien beschließen. Damit wird das Fliegen teurer. Das reduziert Spaßtrips und ist der Weg in eine klimaneutrale Welt.

Ihr Buch trägt den Titel „Energierevolution JETZT!“ Reicht das eine Ausrufezeichen? Oder anders gefragt? Wie lange ist das Jetzt noch aufzuschieben? Reichen die technischen Innovationen, oder kommen diese zu spät?

Wir kennen die Technologien, mit der wir die schlimmsten Folgen der Klimakrise noch verhindern können und wir können uns diese auch leisten. Alle Innovationen sind schon da. Wer davon redet, wir müssen auf Innovationen warten, sucht eigentlich eine Ausrede, nicht handeln zu müssen. Die Zeit für Ausreden und weitere Blockaden haben wir aber nicht mehr.

Sie sind höchst unterschiedlich in den Lebensläufen und Tätigkeiten – wie kam es zu dem gemeinsamen Buchprojekt? Und: Leben Sie vor, was sie von anderen fordern?

Wir sind seit 1986 ein Paar und haben unsere Werte gemeinsam entwickelt. Wir haben immer zusammen diskutiert, reflektiert und sämtliche Entscheidungen gemeinsam getroffen. Wir gestalten seitdem unser Leben so umweltfreundlich wie möglich. Wir ernähren uns beide vegan, fliegen nicht mehr und setzen Klimaschutz so gut wie möglich auch im Alltag um. Oftmals haben wir andere Blickwinkel auf verschiedene Themen und ergänzen uns dadurch perfekt. In der Coronazeit wurde dann die Idee geboren, einen Podcast zu machen. Darin wollten wir auf die vielen Fragen eingehen, die an uns herangetragen werden. Darum haben wir den Podcast auch „Das ist eine gute Frage“ getauft. Der Podcast entwickelte sich extrem erfolgreich und viele Hörerinnen und Hörer zeigten großes Interesse, auch Folgen nachlesen zu können. (tko)

Informationen: Volker & Cornelia Quaschning, „Energie-Revolution JETZT!“, Hanser, 288 Seiten, 20 Euro. Beim Göttinger Literaturherbst: Freitag, 28. Oktober, Paulinerkirche, 19 Uhr. Karten und weitere Informationen finden Sie hier.

Zur Person

Cornelia und Volker Quaschning sind verheiratet und Autoren. Volker ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Er hat auch Bücher über Erneuerbare Energien und Klimaschutz geschrieben, war 2019 mit Gregor Hagedorn und vielen anderen Wissenschaftlern Mitinitiator von Scientists for Future. Seine Frau Cornelia hat Informatik studiert, arbeitet im Gesundheitsbereich. Beide leben extrem umweltbewusst. (tko)

Auch Moderator und Filmproduzent Hubertus Meyer-Burckhardt stellt beim Göttinger Literaturherbst sein neues Buch vor. Im Interview erklärt er, warum Frauen vielschichtiger sind. Ex-Fußballstar Neven Subotic spricht im Interview über sein Leben, Afrika und die Folgen des Kolonialismus.

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