Künstler liest und musiziert beim Göttinger Literaturherbst

Interview mit Achim Reichel: Türöffner zur eigenen Vergangenheit

Achim Reichel
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Der Musiker Achim Reichel ist beim Literaturherbst in Göttingen zu Gast. Er tritt in der NDR-Reihe „Der Norden liest“ in der Lokhalle auf.

Göttingen – Achim Reichel nennt seine Autobiografie „Ich hab das Paradies gesehen“, blickt darin gelassen auf ein erlebnisreiches Musiker-Leben zurück.

Am 24. Oktober ist er in der NDR-Reihe „Der Norden liest“ zu Gast beim Göttinger Literaturherbst. Es gibt noch Tickets unter literaturherbst.com

Herr Reichel, sind sie wirklich schon 76 Jahre alt?
Ja, das überrascht mich und ich kann es kaum glauben. Vielleicht ist es die Musik, die mich jung gehalten hat. Und mein Leben war auch nie langweilig.
Sie wirken gelassen, gleichzeitig voller Elan.
Das beschreibt es gut. Ich hatte sehr früh Erfolg, damals Anfang der 60er-Jahre mit den Rattles, wir waren sehr jung. Dennoch habe ich es immer irgendwie geschafft, dem Erfolgsdruck nicht zu unterliegen. Ich habe oft Dinge gemacht, die einfach anders und neu waren: wie das Verarbeiten von Lyriktexten in Songs und das Shanty-Album – damit war ich meiner Zeit auch schon mal voraus.
Seemannslieder – die Seefahrt gehört ja zur Familiengeschichte.
Die Männer in meiner Familie fuhren fast alle zur See. Ich wollte das eigentlich auch, dann kam die erste Gitarre, die ich mir gegen einen Plattenspieler eintauschte, dazwischen. Aber in der Tat: Ich war schon als Kind fürs Thema Seefahrt sensibilisiert, und vom Fenster unserer Wohnung konnte ich die Frachter auf der Elbe sehen.
Sie haben eine Autobiografie geschrieben – weil man es im Alter tun muss?
Nein, gar nicht. Ich habe mal eine Storyteller-Tournee gemacht und damals zu den Songs auch Geschichten meines Lebens erzählt. Daraus wurden mehr als 100 Konzerte, so viele habe ich nie bei einer Platten-Tournee gespielt. Da dachte ich, Hey, Du langweilst die Leute nicht mit deinen Geschichten, im Gegenteil, sie interessieren sich sehr dafür. Ich konnte natürlich nicht viel erzählen und dachte, irgendwann musst du das mal aufschreiben. Das tat ich ab und zu, merkte aber: Wenn Du so weitermachst, dann wirst du in deinem Leben niemals fertig.
Was war der Auslöser fürs Schreiben?
Meine Frau las von einem Reiseveranstalter, der Reisen auf Frachtschiffen anbietet. Ich fragte an und sah es als Zeichen: Wenn ich einen Platz bekomme, fahre ich mit. Also ging es ab Kamerun-Kai in Hamburg mit der ‘Blue Master 2‘ nach Namibia. Wenn du dich zwei Wochen fast nur mit deiner eigenen Geschichte beschäftigst, dann funktioniert dein Kopf wie ein Türöffner in deine Vergangenheit. Faszinierend war: Mir fielen so viele Dinge, die weg waren, wieder ein.

Video: Achim Reichel singt „Aloha heja he“

Jetzt sitzen Sie bald in der Lokhalle und lesen vor. Das ist wieder etwas Neues in Ihrem Leben.
Das war absolutes Neuland, als ich kürzlich in der Elbphilharmonie auftrat. 90 Minuten vorlesen, ist das lang, dachte ich. Aber es lief super, vielleicht auch, weil ich im Wechsel zehn Minuten las und zehn Minuten sang, nur mit Gitarre und der Unterstützung eines Perkussionisten. Ein tolles Erlebnis. In Göttingen werde ich das genau so machen.
Sie erzählen von einem Leben, das keinem Drehbuch folgte.
In der Tat hat sich vieles in meinem Leben einfach so zum Guten entwickelt, deshalb auch der Buchtitel. Ich habe nie versucht, etwas zu erzwingen, auch nicht bei Musikproduktionen. Aber ich habe scheinbar erkannt, wenn das Glück winkte. Und ich bin mir treu geblieben.
Viele Musiker in Ihrem Alter sind sehr erfolgreich, bei manchen, wie den Rolling Stones, wirkt es aber wie eine Blaupause.
Dazu kann ich etwas erzählen: Vor fünf Jahren war ich zum Stones-Konzert in Hamburg eingeladen, saß mit meiner Frau in der ersten Reihe. Dann stürmten Jagger und Co im Sprint auf die Bühne. Meine Frau lachte laut los. Warum? Weil das nicht authentisch war, sie spielten die jungen Hüpfer. Es wirkte wie eine Selbst-Persiflage.
Mit den Rattles waren sie früh im Ausland unterwegs, mit den Rock-Stars der Zeit. Wie war das?
Wir waren ja Fans der Stones und Little Richard – und spielten plötzlich mit ihnen Tourneen. Wir fuhren im selben Tourbus, wo Little Richard jeden Morgen vor dem Spiegel stand, sich zu uns umdrehte und fragte: „Am I beautiful?“ Großartig. Und die Beatles traten im Hamburger Star-Club auf, wo auch wir Rattles spielten. Die Clubszene auf St.Pauli war großartig, es gab Clubs, wo wir jungen Musiker erleben konnten, was sich in der Musik so tut. Das gibt es heute nicht mehr, leider. Wir waren zunächst Rock’n’Roller, dann fanden wir den Beat toll und spielten ihn – ohne, dass uns das ein Plattenagent vorgab. (Thomas Kopietz)

Zur Person: Achim Reichel

Achim Reichel (76), ist ein Unikum der deutschen Pop-/Rockmusik, gründete 1960 die Rattles, neben den Lords Deutschlands erfolgreichste Beat-Band. Er pachtete später den legendären Star-Club in Hamburg, wo die Rattles und Beatles aufgetreten waren. Seine Solo-Karriere ist geprägt von Mega-Hits wie „Der Spieler“ und „Aloha heja he“. Reichel lebt mit Familie in Hamburg. (Thomas Kopietz)

Karten für das Gastspiel in Göttingen

Achim Reichel tritt am Samstag, 24. Oktober, um 19 Uhr in der Lokhalle. Tickets sind hier erhältlich. Karten für das Online-Angebot „Literaturherbst on air“ gibt es hier.

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