INTERVIEW

AStA-Vorsitzende Pippa Schneider zum Semesterstart: „Es ist alles etwas entspannter“

AStA-Vorsitzende Pippa Schneider hält einen der neuen Erstibeutel in die Kamera.
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Das Semester kann starten: AStA-Vorsitzende Pippa Schneider hält einen der neuen Erstibeutel in der Hand, mit dem die Erstis in Göttingen empfangen werden.

An der Universität Göttingen beginnt in wenigen Tagen das Wintersemester 2021/22. Es ist ein besonderes.

Göttingen – Nach eineinhalb Jahren Distanz-Lehre und Online-Veranstaltungen sowie -Prüfungen werden wieder – eingeschränkt – Präsenzveranstaltungen laufen. Wir haben mit der AStA-Vorsitzenden Pippa Schneider gesprochen, was von diesem Semester zu erwarten ist.

Wie findet der AStA die von der Uni getroffene Regel in Form eines Hybridsemesters mit 3G, wobei zum Beispiel die Hörsäle nur zur Hälfte ausgelastet sein sollen?
Wir haben jetzt andere Corona-Zahlen; es ist alles etwas entspannter. Dadurch dass viele Studierende geimpft sind, ist die Situation eine andere als noch vor einem halben Jahr. Daher sind wir damit einverstanden, dass wieder mehr Präsenz stattfindet. Für uns ist wichtig – was wir auch in den Gremien durchgesetzt haben –, dass es ein Hybridsemester gibt. Das heißt, dass Studierende, die zu Risikogruppen gehören, sich online dazuschalten können.
Seit Montag, 11. Oktober, gilt in den Mensen die 2G-Regelung. Man muss also geimpft oder genesen sein, um dort essen zu dürfen – und sich vorher einchecken. Ist diese Regelung angemessen?
Das sehen wir sehr kritisch, weil sich dadurch Probleme aufwerfen. Zum Beispiel haben wir internationale Studierende, die teilweise mit Impfstoffen geimpft sind, die in Deutschland nicht anerkannt sind. Diese Studierenden müssen sich eine Dritt- und Viertimpfung mit anerkannten Impfstoffen geben lassen. Das Problem ist: Das Ganze dauert 60 Tage und solange können die Leute nicht in die Mensa. Da das gemeinsame Mensaessen aber einen integrativen Teil des Studierendenlebens ausmacht, finden wir es schwierig, dass die internationalen Studierenden, die hier neu ankommen, die ersten Monate erstmal allein zu Hause essen sollen.
Sie können also praktisch nur an den Lehrveranstaltungen teilnehmen – sofern sie einen negativen Coronatest mitbringen. Sind diese Tests auf dem Campus kostenlos?
Ja, die sind kostenlos. Wir haben hier das Projekt Campus-Covid-Screening. Das sind zwei Testzentren, in denen es für alle Uni-Angehörigen kostenlose PCR-Tests gibt. Das ist sehr wichtig, da sich auch die bereits Geimpften regelmäßig testen lassen sollen. Vielen Studierenden sind die Nebenjobs weggefallen; sie haben Geldsorgen. Da wäre es nicht angebracht, für die Tests bezahlen zu müssen.
Trotz Corona ist die Wohnsituation in Göttingen weiter angespannt. Was muss Ihrer Meinung nach getan werden, damit sich daran etwas ändert?
Diese Frage beschäftigt uns nicht nur zu Corona-Zeiten. Auch in anderen Uni-Städten ist es Thema, dass zu wenig bezahlbarer Wohnraum vorhanden ist. Leider gibt es bislang keine Antwort darauf, allenfalls Ansätze. Früher hat etwa das Studentenwerk für Erstis, die noch keine Wohnung gefunden hatten, Hotelzimmer angemietet. Eine Bettenbörse für ankommende Erstis gibt es bislang noch nicht. Sonst ist da die Politik gefragt. Wenn neu gebaut wird, müssen die Wohnungen bezahlbar bleiben, etwa durch genossenschaftliches Bauen. Als AStA sind wir nicht in der Position, daran etwas ändern zu können. Das Wohnraumbündnis, dem wir angehören, soll politischen Druck ausüben.
Über das Semesterticket muss in Göttingen jedes Jahr neu abgestimmt werden. Zuletzt stand auch ein regionales Busticket zur Wahl; es wurde knapp abgelehnt. Soll wieder darüber abgestimmt werden?
Wir werden das regionale Busticket wieder zur Wahl stellen. Wir verhandeln darüber mit den Unternehmen. Dann gibt es Angebote, über die die Studierenden abstimmen können. Wenn man innerhalb der Stadt keine Wohnung findet, ist es praktisch, wenn das im Semesterticket mit drin ist. Für den Einzelnen ist es viel günstiger, da sich alle 30 000 Studierenden daran beteiligen würden.
Studentischen Initiativen war es in der Coronazeit nahezu unmöglich, sich zu treffen. Wird das in absehbarer Zeit besser, sodass mehr Studenten wieder Lust auf Engagement bekommen?
Da haben wir in der Tat Hoffung. Es ist auch nicht ganz so düster in den Pandemie-Monaten gewesen. Ja, es war schwieriger, aber es haben sich viele Initiativen online getroffen. Da nehme ich weiter ein großes Engagement wahr. Wir haben auch im AStA viele Gruppen, die verschiedenste Angebote machen; darunter etwa eine Geflüchtetenberatung oder die Initiative Arbeiterkind für Studierende aus Nicht-Akademiker-Familien. Das hat online stattgefunden und langsam wird es auch wieder in Präsenz Beratungen geben.
Was nehmen Sie an Erfahrungen aus der Corona-zeit mit, und was sind gar Errungenschaften, die die Pandemie gebracht hat?
Die Onlinelehre hat während der Pandemie die größten Fortschritte gemacht. Die Uni hat einiges an Technik angeschafft und viele Lehrende haben gelernt, wie man eine gute Online-Vorlesung hält. Das heißt aber nicht, dass wir uns nur noch Online-Vorlesungen wünschen, wenn die Pandemie vorbei ist. Aber man kann einen guten Mix schaffen. Denn es hat natürlich Vorteile, wenn man morgens nicht zum Campus fahren muss, um an einer Veranstaltung teilzunehmen.
Und was hat gefehlt während der Coronazeit?
Die sozialen Kontakte haben gefehlt. Das ist nicht mal unbedingt die Party, sondern auch Treffen mit Freunden, die nicht möglich waren. Für die Erstis war das eine megaschwierige Zeit. Manche Drittsemester haben die Uni bislang nicht von Innen gesehen. Ihre Kommilitonen haben sie nie real getroffen, sondern nur bei Zoom. Das behindert, Lerngruppen zu bilden und an Projekten zu arbeiten. Hinzu kommt, dass viele Nebenjobs, zum Beispiel in der Gastronomie, weggefallen sind. Gleichzeitig bekommen aber nur noch elf Prozent aller Studierenden BAföG. Das hat viele vor große finanzielle Schwierigkeiten gestellt. Manche haben sogar abgebrochen, weil sie sich das Studieren nicht mehr leisten konnten.
Welche Erwartungen haben Sie als Studenten an die Politik – auch über Göttingen hinaus?
Beim BAföG ist problematisch, dass es nur noch wenige Leute erreicht. Da braucht es eine Reform. Die Freibeträge müssen erhöht werden, sodass mehr Menschen erreicht werden. Der Förderbetrag selbst muss zudem erhöht werden. Von der derzeitigen Wohnpauschale kann man sich in großen Uni-Städten keine Wohnung leisten. Was wissenschaftspolitisch auch ganz aktuell ist: Der Hashtag #ichbinhanna hat große Aufmerksamkeit bekommen. Viele Menschen in der Wissenschaft sind befristet beschäftigt. Darunter leiden Forschung und Lehre. Daher fordern wir, dass das Wissenschaftszeitvertragsgesetz abgeschafft und durch etwas Sinnvolles ersetzt wird.
Und was kommt vom Land?
In Niedersachsen wird 2022 ein Landtag gewählt. Hier finden sich weitere Kritikpunkte. Momentan werden den Hochschulen im Rahmen der globalen Minderausgabe 24 Millionen Euro gekürzt. Dadurch wird alles gestrichen, was nicht niet- und nagelfest ist. In Hannover ist davon etwa der Studiengang Meteorologie betroffen. Bei uns ist dadurch das Studium Oecologicum weggefallen, ein Zertifikatsprogramm für nachhaltige Module. Zudem wurde die bei der Uni angesiedelte Antidiskriminierungsberatung gestrichen.

ZUR PERSON

Pippa Schneider (26) ist in Kassel geboren und in Würzburg aufgewachsen. 2013 kam sie zum Studium nach Göttingen. Sie studiert den Masterstudiengang Mathematik. Seit April 2021 ist sie AStA-Vorsitzende; davor war sie ein Jahr Finanzreferentin. Sie gehört der Grünen Hochschulgruppe an und engagiert sich noch bis Anfang November als niedersächsische Landessprecherin für die Grüne Jugend, der sie 2011 beigetreten ist. Pippa Schneider wohnt mit ihrem Freund und ihren zwei Kindern in Göttingen.  brk

(Paul Bröker)

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