Offener Dialog schafft Verständnis

Interview mit Dr. Aleksandra Burdziej: Wie Nachbarn die Nachbarn sehen

Junge Menschen demonstrieren auch in Polen in großer Anzahl – wie hier in Warschau – und fordern die Staats- und Regierungschefs auf, stärkere Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels zu ergreifen.
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Junge Menschen demonstrieren auch in Polen in großer Anzahl – wie hier in Warschau – und fordern die Staats- und Regierungschefs auf, stärkere Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels zu ergreifen.

Das Verhältnis der EU und speziell Deutschland zu Polen auf politischer Ebene ist belastet. In Göttingen und der Partnerstadt Torun bemühen sich seit Jahrzehnten Menschen um gegenseitiges Verständnis.

Göttingen – In Torun lief jetzt das 2. Göttinger-Thorner-Seminar. Es ging um die Sicht der Dinge der Deutschen und der Polen auf den jeweiligen Nachbarn.

Diskussionsgrundlage für die etwa 60 Teilnehmer, darunter sieben aus Göttingen, waren zwei Filme. Wir haben mit der Organisatorin und Vorsitzenden der Polnisch-Deutschen Gesellschaft in Torun, Dr. Aleksandra Burdziej gesprochen – auch über Klischees und Wirklichkeit.

„Die Polen im deutschen - die Deutschen im polnischen Film“, so das Seminarthema: Welche Probleme oder Stereotype wurden bezüglich des Bildes über den Nachbarn deutlich? Sind diese zu verallgemeinern – oder basieren sie auf einer individuellen Sicht der Filmemacher?
Natürlich ist es so, dass die Filmemacher die Realität und die Menschen beobachten und dann ihre Beobachtungen in den Filmen oft ins Extreme führen, um die Dynamik der Filme zu steigern und diese interessanter zu machen, natürlich auch, um sie besser verkaufen zu können. So war es auch im Fall von diesen Filmen.
Was wurde deutlich, wie sehen die Deutschen die Polen und die Polen die Deutschen?
Die Stereotype, die im Film des deutschen Regisseurs Lars Jessen aufgetaucht sind, waren grundsätzlich jene, die den älteren Generationen der Polen und der Deutschen gut bekannt sind: die Polen als die einfachen, armen Nachbarn im „wilden“ Osten. Interessanterweise wurden aber hier manche Stereotype auch umgekehrt: Die Deutschen wurden hier auch als diejenigen gezeigt, die den Frieden stören, Streitigkeiten und Skandale anzetteln, die sich unhöflich und unangemessen verhalten.
Hat sich das Bild der Polen und Deutschen über den Nachbarn im vergangenen Jahrzehnt verändert, wenn ja wie?
Ja. Das konnte man gut auch insbesondere an dem Film von Lars Jessen „Hochzeitspolka“ sehen, der 2010 gedreht wurde. Die Diskussion ergab, dass viele der Stereotype, die thematisiert wurden, nicht mehr aktuell sind und, dass sie von den jüngeren Generationen auf beiden Seiten gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden, wie das Bild der Deutschen von den armen polnischen Nachbarn, den einfachen Leuten aus den Dörfern, die mit Mühe ihre Existenz aufbauen, bedingungslos der katholischen Kirche vertrauen, keinen Geschmack in der Mode haben und viel Wodka trinken. Und in Polen das Bild der Deutschen, denen man sich ständig unterlegen fühlt, die alles immer ordentlich und gut machen.
Wie wichtig sind Seminare für und generell die Initiativen wie die der deutsch-polnischen und polnisch-deutschen Gesellschaft für das Verhältnis - werden solche Projekte gefördert?
Ich finde sie extrem wichtig, denn unser Format als Beispiel führt zum realen und offenen Dialog, auch ohne schwierige und heikle Fragen und Themen zu vermeiden. Nur so – durch echtes Kennenlernen, durch Freundschaften, reale Kontakte und vor allem offene Gespräche kann man eine sinnvolle Nachbarschaft aufzubauen versuchen. Unser Seminar wurde von allen Teilnehmern als sehr spannende wahrgenommen und somit als Erfolg betrachtet – auch das zeigt: Diese Veranstaltungen sind sehr wichtig. Deshalb sind wir unseren Förderern sehr dankbar, vor allemder Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit sowie dem Deutschen Akademischen Austauschdienst.
Welche Ideen gibt es für weitere Veranstaltungen?
Wir haben mehrere Ideen, die ich aber im Moment noch nicht verraten möchte - all dies werden wir zuerst noch mit unseren Göttinger Freunden und Partnern diskutieren. Auf jeden Fall planen wir aber das 3. Göttinger-Thorner Seminar im Herbst 2022, und zwar dann in Göttingen.
Sind auch jüngere Menschen in der Partnerschaft, bei Veranstaltungen engagiert – und wie kann man speziell an die Schüler- und Studentengeneration herankommen, zum Mitmachen bewegen?
Ja, was mich besonders gefreut hat, ist, dass auch mehrere Studierende dabei waren, die mit großem Interesse die Diskussionen sowie das kulturelle Angebot unseres Seminars verfolgt haben. Ich arbeite an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Torun als wissenschaftliche Mitarbeiterin und bin überzeugt, man muss den jungen Menschen den Sinn dieses Engagements verdeutlichen, sie entsprechend zum Engagement ermuntern, aber sie auch von Beginn an als Partner betrachten.
Wie können Sie die jungen Menschen denn überzeugen, mit welchen Argumenten?
Wir müssen die jüngeren Generationen überzeugen, die Qualität der Beziehungen Polens mit den Nachbarschaftsländern auch als ihre Aufgabe und Herausforderung zu betrachten. Damit es nämlich auf der politischen Ebene funktioniert, müssen wir uns als Menschen verständigen können und unsere Kulturen sowie Geschichte wirklich gut kennen. Deswegen veranstalten wir auch unsere Göttinger-Thorner Seminare - es geht eben um diese elementare Annäherung zwischen den Polen und den Deutschen, und zwar auf der Ebene der Kultur, Wissenschaft, Gesellschaft. Und natürlich auch darum, dass diese Beziehungen gelebt werden müssen, über Kontakte, aber auch über offene, kritische Diskussionen. All das weckt Interesse und schafft Verständnis. (Thomas Kopietz)
Dr. Aleksandra Burdziej (38), studierte auch in Göttngen. Sie ist Literaturwissenschaftlerin und Germanistin.

Zur Person: Dr. Aleksandra Burdziej 

Dr. Aleksandra Burdziej (38), studierte auch in Göttngen. Sie ist Literaturwissenschaftlerin und Germanistin. Sie lehrt als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Nikolaus-Kopernikus-Universität Torun den dort Studierenden Deutsch. Burdziej ist Vorsitzende der Polnisch-Deutschen-Gesellschaft in Torun. Sie lebt mit der Familie in der Partnerstadt Göttingens. (tko)

Deutsch-Polnische-Gesellschaft ist an diesem Wochenende Gastgeber

Göttingen – Harm Adam ist das Gegenstück zu Aleksandra Burdziej, er ist Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Göttingen. Adam lebt zudem intensiv die Städtepartnerschaft und war beim Göttinger-Thorner-Seminar dabei und spricht über die Filme, die gezeigt wurden.

Im Dokumentarfilm „Dorf der schwimmenden Kühe“, einer britisch-deutsch-polnischen Produktion „spielte die mit Regisseurin Katarzyna Trzaska mit schon bei uns bestehenden Klischees“ – betreffend dreier junger Neo-Hippies aus Berlin, die ihren Traum vom einfachen Leben für einige Wochen in einem entlegenen Dorf in Polen ausleben und genießen wollen. Danach kehren sie in ihre angestammten bürgerlichen Berufe zurück und nutzen Handys. Im Kontakt mit den Einheimischen, die in kirchlichen und ländlichen Traditionen verwurzelt sind, treten Unterschiede zu Tage.

Protagonisten der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Göttingen (DPG) sind der Vorsitzende Harm Adam (rechts) und sein Vorgänger Norbert Baensch.

Im Film „Hochzeitspolka“, wird mit vielen Klischees, die die Deutschen von Polen haben, gespielt. Adam sagt: „Die Stereotype wurden auch bewusst getauscht: So erwiesen sich die überraschend erschienenen Freunde des seine polnische Freundin heiratenden Protagonisten, die mit diesem in einer provinziellen deutschen Rock-Band gespielt hatten, besonders trinkfest und prügeln sich im Verlauf der Hochzeit mit ihren polnischen Gegenübern“.

Besonders beeindruckt war Harm Adam von dem in polnischer Sprache aufgeführten Theaterstück „Frau Arndt ist systemrelevant“, wo es weniger um Stereotype in Bildern über Nachbarn Deutsche und Polen ging, als vielmehr um die sozialen Konsequenzen aus dem Online-Handel. „Wir als Deutsch-Polnische Gesellschaft Göttingen werden versuchen, dem brillant von Celina Muza gespielten Monodram in der Übersetzung von Andreas Visser eine Bühne in Göttingen zu vermitteln“, sagt Adam, der betont, was die DPG jetzt und künftig leisten muss: „Wir müssen als DPG und als Zivilgesellschaft beider Länder bemühen, den Dialog nach der Pandemie zu intensivieren und dabei gerade auch die Jugend in den Blick zu nehmen.“

Das wird auch Thema des Kongresses Nachbarschaft in der Mitte Europas im Rahmen der DPG-Jahresveranstaltung ab Freitag in Göttingen sein. Der Kongress der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband steht seit vielen Jahren unter dem Motto Nachbarschaft in der Mitte Europas. „Vor allem durch unsere ehemaligen Vorsitzenden Norbert Baensch und Reinhard Caspari haben wir als Göttinger DPG bei der Gründung der Vorgängerorganisation „Arbeitsgemeinschaft Deutsch-Polnische Verständigung“ mitgewirkt und die deutsch-polnische Zeitschrift „Dialog“, deren Preis beim Kongress verliehen wird, mit initiiert.“ (Thomas Kopietz)

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