Start, Glück und Probleme

Interview mit Göttingens Uni-Präsident Metin Tolan: Auch nach 100 Tagen noch gelassen

Porträt Uni-Präsident Metin Tolan.
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Positiver Typ: Prof. Dr. Metin Tolan ist seit mehr als 100 Tagen Präsident der Uni Göttingen.

Göttingen – Die öffentliche Schonfrist von 100 Tagen ist Mitte Juli abgelaufen – für Metin Tolan, den Präsidenten der Georg-August-Universität.

Im April trat er an und versprach mehr Transparenz und Offenheit für Diskussionen. Was ist draus geworden. Wir sprachen mit Tolan.

Herr Tolan, bei Terminen wirken Sie entspannt und gelöst, wie ist das bei der Mammutaufgabe, die sie übernommen haben, zu erklären?
Ganz einfach, weil mir die Aufgabe unheimlich Spaß macht. Ich hatte bisher das große Glück in meinem Leben, dass ich immer das machen konnte, was mir Spaß macht. Das ist hier nach gut 100 Tagen nicht anders. Dass es eine Herausforderung ist, war mir vorher bekannt. Ja, es ist eine große, spannende und außerordentlich vielfältige Aufgabe, diese Universität zu leiten.
Sind Sie denn von der Komplexität der Aufgabe an der im Vergleich zu Dortmund ungleich größeren und vielschichtigeren Uni Göttingen gar nicht überrascht worden?
Ich komme mit Dingen in Kontakt, von denen ich nie geglaubt hätte, damit je etwas im Leben zu tun zu bekommen. In einem Berufungsgespräch hatten wir einen Kandidaten, der auch an Zebrafischen forscht. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Experte für Zebrafische werde! Man kommt eben ständig mit hoch interessanten Themen in Kontakt, das macht den Job sehr spannend.
Sie sagten vorab, eine wichtige Fähigkeit für einen Uni-Präsidenten sei es, Transparenz zu schaffen. Was haben Sie diesbezüglich ermöglicht?
Seit Beginn meiner Amtszeit veröffentlichen wir die Präsidiumsprotokolle innerhalb der Uni, alle Diskussionen und Beschlüsse mit Ausnahme der Personalfragen werden protokolliert und veröffentlicht. Das soll die Frage beantworten: Was tun die da oben im Präsidium überhaupt? Klar wird damit auch, wie schwer sich ein Präsidium mit manchen Entscheidungen tut. Es ist auch wichtig, zu sehen, dass wir als gesamtes Präsidium die Entscheidungen treffen. Unter Einstimmigkeit machen wir es nicht. Dazu gehören Kompromisse für Einzelne. Wir wollen gemeinsam handeln, auch wenn in letzter Konsequenz natürlich ich als Präsident der Böse bin.
Zwischen Senat und ihrer Vorgängerin knirschte es häufig, worüber aber nicht offen gesprochen wurde.
Vor einer Senatssitzung spreche ich mit der Senatsprecherin und dem Senatssprecher über mögliche Knackpunkte. Das nimmt aus mancher Sitzung schon mal die Schärfe, trotz weiter vorhandener unterschiedlicher Meinungen. Die Diskussionen im Senat haben so gleich eine inhaltliche Tiefe, das ist wirklich gut. Zudem herrscht ein Vertrauensverhältnis.
Was ist von der TU Dortmund nicht an die riesige Uni Göttingen zu transferieren?
Ich dachte, eine nachvollziehbare Budgetierung der Uni hätte leichter übernommen werden können. In Dortmund war klar getrennt, was die Fakultäten zu leisten haben, und was die zentrale Verwaltung und Einrichtungen übernimmt. Das ist hier nicht so einfach, da es viele Mischfinanzierungen gibt, das ist aus der Historie gewachsen. Es ist auch alles viel komplexer.
Was streben Sie an?
Ziel ist dennoch, eine klare, nachvollziehbare Finanzierung und Budgetierung zu schaffen. Es geht darum, zu zeigen, dass eine Fakultät kein von Gott gegebenes Budget hat, sondern eines, das von vielen Faktoren beeinflusst wird und das von einem Algorithmus ausgerechnet werden kann. Parameter sind Auslastung, Forschungserfolg, die Art der Arbeit, ob mehr experimentell oder theoretisch. Das funktioniert aber nur, wenn das Geld nicht vorher ausgegeben ist, was hier an manchen Stellen der Fall ist und eine bedarfsgerechte Budgetierung unmöglich macht. Würde es dafür einen Algorithmus geben, dann würde ich mich selbstständig machen und märchenhaft reich werden (lacht), denn das Problem haben ja alle Unis.
Was war besonders positiv und negativ in den ersten 100 Tagen?
Positiv ist, dass ich von allen wirklich toll empfangen wurde. Ich spüre auch die unglaublich hohe Bereitschaft, gemeinsam Sachen anzupacken und zu verändern. Und Göttingen ist eine tolle Universität mit riesigen Forschungserfolgen trotz zweimaligen Verpassens der Exzellenzinitiative. Ich habe hier in den ersten sechs Wochen riesige Erfolge erlebt, also drei höchste europäische Preise und Verlängerungen von zwei DFG-Sonderforschungsbereichen sowie die Zusage für einen Forschungsbau, miterleben dürfen. Dafür hätte ich woanders sechs Jahre gebraucht. Dennoch ist man selbstkritisch und offen für Veränderungen.
Und negativ?
Ich erlebe, dass an manchen Stellen das übliche Klagelied gesungen wird. Einige Leute kennen nur null und eins. Entweder ist alles super oder die Welt bricht zusammen. Dazwischen ist nicht viel. Da wünsche ich mir manchmal mehr Gelassenheit, damit man sich auf die eigentlichen Probleme konzentrieren, wichtige von unwichtigen Dingen trennen und ausgewogener entscheiden kann.
Wo steht die Uni Göttingen in der Digitalisierung?
Wir haben am 30. Juni der GWDG das neue gemeinsame Rechenzentrum für den Wissenschaftsstandort Göttingen übergeben, da sind auch einige unserer Partner am Göttingen Campus involviert. Es ist der wesentliche Punkt der Digitalisierung für uns. Göttingen hat in Sachen Digitalisierung in Siebenmeilen-Stiefeln und mit großen Schritten aufgeholt und ist jetzt ganz vorne mit dabei. Das ist an allen Ecken und Enden zu spüren, und es kam genau zum richtigen Zeitpunkt.
Sie spielen auf die Corona-Krise an.
Die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass wir vieles ins Digitale verlegen konnten, was anderen nicht so gelang. Ich würde mir aber auch noch mehr Digitalisierung in Verwaltungsabläufen wünschen. Ich möchte keine von Hand ausgefüllten Reisekostenanträge und Bestellungszettel sehen.
Sind Sie auch privat in Göttingen bereits ein wenig angekommen?
Ich fühle mich zu 100 Prozent in Göttingen angekommen. Wir haben eine wunderschöne Wohnung in Eddigehausen gefunden, genau wie wir uns das vorgestellt haben. Es gehört einfach dazu, auch an Wochenenden hier zu sein, hier zu leben. Wir werden immer mehr Göttinger – aber der Kontrast zur Ruhrgebietsmetropole Dortmund könnte natürlich kaum größer sein. (Thomas Kopietz)

Zur Person: Metin Tolan

Prof. Dr. Metin Tolan (56), geboren in Oldenburg in Holstein, Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters, studierte in Kiel Physik und Mathematik. Er promovierte im Bereich Röntgenstreuung, forschte in den USA und habilitierte in Kiel. 2001 übernahm er den Lehrstuhl „Experimentelle Physik 1“ an der TU Dortmund. Bekannt ist Tolan auch als Wissenschaftskabarettist und Buchautor zur Physik der Star Trek- und James-Bond-Filme. Er betrachtete die Berechenbarkeit und Physik des Fußballspiels („Manchmal gewinnt der Bessere“) . So erhielt Metin Tolan 2013 auch den CommunicatorPreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Seit 1. April ist er Präsident der Georg-August-Universität Göttingen. (tko)

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