Interview mit Julia Fischer

Affenforschung in Corona-Zeiten: DPZ-Forschungsstationen sind geschlossen

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Soziale Wesen: Ein altes Berberaffenweibchen bekommt eine Fellpflege von zwei anderen Tieren der Gruppe, die im südfranzösischen Park La Forêt des Singes in Rocamadour lebt. Foto: Julia Fischer/nh

In Göttingen gibt es den Leibniz-WissenschaftsCampus Primatenkognition. Wir sprachen mit Leiterin Julia Fischer und die Arbeit in Corona-Zeiten

VON THOMAS KOPIETZ

Göttingen –In Göttingen gibt es seit 2015 ein gemeinsames Forschungsnetzwerk, gebildet von dem Deutschem Primatenzentrum (DPZ) und der Universität: den Leibniz-WissenschaftsCampus Primatenkognition. Jetzt ist die Finanzierung für weitere vier Jahre gesichert, weil sich der Göttinger WissenschaftsCampus im Wettbewerb unter 21 Standorten als ein Bewerber mit acht weiteren Auserwählten durchgesetzt hat. Für die Leiterin, Julia Fischer, ist der Erfolg Anerkennung und Ansporn zugleich. Wir sprachen mit der Professorin der Uni Göttingen und Abteilungsleiterin am DPZ sowie renommierten Affenforscherin.

Frau Fischer, Es geht weiter mit dem WissenschaftsCampus Göttingen „Primatenkognition“. Welche Ideen und Besonderheiten stecken eigentlich in der Einrichtung?

Die Idee der WissenschaftsCampi ist es, die lokale Zusammenarbeit zwischen Leibniz-Instituten und Universitäten zu stärken. Uns ist diese Integration hier in Göttingen von Beginn an sehr gut gelungen; heute beteiligen sich Feldforscher, Neurowissenschaftler, Psychologen, Mediziner und Sprachwissenschaftler daran.

Was wird in den nächsten Jahren auf dem Campus passieren?

Wir können auf unseren vielfältigen Vorarbeiten aufbauen. In den nächsten vier Jahren wollen wir die Integration der Datenwissenschaften vorantreiben. Nur die Betrachtung unserer Fragen aus verschiedenen Blickwinkeln erlaubt es uns, ein umfassendes Verständnis von Sozialverhalten und Intelligenz von Primaten zu erzielen.“

Bedeutet das viel Technik, Datenauswertung und -analyse, Digitalisierung – und stattdessen weniger beobachtende Feldforschung?

Ein Beispiel sind die von uns stetig ausgebauten und nun top-modernen Experimentalplattformen. Sie ermöglichen es, soziale Interaktionen von Affen und Menschen in bislang unerreichter Genauigkeit und Datenvielfalt experimentell zu untersuchen. Weniger Feldforschung hatten wir eigentlich nicht geplant, aber dann ist Corona dazwischen gekommen und wir mussten die DPZ Feldstationen erst einmal räumen. Wir hoffen natürlich sehr, dass wir bald zurückkönnen. Denn die Beobachtungen des Verhaltens im Freiland liefert ja erst die Hypothesen, welche soziale Information für Affen überhaupt relevant ist.

Wie darf man sich die Arbeit mit Experimentalplattformen vorstellen?

Das Herzstück unserer Experimentalplattformen ist ein durchsichtiger Touchscreen, an dem zwei Affen oder Menschen, oder auch ein Affe und ein Mensch sich gegenübersitzen und Aufgaben entweder gemeinsam oder in Konkurrenz lösen. Zum Beispiel kann man prüfen, ob die Probanden bei ihrer Auswahl einer Antwort mitverarbeiten, wo der andere hingeguckt hat, oder wohin er seinen Arm bewegt. Das kommt echten Interaktionen natürlich viel näher, als wenn einer alleine am Bildschirm Aufgaben löst.

Interdisziplinäre Forschung, betrieben von Forschern verschiedener Einrichtungen, ist oft problematisch, warum funktioniert sie im Fall Primatenkognition?

Wie mein Kollege Hannes Rakoczy, Entwicklungspsychologe an der Uni Göttingen treffend sagt, gibt es mittlerweile bei uns einen kooperativen und interdisziplinären Geist. Und es gibt speziell geschaffene Möglichkeiten für einen Kooperation und Projekte: Dafür steht auch ein eigenes Förderprogramm, das hilft, die Projekte ins Laufen zu bringen. Beteiligte können sich um Anschubfinanzierungen von Projekten bewerben. Vielversprechende Vorhaben werden dann unterstützt – das geschieht relativ unbürokratisch und direkt.

Wie läuft zurzeit die Feldforschung mit Affen?

Wir haben das Team aus unserer Station gerade noch herausholen können, da der Senegal sehr schnell alles zugemacht hat. Forschungsmäßig ist Stillstand. Das ist für uns entsetzlich, weil die Langzeitdaten das Wertvollste sind: Wer bekommt Kinder von wem? Wer ist mit wem befreundet? Jetzt entsteht eine riesige Lücke in dem Datensatz, den wir systematisch aufgebaut haben. Alles lief super, wir haben allein 60 Jungtiere von der Geburt an beobachtet. Wir wollten wissen, ob die frühen Bindungen, die sie eingehen, ein Leben lang halten? Eventuell können wir ja einiges rekonstruieren, wenn wir zurückkommen. Wir konnten aber eine Kiste mit Kotproben exportieren. Damit arbeiten die Doktoranten hier weiter, die Proben werden auf Hormone und genetische Verwandtschaftsbeziehungen untersucht – auch Langzeitdaten liegen vor. Ich bin manchmal optimistisch, dass wir bald weitermachen können, manchmal aber auch nicht. Wir würden lieber gestern als heute zurückgehen. Das ist aber nicht realistisch, und wir können auch nicht absehen, wann das möglich sein wird.

Ist das in anderen DPZ-Forschungsstationen ähnlich?

Eine ganze Reihe von Kollegen haben die Feldstationen geschlossen. Auch der Park in Rocamadour in Frankreich ist zu, wo wir für Studierende Kurse veranstalten. An manchen Stationen wurde Wachdienst organisiert, um Wilderer abzuschrecken und die Tiere zu schützen. Forscher sind ja oft die Garanten für das Überleben der Tiere. Die Frage ist: Wenn die Forscher zurückkommen, sind dann noch Affen da?

Primaten sind hoch entwickelte Tiere. Welche Fähigkeiten, vor allem im sozialen Bereich, untersuchen Sie am Campus?

Wie steuern Primaten ihre sozialen Beziehungen? Worauf achten sie? Welche Bedeutung haben Emotionen? Welche Gehirnprozesse lenken Interaktionen? Wie werden soziale Entscheidungen getroffen? Das sind nur einige Fragestellungen und Themen, die wir untersuchen. Aber uns interessiert auch, wie Kinder lernen, Sprache zu verstehen, und welche Rolle dabei die Intonation und der emotionale Ausdruck des Gegenübers spielen. Uns interessieren also erstens die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Arten, und zweitens die Entwicklung von kognitiven und sozialen Fähigkeiten.

Ihr Spezialgebiet ist die Kognition, das Denken, Verarbeiten von Informationen – Welche ist für Sie die faszinierendste Erkenntnis aus Ihrer Arbeit?

Eine meiner Lieblingsstudien haben wir hier mit Javaneraffen gemacht. Es ging darum, wie gut sie sind, verschiedene Mengen zu unterscheiden. Sie durften zwischen verschiedenen Rosinenmengen wählen – also 1 und 7, oder 3 und 5, und wir erwarteten, dass sie da sehr gut sind, die meisten zu wählen. Es hielt sich aber in Grenzen. Dann haben wir die ganze Studie mit Kieselsteinen statt Rosinen wiederholt, und siehe da: sie waren viel akkurater. Anscheinend hat sie der Appetit auf die Rosinen beim Denken gestört. Dass Gier nicht besonders hilfreich ist, rationale Entscheidungen zu treffen, wissen wir ja aus anderen Zusammenhängen (lacht).

Wir leben in einer seltsamen Zeit. Unsere sozialen Beziehungen ruhen oder werden zwangsweise durch Regelungen anders gelebt. Haben Sie so etwas in Feldstudien bei Affen schon einmal untersucht?

Nein, natürlich nicht. Wir versuchen ja, die Tiere möglichst nicht zu stören. Aber an unserer Feldstation im Senegal hatten wir einen interessanten Fall: Da war eine Untergruppe plötzlich verschwunden. Wir haben sie überall gesucht, aber sie waren einfach weg. Nach einem Jahr tauchten sie plötzlich wieder auf, als wäre nichts gewesen. Sie hatten sich offensichtlich auf die andere Seite des Flusses in der Nähe unseres Camps geschlagen, als der Wasserstand sehr niedrig war, und mussten gewissermaßen bis zur nächsten Trockenzeit warten, bis sie zurückkonnten. Wir hatten aber nicht den Eindruck, als ob es ein großes Hallo gegeben hätte bei den Affen, als sie sich wiedergesehen haben. Das wird bei mir anders sein, wenn ich endlich meine Freunde und Freundinnen wiedersehen kann!

Wie lange dauert es aus Ihrer Erkenntnis bis sich ein reduziertes, verändertes Sozialverhalten nachhaltig auswirkt?

Mir fällt jetzt keine Studie ein, in der man die Dauer der Isolation systematisch überprüft hat. Aber man weiß, dass das Alter eine große Rolle spielt: Bei Jungtieren sind die Folgen drastischer. Allerdings sind die Kinder in der Corona-Krise ja nicht allein; das kann man also nicht vergleichen. Was wir wissen aus der Forschung an Affen und Menschen ist, dass die Folgen sozialer Isolation stark zwischen Individuen schwanken. Manche kommen gut damit zurecht und andere sind sehr gestresst. Wenn man aber schon einen Sozialpartner hat, ist das besser, als ganz allein zu sein.

Wie bedeutend ist ein intaktes Sozialleben für Primaten und uns Menschen, worin äußert es sich?

Es gibt sehr überzeugende Studien, die zeigen, dass ein intaktes Sozialleben die Lebensdauer deutlich verlängert. Die Effekte sind ähnlich groß wie die Unterschiede zwischen Rauchern und Nichtrauchern. Von Langzeitstudien an Affen wissen wir, dass eine gute soziale Integration zudem die Überlebenswahrscheinlichkeit des Nachwuchses befördert.

Zur Person

Prof. Dr. Julia Fischer (53), gebürtige Münchnerin, studierte Biologie in Berlin und Glasgow. Sie leitete in Botswana das Baboon-Camp. Seit 2004 ist Julia Fischer Professorin für Biologie an der Uni Göttingen. Im Deutschen Primaten Zentrum leitet sie die Abteilung Kognitive Ethnologie, baute die Forschungsstation Simenti im Senegal auf. Julia Fischer engagiert sich in zahlreichen Organisationen wie Akademien der Wissenschaften und Gremien – sie hat das viel beachtete Buch „Affengesellschaft“ geschrieben. (tko)

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