Interview mit dem Kabarettisten

Florian Schroeder entdeckte früh sein Showtalent: "Meine Oma war die Wetten-Dass-Kandidatin"

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Gehört zur Spitze der deutschen Kabarettisten: Florian Schroeder – hier bei einem Auftritt in Korbach – kommt zum Göttinger Kultursommer am 1. Juli ins Deutsche Theater. Es gibt noch Karten.

Göttingen. Florian Schroeder kommt ins Deutsche Theater. Beim Göttinger Kultursommer wird der Kabarettist am Sonntag, 1. Juli, mit „Ausnahmezustand“  zu erleben sein.

Wir sprachen mit Künstler, der auch ein hervorragender Stimmen-Imitator ist.

Wie sind Sie zum Kabarettisten geworden?

Schroeder: Ich habe ganz früh angefangen, Show zu machen, habe mit meiner Oma „Wetten, dass…?“ nachgespielt. Ich war Gottschalk. Meine Oma war die Kandidaten. Wir haben kleine Wetten gemacht, die man im Kopf lösen konnte. Sie musste keine Bagger durch die Gegend fahren. Damit ging es los. Das war das Show-Gen in mir. Ich wollte als Kind Gottschalk werden. Und dann war da der Moment, als ich bei Harald Schmidt in Schmidteinander zu Gast war und parodierte, mit 14 Jahren.

Und in der Schule – waren Sie dort auch der Kasper?

Schroeder: Ich habe gemerkt, dass es funktioniert, wenn ich Leute unterhalte, auch während der Klassenfahrten: Ich habe einfach durchgeredet. Abends in den Landschulheimen habe ich, wenn alle nach Hause kamen und müde waren, auf dem Gang die Show gemacht. Das waren Momente, in denen ich dachte: Das wird funktionieren mit der Bühne. Dann kam eins zum anderen. Ich war lange beim Radio, machte Kabarett im Ensemble und merkte, dass Satire meine Richtung ist. Es ist definitiv der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann.

Was ist für Sie ein guter, gelungener Show-Abend?

Schroeder: Ich habe alles nie so eng gesehen und nie verstanden, warum man sich zwei Stunden hinstellt und nur über die Politiker des Landes redet. Ich denke, ein guter Unterhaltungsabend hat viele Facetten und Momente: nachdenkliche, traurige, alberne, irritierende, lustige – das muss zusammenkommen. Deswegen ist das ein Gesamtkunstwerk, das aber auch offen ist.

Im Programm Ausnahmezustand‘‘ können die Leute Karten ausfüllen, können kommentieren, Fragen stellen. Das schaue ich mir an, lese vor und kommentiere es. Das ist jeden Abend neu. Ich werde oft gefragt: Na, da sind doch Karten, die Sie mitnehmen und dann verwerten, also ein Best-Of der letzten zehn Abende, oder? Nein, an der Stelle ist nichts vorbereitet. Das widerspricht aber auch nicht dem, dass ich an anderer Stelle ernsthaft über die Zukunft des Krieges reden kann.

Offenheit und Spontanität muss man leben können…

Schroeder: Ich möchte herausgefordert werden, und an jedem Abend etwas erleben, das nicht wiederholbar ist. Adorno hat das mal über das Glück geschrieben: ‘Glück ist, dass es nicht wiederholbar ist‘. Es geht darum, zu spüren, das gibt es nur heute, das geht nur jetzt, nur hier. Ich möchte nicht das Gefühl haben, das jeder Abend gleich ist, das langweilt mich am meisten, weil ich den Text ja kenne. Der ist zwar als Handwerkszeug wichtig, als Basis, dazu kommt aber die Spontanität. Es wäre aber auch nix, wenn ich rausgehe und sage: Och, es wird schon lustig werden. Rudi Carrell hat mal sehr treffend gesagt (imitiert die Rudi-Stimme): ‘Wenn Du etwas aus dem Ärmel schütteln willst, musst Du vorher etwas reingesteckt haben. Das stimmt‘.

Was ist Ihre Ideenquelle?

Schroeder: Es ist eine Mischung aus Beobachtung des Alltags, meiner Mitmenschen, Beobachtung meiner selbst und gründlicher Recherche: also lese ich viel Zeitung und ich muss viel mitkriegen.

Sie benötigen also eine Dauer-Wachsamkeit, sind stets unter Strom, ist das belastend?

Schroeder: Ich bin permanent im On-Modus. Aber nicht in dem Sinne, dass ich immer Output liefere und lustig bin, sondern im Gegenteil: Ich bin rezeptiv im On-Modus. Also: Ich nehme immer wahr, sehe, höre etwas – sauge auf, das geht bei mir gar nicht anders. Das Schlimmste, was man mit mir machen könnte, wäre, mich zwei Wochen auf eine einsame Insel ohne Internet, Zeitungen und ohne Handy abzusetzen – ich könnte mich dort auch nicht entspannen. Ich möchte wissen, was um mich herum passiert und in der Welt. Kurzum: Ich möchte nicht abgeschnitten sein. Dafür bin ich zu begeistert, von dem, was passiert.

Sie können in dieser Anspannung Entspannung finden?

Schroeder: Ja. Prima zusammengefasst. Genau so paradox wie es klingt, ist es letztlich. Ich lese auch nur Bücher, die in irgendeiner Form mit etwas zu tun haben, die aktuell oder zukünftig mit Themen zu tun haben könnten, die meine sind. Ich lese nie einen Krimi einfach so. Manchmal weiß erst später, warum mich ein Buch fasziniert hat.

Sie haben ja auch eine TV-Sendung. Was ist dort ihr Ziel?

Schroeder: Es gibt in meiner RBB-Satireshow einen Talkteil. Ich möchte mich auf den Gast einlassen. Der Humor ist dabei wichtig. So war es mit Gregor Gysi und Peer Steinbrück ein Vergnügen, weil sie Politiker mit einem großen Show-Anteil sind. Josef Harder, den ich als Kollegen verehre, ist aber eher unsicher in Talkshows, geht gar nicht gerne dorthin. Er war fast unsicher, aber total bei sich. Es war ein intensives Gespräch, in dem ich versucht habe, mich ganz auf ihn einzulassen und nicht eine Geschwindigkeit, die meine ist, vorzugeben.

Sie sind ein starker Sprecher, was bedeutet ihnen das Reden?

Schroeder: Sprechen ist eine Form des direkten Meinungsaustauschs. Miteinander Reden findet nur dann statt, wenn man Interesse an der Position des anderen hat. Deshalb finden in Talkshows letztlich keine Gespräche statt. Da gehen Leute rein, die haben ihre Positionen, wollen diese verteidigen, durchbringen. Für mich ist ein Gespräch dann gut, wenn man etwas dazu lernen will, wenn man sich überraschen lässt, wenn man einig ist, sich nicht einig zu sein. Oder wenn am Ende steht: Hey, das ist ein Gedanke bei Dir, der ist gar nicht so falsch! In Talk-Shows gibt es aber eine Arena-Situation: die Simulation von Kommunikation, die aber eigentlich tot ist. Ein Gespräch ist dann gut, wenn man am Ende die eigenen Positionen in Frage stellen muss, weil es nachwirkt.

Florian Schroeder, Deutsches Theater, Sonntag, 1. Juli, 20 Uhr, Preis: 23, 20, 17, 11 Euro plus Gebühren. DT-Kasse, Tel. 0551/49 69 300 und www.reservix.de

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