Wir haben vor dem Auftritt in Göttingen mit dem Komiker gesprochen

Interview mit Michael Mittermeier: Ohne Alltag keine Comedy

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Lustiger Typ: Der Komiker Michael Mittermeier kommt am Freitag, 26. Januar, in die Göttinger Stadthalle. Es gibt noch Karten.

Göttingen. Artig sein will Michael Mittermeier nicht. Fleißig, offen und lustig will der Comedian durchs Leben gehen, wie er im Interview sagt – und wild.

So heißt sein Programm, mit dem er am Freitag, 26. Januar, um 20 Uhr in der Göttinger Stadthalle gastiert.

Herr Mittermeier, haben Sie wilde Erinnerungen an Göttingen?

Michael Mittermeier: Ja! In der Lokhalle habe ich vor einem Auftritt backstage ein Foto-Shooting gemacht. Es sollten Szenen berühmter Comedians nachgespielt werden. Da habe ich den verrückten Professor von Jerry Lewis nachgestellt, als er an seinem Bücherregal hängt und alles runter wirft. Let´s do Jerry Lewis in Göttingen! Das war schon absurd. Das Foto ist genial geworden. Wenn ich also an Jerry Lewis denke, dann schwingt in Gedanken auch immer Göttingen mit.

Sie kommen mit dem alten Programm „Wild“. Im Februar startet schon „Lucky Punch“. Ist „Wild“ abgestanden?

Mittermeier:Danke für diese gute Frage! Abgestanden? Auf keinen Fall. Ein altes Programm gibt es bei mir gar nicht. Ich verändere es im Laufe der Zeit stetig. Wenn jemand „Wild“ auf DVD gesehen hat, dann würde er sagen: Das ist jetzt ja Wild 3.0. Als ich neue Gags für Lucky Punch geschrieben habe, dachte ich: Die müssen sofort ins laufende Programm, ich muss sie jesofort raushauen. „Wild“ profitiert also wie die Sau davon.

Was macht Ihre Arbeit als Comedian für Sie aus und woher ziehen Sie die Inspiration?

Mittermeier: Ich bin immer auf der Suche nach dem nächsten tollen Programm. Ich bin aber nicht interessiert an schneller, höher, weiter – noch größerem Erfolg. Ich will aber mit dem geilsten Programm auftreten, das ich machen kann. Die Suche danach und das Lernen dafür halten mich am Laufen und sorgen für Überraschungen. Ich bin nicht ausrechenbar. Klar ist: Ich will immer wieder lernen, auch ins Ausland gehen, generell das Gelernte einbauen und immer frisch bleiben.

Das heißt auch, Sie arbeiten permanent. Ist das gut?

Mittermeier: Ich brauche das und bin so – andererseits merke ich, dass ich extrem viel arbeite. Manchmal könnte ich es einfacher haben, nach ein paar Programm-Monaten sagen: Das bleibt jetzt so. Das aber kann und will ich nicht. Ein Programm ist für mich wie ein bester Kumpel, der mit mir auf Tour geht. Und einen guten Kumpel musst Du auch gut behandeln, deshalb pflege ich den Kumpel Programm.

Inspiriert Sie der „schnöde Alltag“?

Mittermeier:Wenn Du keinen Alltag mehr hast, keine Normalität, dann kannst Du auch keine Comedy mehr machen. Wenn Du in einem Schloss lebst ohne normale Menschen um Dich herum, sondern nur Butler, Ja-Sager und Schleimer, dann ist kein Leben da, dann erlebst Du nix und kannst auch nix mehr erzählen, Bei manchen Comedians denke und spüre ich: Hey, Alter, das hast Du doch nie so erlebt, ich glaub Dir nicht. Wenn ich mich draußen bewege, mir was anschaue, in der U-Bahn sitze, die Gedanken weiterlaufen, dann entsteht daraus auch eine Nummer. So bin ich in der U-Bahn gesessen und hab mir in der Nase rumgefummelt. In dem Moment, als ich denke, es schaut keiner, dreht sich eine sehr schöne Frau um und guckt. Da konnte ich nichts Cooles oder Lustiges sagen. Das ist so ein krasser Moment, den erlebst Du nicht zu Hause. Man muss sich also ins Leben werfen, sich nicht abschotten – eben wild sein.

Manchen Berühmtheiten und Politikern geht diese Wildheit und Alltagsnormalität allerdings ab…

Mittermeier: Das ist so. Das Problem ist, dass die Politiker nicht am elitären System da oben scheitern, wie es die Rechten immer propagieren, sondern fast alle Politiker – egal welcher Partei – kein normales Leben mehr haben. Ja, sie haben keine Zeit, den Alltag zu erleben. Ein Donald Trump hat kein Leben geführt. Der Typ ist mit dem goldenen Löffel aufgewachsen. Er hat am Arsch 100 Millionen als Startkapital gehabt und hatte irgendwann 500 Millionen Schulden. Dann wurde ihm wieder Geld gegeben. Er kennt keine normale Realität. Das merkt man daran, wie er über Menschen spricht. Er kann Menschen nicht lieben. Es ging immer nur um Macht und um Geld und um Deals.

Sind Sie im Alltag ein humorvoller Mensch?

Mittermeier: Der Sensor ist schon immer an. Vor allem, wenn ich etwas Schräges sehe oder erlebe. Manche Comedians – ich gehöre dazu – haben etwas im Hirn, das ist so etwas wie der Comedy-Dark-Room. Der sendet und empfängt Signale. Aber: Ich kann ganz normal lustig durchs Leben gehen. Es wäre schlimm, wenn nicht. Dann würde ich kein Leben führen und hätte nix zu erzählen.

Können Sie eigentlich über sich selbst lachen?

Mittermeier: Na logisch. Es hilft ja nichts. Wir Männer haben ja generell auch unsere Probleme: Wenn Du vor zehn Jahren mit Deinem Bierbauch frontal vorm Spiegel gestanden hast, da hat Mann nichts gesehen, sah ja alles ganz gut aus. Das funktioniert heute nicht mehr: Männer stehen unter Druck, bewegen uns in diesem Wahnsinn. Aber: Bevor ich mir ne tote Katze als Haarwuchsmittel auf den Kopf packe wie Donald Trump, würde ich doch meine Haarreste abrasieren.

Wollten Sie denn ein Star werden?

Mittermeier: Ich bin Zeit meines Lebens angetreten, lustig zu sein, Leute zu halten. Ich wäre mit 100 vor der Bühne zufrieden gewesen. Es ist anders gekommen, ich bin dankbar dafür und das ist sehr, sehr toll. Aber der Spirit ist: Egal wie viele Leute da sind, ich will, dass sie sagen, der Typ ist lustig – und ich habe Spaß. Bei einer Open-Mikrofon-Night in München saßen letzte Woche 50 Leute, keiner wusste, dass ich mitmache. Aus ner halben Stunde wurden eineinviertel Stunden. Es war so geil. Dafür lebe und arbeite ich.

Sie sind Musikfreund und Musiker – was bedeutet Ihnen Musik?

Mittermeier: Ich habe lange keine Musik mehr gemacht. Aber ohne Musik könnte ich nicht durchs Leben gehen. Musik war auch immer Teil meiner Shows. Es gibt speziell komponierte Anfangsmusiken. Ich wähle sie aus. Ich mache auch die Play-List für die Pause. Bei „Wild“ hat jedes Lied das Wort wild im Titel oder als Thema. Wild Thing, The Wild Rose, Wild World und mehr. Ich schreibe auch meine Texte mit lauter Musik auf dem Kopfhörer.

Sie sind bekennender U-2-Fan, und Sie haben Bono getroffen. Ihr Idol. Ist er das für Sie nach der Begegnung geblieben?

Mittermeier: Das Kennenlernen war ein Geschenk für mich. Bono ist ein toller Typ, ein toller Mensch. Es ist natürlich schräg, dass man als Fan irgendwann nicht mehr Fan, sondern Freund ist. Wir sehen uns nicht oft, aber wenn, sind das spezielle Tage, Nächte, Momente.

Er ist ein Typ, auf den ich zählen kann. Wenn mir jemand in New York vor meinem Premiere-Auftritt in einem kleinen Klub hinter die Bühne eine Flasche Irischen Whisky bringen lässt mit einer Karte und Aufschrift: „For the King of the Hill“, dann ist das groß. Das muss er nicht tun.

Bono ist ein inspirierender Mensch, der sehr im Leben steht. Es wird ja viel Mist über ihn erzählt, vor allem in Deutschland. Für mich ist er ein Freund. Punkt. Und es gibt wenige, die so viel bewegt haben wie er. Intensive Gespräche über große Themen mitten in der Nacht, das ist schon etwas Besonderes– ob mit Bono oder anderen Kumpels.

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