Interview

Prof. Eva Hummers (Stiko) zum Impfen bei Kindern: „Los werden wir diese Viren nicht“

Impfexpertin: Prof. Eva Hummers ist Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der UMG
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Prof. Dr. Eva Hummers (55) ist Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der UMG, praktizierende Hausärztin und seit 2011 Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko).

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt keine pauschale Covid-Impfung für Kinder und Jugendliche.

Wir sprachen mit Stiko-Mitglied Prof. Eva Hummers von der Universitätsmedizin Göttingen.

Frau Hummers, ist es fahrlässig, wenn wir Kinder und Jugendliche nicht impfen?
Zurzeit gibt es keine Anzeichen, dass die hier überhandnehmende und super-ansteckende Delta-Variante verstärkt zu schwereren Verläufen bei Kindern und Jugendlichen führt. Deshalb muss man die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung mit möglichen schweren Verläufen von Covid-19 abwägen. Bisher ist das aufgrund unzureichender Studien und weniger, nicht komplett ausgewerteter Daten schlecht abschätzbar. In die Zulassungsstudie waren nur wenige Kinder und Jugendliche eingeschlossen. In Deutschland sind extrem wenige Kinder an Covid-19 gestorben – und wenn, dann hatten sie schwere Vorerkrankungen. Wir wussten, dass Covid-19 bei Jugendlichen in aller Regel mild, fast oder ganz symptomfrei, verläuft, das gilt auch weiterhin.
Gibt es deshalb auch weiter keine generelle Impfempfehlung der Stiko?
Es gibt es derzeit keine generelle Impfempfehlung, sondern nur eine für Kinder bzw. Jugendliche mit schweren Vorerkrankungen oder in bestimmten Risikosituationen. Wir beobachten die Datenlage ständig weiter. Bei der Variante ist wahrscheinlich, dass sich über kurz oder lang alle Jugendlichen damit anstecken werden. Dies muss gegen die möglichen Risiken der Impfung abgewogen werden, z.B. die Herzmuskelentzündungen, die beobachtet wurden. Die Frage ist, was schlimmer ist.
Ist die Stiko auch zurückhaltend, weil die Nebenwirkungen der Impfungen bei Kindern unklar sind?
Ja. Ich hoffe, dass wir in Kürze viel mehr wissen werden zu Nebenwirkungen bei Jugendlichen. Offenbar treten nach Impfungen verstärkt Herzmuskelentzündungen auf, vor allem bei Jungen und bei jungen Männern, aber auch bei Mädchen. Das ist zwar insgesamt recht selten, aber doch keine banale Angelegenheit. Die meisten der Herzmuskelentzündungen verlaufen zwar gutartig, die Betroffenen erholen sich offenbar recht schnell, es ist aber noch nicht bekannt, ob doch Veränderungen des Muskels bleiben können und wie häufig das ist.
Diese vom Center for Disease Control and Prevention (CDC) erstellte Illustration zeigt den neuartigen Coronavirus 2019-nCoV.
Müssen die Jugendlichen für die nichtimpfwilligen Erwachsenen herhalten?
Die Kinder dürften keinesfalls dafür verantwortlich sein, die Impfquote hochzutreiben, weil sich Erwachsene nicht impfen lassen wollen. Das können wir nicht verlangen. Jeder Erwachsene muss zusehen, sich selbst zu schützen. Wer das nicht tut, der muss damit leben. Denn komplett los werden wir diese Corona-Viren nicht, sie werden weiter zirkulieren. Es ist viel gewonnen, wenn sie nur noch wenig oder gar keinen Schaden mehr anrichten.
Wird man ohne das Impfen von Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren die erwünschten Impfquoten erreichen können?
Das Problem ist, dass wir mit der ansteckenderen Delta-Variante eine deutlich höhere Impfquote von etwa 85 Prozent für die Herdenimmunität bräuchten, als das bei schwächeren Virus-Varianten der Fall war. Etwa 15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind Kinder und Jugendliche. Es würde also eng, um diese Quote erreichen zu können, müssten sich dann alle Erwachsenen impfen lassen. Eigentlich müsste man aber eine „Immunquote“ hineinrechnen bzw. als Maßstab nehmen, also diejenigen einbeziehen, die erkrankt waren. Womöglich haben recht viele Jugendliche unerkannterweise die Infektion durchgemacht und eine Immunabwehr dagegen.
Ist die Forderung, Schüler vor Schuljahresstart impfen zu lassen, schlüssig?
Nein. Man muss das entkoppeln und fragen: Warum ist es unbedingt notwendig, die Schüler zu impfen? Ich gehe davon aus, dass alle Lehrer geimpft sind und fast alle Eltern – und wenn sich dann Covid-19 in der Schule verbreitet, dann passiert eben nichts mehr oder nicht viel. Es zirkuliert unter Schülern. Ich halte es nicht für notwendig und gut, dass das Impfen an den Schulbetrieb – und umgekehrt – gekoppelt wird.
Wie können wir die Impfbereitschaft bei Erwachsenen erhöhen?
Wir hatten am Samstag (11.07.2021) ein offenes Impfen in der Göttinger Innenstadt. Diese Aktion war ein so nicht erwarteter Riesenerfolg, die Impfstoffdosen waren praktisch schon weg, bevor wir richtig angefangen hatten. Wir werden das wiederholen, wenn wir es personell leisten können und Impfstoff haben. Wir müssen die Impfung leicht zugänglich machen. Darüber kann man noch viele Menschen erreichen. Aber ohne, dass man dann an den harten Kern von Zweiflern oder Gegnern herankommt. Wir müssen flexibler werden, um auch Menschen das Impfen so einfach wie möglich zu machen. Und weil Menschen Termine nicht absagen, einfach wegbleiben, geht weitere Effektivität verloren. Im Göttinger Impfzentrum sind an manchen Tagen 100 von 1200 Personen einfach nicht gekommen, ohne abzusagen. Auch das Terminvergabewesen in Niedersachsen hat einen hohen Abschreckungscharakter. Folge: Die Impfzentren sind nicht ausgelastet, wir könnten eigentlich mehr impfen. (Thomas Kopietz)

Zur Person: Prof. Eva Hummers

Prof. Eva Hummers (55), ist Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der UMG, Hausärztin und Mitglied der Ständigen Impfkommission. Sie leitet das Göttinger Impfzentrum. Studiert hat sie in Köln, Clermont-Ferrand und Poitiers, promoviert in Köln, habilitiert in Göttingen. Sie lebt mit ihrer Familie in Lenglern. (tko)

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