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„Zugang zu Trinkwasser ist das Wichtigste“: Neven Subotic über sein Leben, Afrika und Kolonialismus-Folgen

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Von: Thomas Kopietz

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Neven Subotic liest beim Literaturherbst in Göttingen aus seinem neuen Buch „Alles geben“. Im Interview spricht der Ex-Fußballstar über sein Leben, Afrika und die Folgen des Kolonialismus.

Göttingen – Neven Subotic hat einen außergewöhnlichen Wandel vollzogen, sein Leben vom geldverwöhnten Profi-Fußballer zum Stiftungsgründer und Kämpfer für Menschenrechte verändert. In seinem Buch „Alles geben“ erzählt er davon.

Subotic liest beim Göttinger Literaturherbst am Donnerstag, 3. November, in der Funsporthalle Göttingen, Bertha-von-Suttner-Straße 2. Wir sprachen mit ihm.

Ex-Fußballstar Neven Subotic im Interview über sein Leben, Afrika und Kolonialismus-Folgen

Neven Subotic: Der ehemalige Fußball-Profi hilft mit seiner Stiftung in afrikanischen Ländern.
Neven Subotic: Der ehemalige Fußball-Profi hilft mit seiner Stiftung in afrikanischen Ländern. © Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

„Die Welt ist größer als ein Ball“ – das Zitat von Ihnen zeugt davon, dass sich Ihr Leben massiv verändert hat, damit sich die Leben von Menschen in Afrika verbessern können. Wie weit sind Sie auf dem Weg dieser Veränderung bei sich selbst?

Ich bewege mich eigentlich ständig dorthin. Dabei hilft mir mein Arbeitsalltag in der Stiftung, da ich mich täglich damit auseinandersetze, wie wir aus einem Menschenrecht auf Trinkwasser eine Realität schaffen können. Aber ich sitze noch immer im sicheren Büro, mit warmem Tee, Strom und mehr, also weiter im absoluten Luxus.

Das Interesse an Ihnen ist riesig. Ist das so, weil man sich für Ihre Stiftungsarbeit interessiert oder weil Sie den Gegenentwurf zum Klischee Fußball-Profi verkörpern?

Beides trifft zu und ein weiterer Punkt. Der Gegenentwurf eines Fußballers zu sein, ist nur dann interessant, wenn dieser Entwurf bei den Menschen mit Interesse verbunden ist. Das Interesse zum Teil für die Stiftung, doch vielmehr für globale Gerechtigkeit und unsere Rolle dabei ist das, worin viele Menschen Inspiration und Motivation suchen. Diesen Themenkomplex ganzheitlich anzugehen und gleichzeitig jemand zu sein, den Menschen aus 15 Jahren Berufskarriere im Fußball und zehn Jahren im gemeinnützigen Sektor kennen, sind das Rezept für die Aufmerksamkeit.

Sie haben dem Klischee reicher Profi-Kicker zeitweise entsprochen. Gab es einen Punkt, an dem sie kehrtgemacht haben?

Es gab keinen Hollywood-Moment, es war eine Entwicklung. Es ging darum, mir die wirklich wichtigen Fragen zu stellen und zu versuchen, sie zu beantworten: Wer möchte ich sein? Wofür möchte ich mich einsetzen und wie bedeutsam ist das?

Als Wohlhabender werden Sie öfter um Hilfe gebeten. Wie reagieren Sie heute darauf?

Grundsätzlich bin ich dagegen, dass man von einer Krise zur nächsten Krise springt, weil das niemals zu einer wirklich positiven Auseinandersetzung mit dem Thema führen kann und selten Langfristiges bewirkt. Auch deshalb setzen wir uns nicht für Einzelschicksale ein, so traurig oder persönlich sie auch sein mögen, denn Fairness und Respekt bedeuten auch, schwere Entscheidungen für eine Sache zu treffen.

Mit der Stiftung arbeiten Sie in Afrika – warum?

Wir sind in Tansania, Kenia und Äthiopien tätig. Dort hat knapp die Hälfte der Bevölkerung auf dem Land keine Trinkwasserversorgung. Der Bedarf ist enorm. Da wir als Stiftung langfristige Strategien haben, ist dies entscheidend.

Wie viele Projekte wurden umgesetzt?

Bisher wurden mit mehr als zehn Millionen Euro 484 Projekte umgesetzt – in zehn Jahren. Projekte für weitere knapp vier Millionen Euro sind im Umsatz. Das mag nach viel Geld klingen, doch wir sind mit neun Mitarbeitenden eher eine kleine professionelle Stiftung im Vergleich zu riesigen Stiftungen und Organisationen. Ich weiß, dass wir ein sehr gutes Team haben und die gute Arbeit notwendig ist, damit am Ende auch Qualität entsteht.

Geben Sie privates Geld in Ihre Stiftung? Wie garantieren Sie Spendern, dass das Geld direkt in Afrika ankommt?

Ich spende jedes Jahr bis zu 450.000 Euro für unsere Verwaltungskosten. Auf unserer Website ist das alles transparent dargestellt.

Sie wollen nicht einfach nur Geld und Güter liefern. Warum haben Sie sich für Brunnenbau entschieden?

Helfen ist ein Begriff, der gar nicht passt. Der Einsatz für die Menschenrechte ist das Fundament dafür, diese ernst zu nehmen. Das Wichtigste was jeder Mensch braucht, ist der Zugang zu Trinkwasser. Deshalb setzen wir uns dafür ein. Wir fügen der Welt enormen Schaden durch unsere Lebensweisen zu.

Sie sagen auch, dass wir Europäer dynamisch stark sind, moralisch aber nicht.

Wer in Deutschland hat sich denn ernsthaft mit der Kolonialhistorie auseinandergesetzt und deren ideologische Folgen, die heute noch unsere Sprache und Ideen beeinflussen? Wir haben das leider noch nicht getan, gehen aber als Land mit erhobenem Finger durch die Welt und vergessen dabei, in den Spiegel zu schauen. Es scheint, als seien wir und andere immer perfekt, doch sehen wir oft unsere eigenen Unzulänglichkeiten nicht. Deshalb ist es verständlich, dass wir noch koloniale Konzepte wie „das Voranbringen der Zivilisierung“ im Denken verankert haben.

Warum erfahren wir so wenig von den Lebensbedingungen in Afrika?

Weil unsere Beziehung zum afrikanischen Kontinent noch geprägt ist von der Kolonialzeit. Wir sehen Natur, Tiere und Kriege. Wir können uns aber nicht vorstellen, dass es anders ist, dass dort Menschen leben, die uns gleichwertig sind, wir aber auf deren Kosten leben. Diese Menschen hassen uns dafür aber nicht einmal. Sie fordern zunächst nur unseren Respekt ein. Das erfordert bei uns Einsicht, Mut, auch zum ehrlichen Diskurs. Der aber ist noch ziemlich am Anfang.

Was müssen wir ändern?

Wir sollten beginnen, in der Schule unsere Kolonialgeschichte aufzuarbeiten, nicht für den Selbsthass, sondern, um daraus zu lernen und eine Verantwortung zu ziehen. Wir sollten mehr Geschichten aus Afrika erfahren, die uns zeigen, was der Kontinent vor allem ist, ein Kontinent mit Menschen, Geschichten, Kulturen. Dann kann eine Völkerverständigung erfolgen.

Was bedeutet dem Fußballhelden von einst der Fußball heute?

Fußball ist weiter eine große Liebe – nicht zwingend das Profigeschäft an sich, sondern der Fußball als Kulturgut, als Form der Sozialisierung und Weiterentwicklung der Menschen und der Gesellschaft. Der Fußball hat so viele tolle Eigenschaften, die universell, fast in der ganzen Welt, verstanden werden. Das ist und bleibt besonders – auch für mein Leben.

Wie wichtig sind Vereine?

Vereine schaffen die Realität, an der wir direkt partizipieren können. Es sind von der Struktur her die besten demokratischen Organisationen und somit absolutes Vorbild und Gut unserer Gesellschaft. Die Vereine, die Sport nicht als Ultimum, sondern als Mittel für den Zweck der Gemeinschaft nutzen, haben meinen höchsten Respekt.

„Alles geben“ von Neven Subotic. Verlag Kiepenheuer und Witsch, 22 Euro. Lesung Göttinger Literaturherbst am 3. November, Funsporthalle Göttingen. Tickets und Programm finden Sie hier. Mehr Informationen auf der Website der Neven-Subotic-Stiftung.

Das Buchcover.
Das Buchcover des neuen Buches „Alles geben“ von Neven Subotic. © Kiwi/NH

Zur Person

Neven Subotic wurde 1988 in Banja Luka im heutigen Bosnien und Herzegowina geboren. Er spielte als Fußballprofi unter anderem bei Borussia Dortmund, dem 1. FC Köln und Union Berlin. Er arbeitet seit 2012 für seine Stiftung, die Sanitäranlagen- und Brunnenbauprojekte in Äthiopien, Kenia und Tansania realisiert.

Auch Moderator und Filmproduzent Hubertus Meyer-Burckhardt stellt beim Göttinger Literaturherbst sein neues Buch vor. Im Interview erklärt er, warum Frauen vielschichtiger sind.

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