Szenische Lesung in Göttingen

Interview mit Peter Lohmeyer: „Jeder muss für etwas stehen“

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Schauspieler Peter Lohmeyer: Er gastiert am 14. August im Deutschen Theater in Göttingen.

Göttingen. Peter Lohmeyer kommt zum Göttinger Theaterfestival im Rahmen des Kultursommers. Wir haben mit dem Schauspieler gesprochen, der zurzeit zum ersten Mal in einer Mozart-Oper in Lyon - in einer Sprechrolle - mitwirkt.

In Göttingen wird er eine szenische Lesung mit ernsten Texten von Hans-Magnus Enzensberger und humorvollen von Jan Weiler bieten.

Das Göttinger Theaterfestival hat das Motto Migration und Menschlichkeit. Kommen Sie deshalb ins Deutsche Theater? 

Peter Lohmeyer: Ich bin nicht der Ritter, der dort hinreitet, weil es um Menschlichkeit geht. Ich hatte bereits in Wolfsburg ein Programm zum Thema und mit den Texten von Enzensberger gemacht. Grundsätzlich finde ich es gut, dass die Theaterfestival-Organisatorinnen sich mit dem Thema auseinandersetzen. Das zeugt von einer Haltung. Natürlich taugt mir das, wenn Veranstalter Ideen haben, die ich selber gut finde. Also komme ich gerne.

Warum rezitieren Sie Texte von Hans-Magnus Enzensberger? 

Lohmeyer: Enzensberger hat mit den früheren und jüngeren Essays zum Thema Menschlichkeit und Migration stets eine Haltung bewiesen. Ich habe Enzensbergers Kommentare und Essays immer gerne gelesen. Sie sind essenziell. Auch in der Sprache, und ich bin ja ein Kind der Sprache. Enzensberger hat ein Wissenstalent und ein Talent dies weiterzugeben. Und - wie gesagt - er beweist Haltung, die man versteht. Das übrigens vermisse ich bei vielen. Deshalb bewundere ich Enzensberger und deshalb macht es mir Spaß, ihn zu lesen.

Sie wollen in Göttingen aber noch mehr bieten... 

Lohmeyer: Ja, ich werde in Göttingen noch Einen draufgeben - mit Texten von Jan Weiler. Das war bis vor Kurzem nicht klar, wird aber passieren. Es geht bei Weiler um eine Geschichte aus den 90er-Jahren, über einen Gastarbeiter, der einen Mercedes kauft. Das ist ein Kontrast zu dem aktuell sehr ernsten Umgang mit dem Thema. Enzensberger öffnet einem Augen und Ohren, Weiler bringt eine Prise Humor dazu.

Ist denn Witz ein gutes Mittel für den Umgang mit dem Thema Flucht und Migration? 

Lohmeyer: Ich denke ja - trotz allen Ernstes sollte man nicht vergessen, auch darüber zu lachen, zu schmunzeln. Man könnte ja auch schon über die Diskussion über das Thema lachen - leider. Ich finde, muss ein Ziel haben, das Ziel, das man sich am Ende freut.

Enzensberger ordnet Flucht und Vertreibung auch historisch ein. Das alles gibt es schon sehr lange, müssten wir deshalb nicht viel besser darauf vorbereitet sein? 

Lohmeyer: Aber hallo! Wie war das denn mit den Millionen von Flüchtlingen nach dem zweiten Weltkrieg? Das wurde leider nur anfangs der neuen Flüchtlingsdebatte thematisiert. Da geht doch vieles an der aktuellen Situation vorbei. Wir, die nicht Flüchtenden, sind in einer Luxus-Situation. Das alles ist doch für uns machbar. Schauen wir doch stattdessen einmal auf die schrecklich überfüllten Zeltstädte mit Flüchtlingen in Lybien und in anderen afrikanischen Ländern. In Hamburg-Blankenese aber diskutieren die Leute schockiert darüber, wenn dort ein Flüchtlingswohnheim entsteht, das kann doch nicht wahr sein! Noch einmal: Das ist eine Luxusdiskussion. Was soll uns denn passieren, verglichen mit der Bedrohung, die diese Menschen betrifft. Es geht um Leben und Tod. Das wird oft nicht thematisiert.

Ein Vorwurf auch an die Politiker, verharmlosen sie die Situation? 

Lohmeyer: Die Medien spiegeln schon die Realität. Man kann den Politikern Fehlverhalten vorwerfen, es aber auch erklären. Bei Politikern geht es immer auch um den Job, die Position, die Macht. Sie reden deshalb nicht immer Klartext, sie müssten es aber tun. Nur: Keiner kann sich erlauben, die radikale Realität deutlich zu benennen: „Passt mal auf, Diesen Reichtum insgesamt, den wir jetzt haben, wird es nicht mehr geben.“ Oder: Wir müssen, statt Luxus zu kaufen, unser Geld auch anders ausgeben. Würde das ein Politiker ehrlich sagen, dann wäre die Volksmeinung: Den können wir nicht wählen. Also sagt er das nicht, also rudert er zurück. So wagt keiner ehrlich zu sagen: Wenn Du mit den Geflüchteten teilst, kann es dir nicht mehr besser als vorher gehen. Frau Merkel hat es vielleicht ernst gemeint mit dem spontanen Satz: Wir schaffen das - wir müssen die Menschen aufnehmen. Sie hatte sich aber wohl nicht mit Beratern besprochen... Grundsätzlich: Mehr Ehrlichkeit im Umgang mit der Flüchtlingsproblematik würde guttun.

Sie engagieren sich.... 

Lohmeyer: Was ich tue, ist ja ein Witz. Es gibt so viele, die so viel geben. Und viele, die sehr viel Ahnung haben, wie man das Problem anfassen kann. Gut ist, etwas Konkretes zu tun. Ich bin einfach mal hingegangen in das Flüchtlingswohnheim um die Ecke. Was ich in einer halben Stunde erfahren habe, war enorm viel. Das sind Mini-Schritte. In den Schulen sollte das auf dem Stundenplan stehen: statt Zoo-Besuch, heute Flüchtlingswohnheim-Besuch. Kurzum: Es ist wichtig, die kleinsten Schritte zu gehen. So, dass sich die Leute hier, dem Problem gar nicht entziehen können. Aber die Eltern, die sich nur Sorgen darüber machen, ob die Kohle stimmt, denen müssen die Kinder erzählen, dass es ein anderes Leben gibt - in der Nachbarschaft, in Flüchtlingswohnheimen. Sie können die wegschauenden Eltern zum Nachdenken bringen.

Ist Deutschland ein gespaltenes Land - Hier die vielen offenen Menschen, die Helfer - dort die angst- und sogar hasserfüllten Leute?

Lohmeyer: Ich finde es interessant, dass man nun sieht, wo viele Menschen eigentlich politisch stehen. Das zeigt auch die AfD. Und sie entlarven sich auch: Erstmal alle begrüßen, und dann, wenn es zu eng und problematisch wird, sie wegschicken zu wollen. Die Spaltung kann durch ein Aufeinanderzugehen verhindert werden. Um das zu können, muss man aber auch wissen, wo wer steht - auch ein Rechtsaußen. Folge: Der steht da rechts und ich lass ihn nicht stehen - ich gehe trotzdem da hin, ich hole ihn ab. Da muss man sich überwinden, wenn ich Gauland oder Storch höre. Sie muss man in Situationen bringen, wo es unangenehm für sie wird.

Muss auch mehr Aufklärung betreiben? 

Ja, in Betrieben muss man auch einmal die Belegschaft - wie in großen Automobilfirmen - zusammenholen, und auf die Situation der Flüchtlinge aufmerksam machen, aufzeigen, wie ein Riesenbetrieb und jeder helfen kann. Das darf auch Geld kosten, wenn z.B. die Fließbänder einmal eine Stunde stillstehen. Wir müssen auch Zeichen setzen! Wie bei Themen, die uns ein Luxusproblem schaffen - so die Olympia-Bewerbung von Hamburg. Man hätte ehrlich und frühzeitig sagen können, wir steigen aus, weil wir uns das nicht aufzwingen lassen wollen - diese Milliardenausgaben. Und man hätte sagen können, wir machen das Olympische Dorf nicht für Olympia, sondern für Menschen, die massenhaft flüchten und zu uns kommen. Durch so etwas wäre Hamburg Weltstadt geworden, nicht durch Olympia, das heute, in dieser Form wirklich niemand mehr braucht. Man darf und muss auch solche Utopien durchdenken.

Müssen wir auch politischer werden? Uns ging es ja lange gut und alles lief irgendwie vor sich hin. 

Lohmeyer: Politischer werden schadet nicht. Unser Land, wir alle müssen eine Haltung haben.

Haltung zeigen, das ist ja auch ein Charakterzug von Ihnen? 

Lohmeyer: Jeder Mensch muss doch für etwas stehen. Wofür sind wir denn auf der Welt?! Wir müssten gute Gastgeber sein. Es geht auch um eine Aufmerksamkeit gegenüber Gästen und dem, was um uns herum passiert. Auch dadurch kommt man zusammen. Ich ärgere mich maßlos, wenn Fußballfunktionäre nach dem Gauland-Spruch auf Boateng sagen: Das geht doch hier rein und dort raus - Integration ist doch bei uns im Fußball längst gelaufen. Da denke ich: Mensch Alter! Was ist das denn für eine Haltung?! Da muss ein Statement kommen - gegen die, die so etwas verzapfen. Kleinreden hilft ja nicht. Die Integration geht weiter! Das checken manche einfach nicht.

Zur Person

Peter Lohmeyer (54) erhielt von 1982 bis 1984 Schauspielunterricht an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum. Lohmeyer ist ein großer Fußballfan. Aus seiner Zeit in Hamburg-Ottensen ist er Anhänger des Clubs Altona 93. Einem breiten Publikum wurde er mit Die Straßen von Berlin (1995 bis 1998) und Das Wunder von Bern.

Szenische Lesung im Deutschen Theater 

Peter Lohmeyer gastiert am Sonntag, 14. August, beim Göttinger Kultursommer. Die szenische Lesung „Die große Wanderung. Dreiunddreissig Markierungen“ nach Texten von Hans Magnus Enzensberger beginnt um 19 Uhr im Deutschen Theater.

Gerhard Ahrens hat aus Enzensbergers „Dreiunddreissig Markierungen“ eine szenische Lesung mit dem Schauspieler Peter Lohmeyer konzipiert.

Die Eintrittskarten kosten zwischen acht und 20 Euro, Ermäßgung drei Euro je Ticket. Karten für den Abend gibt es im Internet.

www.kultursommer.goettingen.de

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