Interview: Rainer Schacht von „Die Feisten“ über den Nussschüsselblues

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v.l.: Mathias Zeh ( „C“ ), und Rainer Schacht ( „Rainer“ ): Mehr als 20 Jahre waren Rainer Schacht und Mathias Zeh zwei Drittel der Kultgruppe „Ganz Schön Feist“.

Göttingen/Uslar. Mehr als 20 Jahre waren Rainer Schacht und Mathias Zeh zwei Drittel der Kultgruppe „Ganz Schön Feist“. Vor drei Jahren hörte das Göttinger Trio auf.

Jetzt sind sie unter dem Namen „Die Feisten“ erfolgreich und haben ihr zweites Album, eine Doppel-Live-CD mit 23 Songs, rausgebracht. Am Samstag, 15. Oktober gastieren sie ab 20 Uhr in der Göttinger Stadthalle.

Rainer, Dein Kollege wohnt in Kassel, bezeichnet sich aber weiterhin als „Göttinger Urgestein“. Du bist vor ein paar Jahren der Liebe halber von Uslar nach Mannheim gezogen. Hast Du auch weiterhin einen Bezug zum schönen Niedersachsen? 

Rainer Schacht: Na klar. Unbedingt. Ich habe nach 50 Jahren Südniedersachsen große heimatliche Gefühle für die Region - allein schon wegen der Vegetation und des Klimas. Man glaubt es gar nicht, aber diese 300 Kilometer machen echt einen Unterschied. Manchmal wünsche ich mir die niedersächsische Abendkühle zurück.

Ist denn vor oder nach dem Heimatkonzert am 15. etwas in der alten Heimat geplant? 

Schacht: Dafür ist leider keine Zeit. Der Tag ist voll. Am 14. spielen wir in Berlin, von dort nach Göttingen und im Anschluss geht es weiter in die Heide nach Buchholz. Da ist nicht viel Zeit. Aber eine Woche später sind wir in Uslar und feiern den 85. Geburtstag meiner Mutter.

Wie wirkt sich die Entfernung auf Eure Zusammenarbeit aus? 

Schacht: Da gibt es keinen großen Unterschied zu früher. Wir haben uns sonst auch Texte oder Soundfiles zugesendet. Für die Entstehungsphase neuer Songs oder in den Vorbereitungsphasen zur Tour, ziehen wir uns in unser Boot-Camp im Reinhardswald zurück und feilen dort konzentriert eine Woche am Stück an den Auftritten. Und durch den gemeinsamen Spaß am Spiel entstehen dort viele neue Ideen.

So eine Idee, wie der Nussschüsselblues zum Beispiel? Der auf eurer Facebookseite schon fast 350.000 mal angeklickt wurde und mir, nebenbei bemerkt, den Appetit auf Kneipennüsse verdorben hat. 

Schacht: (lacht) Das tut mir leid. Aber der „Nussschüsselblues“ ist ein gutes Beispiel für zufälliges Entstehen. Aus einem intuitiven Vorgang entwickelt sich oft die Geschichte des Liedes. Die Musik ist schon vorhanden und die Worte schmiegen sich an. Und aus dem einfachen Satz „Greif nicht in die Schüssel mit den Nüssen rein“ entwickelte sich der Rest.

Selbst hast Du also jetzt keine Hemmungen, in so eine Nussschüssel zu langen? 

Schacht: Für mich ist der Text hauptsächlich augenzwinkernd gemeint. Aber im Portugalurlaub wurde mir zum bestellten Bier freundlicherweise auch eine Nussschüssel serviert, und ich dachte zwar ans Lied, zweifelte den Frischezustand der Nussschüssel aber nicht an und griff zu. Da kam das Schicksal allerdings aus einer anderen Richtung, weil diese Nussschüssel dann mit 5,90 Euro zu Buche schlug. Das war die gerechte Strafe der Nussindustrie.

Was ist denn eigentlich neu bei „Den Feisten“? 

Schacht: Es ist das Gleiche - aber anders. Zwar erkennbar, woher es kommt, aber dadurch dass wir nur noch zu Zweit sind, ist alles noch intimer geworden. Die Musik ist unverstellter. Dieser Minimalismus ist aus Versehen und ungewollt zu unserer Qualität geworden.

Was bedeutet der Begriff „feist“ eigentlich für Euch? 

Schacht: Feist war für uns damals die Annahme etwas neues, freches und ungewöhnliches. Und mit dem Namen wollten wir das zum Ausdruck bringen. Es gab damals keine Vergleichsmöglichkeiten zu unserer Musik. Wir dachten, wir seien die Einzigen auf dem Planeten, die diese Art von deutschsprachiger Musik machen. Vielleicht eine berechtigte Annahme, vielleicht aber auch eine ganz gepflegte Fehleinschätzung.

Was genau kann man sich denn unter „Rainers Bassstimmenrhythmuskickboxkleingitarrenteppich“ vorstellen, wie es auf Eurer Homepage steht? 

Schacht: Intensität durch Reduzierung. Der Wunsch, alles selbst zu machen. Aufgeräumt. Luftig. Reduziert. Mit Cajon, Gesang und einer Kleingitarre.

Seht ihr Euch eigentlich selbst Aufnahmen von Euren Auftritten an? Oder laufen daheim auch die eigenen Songs? 

Schacht: Es besteht da eine gewisse natürliche, vorübergehende Distanz. Wenn die Sachen neu und in der Entstehung sind, sehe und höre ich sie mir gerne und auch viel an. Nach der Fertigstellung kommt jedoch eine lange Hörpause. Aber wenn ich mir nach Jahren mal wieder alte Ganz-Schön-Feist-Stücke anhöre, bin ich auch positiv erfreut, wie gut das so ist.

Ein paar alte „Ganz schön feist“-Songs habt ihr auch wieder ins Repertoire aufgenommen. Darunter „Gänseblümchen“. Wird schon was dazu verraten? 

Schacht: Nein - das muss man sich anhören. Es ist leicht umgearbeitet. Hat einen neuen Mantel an und wurde etwas verkleidet.

Besteht eigentlich noch Kontakt zu dem früheren Bandkollegen Christoph Jess? 

Schacht: Sogar guter Kontakt. Es gibt immer wieder Kooperationen mit ihm, und darüber freuen wir uns. Wir haben zum Beispiel mit ihm als musikalischem Leiter beim Göttinger-Gipfeltreffen zusammen gearbeitet.

Zur Person

Rainer Schacht (53) stammt aus Uslar und begann nach dem Abitur und Zivildienst ein Studium (Englisch, Arabisch und Publizistik) in Göttingen, bis die Musik dazwischen kam und er das Studium abbrach und mit dem Trio Ganz schön feist Karriere machte. Jetzt geht Schacht mit Matthias Zeh und der neuen Live-CD „Nussschüsselblues“ auf Tour. Privat ist Rainer Schacht liiert und lebt in Mannheim. (mel) Karten und Infos unter

www.diefeisten.de/tour

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