Exklusiv-Gespräch mit Preisträger von 2014

Interview: Stefan Hell über Nobelpreis, Zeremonie und das Leben danach

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Blick in seine Erfindung: Stefan Hell und das STED-Mikroskop das auch tiefste Einblicke in lebenden Zellen ermöglich.

Göttingen. Es ist Nobelpreiswoche: Am Samstag werden in Stockholm die Nobelpreise überreicht. Der Göttinger Physiker Stefan Hell hat 2014 den Nobelpreis für Chemie erhalten. Wir haben exklusiv mit ihm darüber gesprochen.

Herr Hell, Bob Dylan wird den Nobelpreis für Literatur nicht persönlich entgegennehmen, verpasst er etwas? 

Prof. Dr. Stefan Hell: Unbedingt. Die ganze Nobelpreiswoche und besonders die Zeremonie am 10. Dezember 2014 war für mich die mit Abstand feierlichste, traditionsreichste, vom Ornat her aufwändigste und sicherlich auf die formellste Zeremonie, die ich bisher erleben durfte: ein bleibendes, persönlich ergreifendes und auch sonst schwer zu übertreffendes Ereignis.

Ist die Nobelpreis-Feier in dieser Art noch zeitgemäß? 

Hell: Absolut ja. Traditionsreiche und symbolträchtige Ereignisse sind schnell über Bord geworfen. Aber sie aufzubauen, das braucht enorm viel Zeit – manchmal ein Jahrhundert. Das ist wie mit einem Baum, der schnell gefällt ist - aber wenn man es später bereut, oder erkennt, was gut an ihm war, braucht man lange, bis er wieder da ist.

Wurden Sie speziell auf die Zeremonie vorbereitet? 

Hell: Ja. Alle Preisträger und auch die Mitglieder der Nobelkommission, welche die Laudatio auf die Preisträger sprachen, mussten am Vormittag zur ‚Probe’. Da wurde der Ablauf genau einstudiert- inklusive der Schritte, die man am besten machen sollte und der Standpositionen auf der Bühne. Natürlich wurden auch die berühmten drei Verbeugungen - zum König, zu den Mitgleidern der Akademie und zum Publikum geübt.

Probt auch König Karl Gustav? 

Hell: Nein. Alle versicherten, er sei bei der Nobelpreisübergabe ein Profi und würde es einem einfach machen, die Urkunde und die Medaille entgegenzunehmen. Schließlich würde er es ja jedes Jahr machen…

Und bei dem Bankett haben die Preisträger prominent Tischdamen aus der königlichen Familie... 

Hell: Ja, meine Tischdame war Prinzessin Madeleine. Meine Frau Anna wurde von Kronprinz Daniel begleitet.

Ist die Nobelpreisvergabe in strengen Kategorien noch sinnvoll? Schließlich entstehen große Fortschritte gerade durch interdisziplinäre Forschung. Sie stehen ja auch dafür. 

Hell: Ja, das ist er. Man darf die Kategorien aber nicht so streng auslegen, wie man es zu Nobels Zeiten zweifelsohne hätte tun können. Und das tun die schwedischen Nobelkommissionen auch nicht, wie man an meinem Beispiel sieht. Schon Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts gab es Chemienobelpreise für Entdeckungen, die eher physikalisch waren. Und in jüngster Zeit haben sich die Preise gehäuft, die man in die eine oder andere Kategorie hätte unterbringen können. Darüber ist man sich in Stockholm aber mehr als bewusst.

Nobelpreisträger werden mit einem Schlag berühmt und zu öffentliche Menschen, ja sogar zu Stars. Welchen Stellenwert hat der Preis in ihrem Arbeits- und Privatleben? 

Hell: Im täglichen Arbeitsleben spielt er kaum eine Rolle. Einiges ist natürlich einfacher geworden - wie das Einwerben von Forschungsmitteln- und anderes dagegen komplizierter, wie der Terminkalender und die vielen Anfragen von Leuten, die alle berechtigt oder auch nicht, Interesse an meinem Werdegang oder schlichtweg an meiner Präsenz bekunden. Im Privatleben spielt der Preis allerdings kaum eine Rolle. Meine Kinder sehen in mir den Papa und nicht den Nobelpreisträger.

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