„Kinder sind keine Gefahr für andere“

Interview: Stiko-Mitglied Eva Hummers über Impfen, Empfehlung und Zwang

Porträtaufnahme von Prof. Eva Hummers
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Prof. Eva Hummers, Direktorin der Abteilung Allgemeinmedizin an der Universitätsmedizin Göttingen ist Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts (RKI).

Für Eva Hummers ist die Corona-Entwicklung Folge des Verhaltens und der viel ansteckenderen Delta-Variante. So stört sie sich an Großveranstaltungen und der Diskussion über Totimpfstoffe.

Göttingen – Wir sprachen mit der Uni-Klinik-Professorin.

Was sagen uns die explodierenden Inzidenzwerte?
Die Inzidenz ist ein Indikator. Ich sage immer, obwohl es Missverständnis anfällig ist: Mir ist die Inzidenz relativ egal, so lange das Leute betrifft, die nicht schwer erkranken. Wichtiger Indikator ist die Belastung von Krankenhäusern. Die ist zurzeit zunehmend. Wenn die Intensivstationen teilweise überlaufen, dann ist das besorgniserregend. Das sind aber derzeit Erwachsene sowie überwiegend ungeimpfte Menschen und zu geringem Anteil alte und vorerkrankte Menschen, deren Impfung nicht mehr genügend Schutz bietet. Es sind aber nicht die Kinder und Jugendlichen, die die Belegungsquoten hochtreiben.
Manche stellen ungeimpfte Kinder - auch unter fünf Jahre - als Gefahr für die Allgemeinheit dar...
Mich ärgert das sehr, wenn in Diskussionen angeführt wird, dass die Kinder ja so gefährlich für alle sind. Da wird gefordert, alle Kinder in den Schulen impfen zu lassen, gleichzeitig wird eine verpflichtende Impfung für Erwachsene abgelehnt. Das ist eine verkehrte Welt. Wenn z.B. Lehrer Angst vor den Kindern haben, sollen sich die Lehrer impfen lassen, aber keinen Druck auf Kinder ausüben. Klar ist: Kinder in dieser Altersgruppe stecken sich sehr häufig an, erkranken aber extrem selten schwer. Meines Wissens gibt es bisher keinen Covid-19-Todesfall unter 5- bis 11-Jährigen. Auch deshalb muss ein Impfstoff für diese Gruppe sehr sicher sein. Wir warten jetzt Beobachtungsdaten aus Ländern ab, die bereits Kinder impfen.
Wie kann die Impfquote gesteigert werden?
Wir können nur immer wieder klar machen, dass das Impfen sinnvoll, wichtig und sicher ist, viel sicherer als eine Covid-19-Erkrankung. Wir müssen beraten, also auf Menschen zugehen, die Ängste haben, und ihnen niederschwellige, einfach anzunehmende Impfangebote machen. Druck und Drohen ist kein geeignetes Instrument, um Ängste aufzuheben.
Muss man besonders Jugendliche überzeugen?
Den Druck auf Jugendliche zu erhöhen, halte ich für das am wenigsten geeignete Mittel. Daher finde ich es problematisch, wenn Jugendliche von 2-G-Regeln betroffen sind. Sie haben eigentlich den geringsten persönlichen Nutzen vom Impfschutz, da sie höchst selten schwer erkranken. Auch das Impfen in Schulen, wie auch ein Vertreter der Lehrergewerkschaft forderte, ist sehr aufwändig, denn ohne Beisein und Zustimmung der Eltern ist das rechtlich nicht möglich. Zudem entsteht beim Impfen in der Schule auch ein starker sozialer Druck auf die jungen Menschen. Das ist nicht gut.
Wann kommt die Impfung für Kinder unter Zwölf?
Fakt ist, wir haben in Europa bisher keinen zugelassenen Impfstoff für Kinder unter Zwölf. Geimpft wird zurzeit unter Zwölf nur in den USA. Im Übrigen: Die Stiko gibt keine Stellungnahme ab für Impfstoffe, die nicht zugelassen sind. Natürlich beschäftigen wir uns mit dem Thema und beginnen nicht erst, wenn der Impfstoff da ist. Wir können Empfehlungen auch aufgrund der Studiendaten machen, wie es vor einem Jahr beim Impfen für Erwachsene gelaufen ist. Es wird damit gerechnet, dass die EMA den Impfstoff für Kinder noch 2021 zulässt. Dann werden wir schon Meldedaten aus den USA – auch über eventuelle Nebenwirkungen – haben, die wir in unsere Bewertung einfließen lassen. Zu bedenken ist aber: Das beträfe die Kinder ab fünf Jahren, nicht die jüngeren.
Die Stiko empfiehlt dritte Impfungen ab 70. Die Politik rät diese auch Ü-60-Jährigen, was ist richtig?
Es wird sicherlich empfohlen werden, alle zu boostern. Es ist jedoch sinnvoll, die Reihenfolge der Gruppen wie für die Erstimpfung beizubehalten. Es wird nun darauf ankommen, das vernünftig zu regeln und dafür zu sorgen, dass nicht die zuerst drankommen, die am schnellsten laufen können. Wir können uns alle leisten, die sechs Monate abzuwarten, wenn wir nicht Hochrisiko-Erkrankungen des Immunsystems haben oder Immunsuppressiva nehmen. Ältere sind wieder zuerst an der Reihe – aber auch das medizinische Personal, ebenso Pflegepersonal, da besteht durchaus Nachholbedarf, so in Pflegeheimen.
Können die Hausärzte es schaffen, flächendeckend die Booster-Impfungen schnell zu verabreichen?
Ich glaube, es ist so eher nicht zu stemmen. Man muss das aber lokal und regional betrachten. In Großstädten können sich Praxen zusammentun und das Impfen organisieren. Das können Landarztpraxen, die alleine und ohnehin schon an der Belastungsgrenze sind, nicht. Es ist auch ein Problem der Belastung des Praxispersonals. Weitere Schwierigkeit ist die Logistik. Die Impfstoffbestellung soll jetzt von 14 Tagen auf eine Woche vorher verkürzt werden. Aber das ist immer noch kompliziert zu organisieren, so das Aufstellen und die Änderung der Impfpläne, wenn Leute wieder abKinsagen. Im Moment haben die Praxen in Stadt und Land auch mit den anderen Erkrankungen und Grippeinfektionen zu kämpfen. Eine Entlastung durch lokale Impfaktionen, wie auch immer, finde ich gut, denn das Boostern muss ja auch schnell gehen. Mobile Impfteams, die schnell und flexibel vor Ort sein könnten, eingespielt sind und auch die Impfdosen aufbrauchen können, helfen. Diese Teams sind zurzeit sehr gefordert.
Müssen die Mega-Impfzentren wieder öffnen?
Nein. Das war zeitweise viel zu teuer, aber auch zu ineffektiv, Kapazitäten wurden vorgehalten, waren aber bei uns in Göttingen oft nicht ausgelastet. Zudem war das Terminmanagement sehr aufwändig, spontane Aktionen für nicht einbestellte Menschen waren lange gar nicht möglich, weil mit dem Impfstoff genau geplant werden musste. Eine Möglichkeit wären Impfstationen. In Göttingen arbeitet quasi eine Impfstraße im Zentrum weiter, das funktioniert - dort kommen zeitweise täglich bis zu 400 Menschen.

(Thomas Kopietz)

Zur Person

Prof. Dr. Eva Hummers (56), geb. in Köln, studierte Medizin in Köln, Clermont-Ferrand und Poitiers und wurde in Göttingen habilitiert. Sie ist praktizierende Hausärztin und Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Uni-Medizin Göttingen. Seit 2011 ist sie Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts (RKI). Sie leitete das Impfzentrum der Stadt Göttingen und wird gern als Expertin in Talk-Shows wie „Markus Lanz“ eingeladen. Hummers lebt mit Familie in Lenglern bei Göttingen.

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