Interview mit Vandenhoeck & Ruprecht: „Nötigenfalls erfinden wir uns neu“

Verlagsspitze: Carola Müller leitet als Geschäftsführerin Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen. Foto: nh

Göttingen. 280 Jahre hat der private Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in einem schwierigen Markt überlebt. Wir sprachen mit der Geschäftsführerin Carola Müller über ein großartiges Jubiläum, die Vergangenheit und die Zukunftsaussichten.

280 Jahre hat der private Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in einem schwierigen Markt überlebt. Wir sprachen mit der Geschäftsführerin Carola Müller über ein großartiges Jubiläum, die Vergangenheit und die Zukunftsaussichten.

Frau Müller, herzlichen Glückwunsch! Wie wird ein Verlag 280 Jahre alt, das ist ja selbst im altehrwürdigen Verlagswesen eine außerordentliche Leistung?

Carola Müller: Ja! Es gibt ältere unter den Verlagen. Sie sind aber sehr handverlesen und auch nicht in jedem Fall noch in Familienbesitz. Unser Alter verdanken wir der Umsicht, dem kaufmännischen Pragmatismus und der verlegerischen Weitsicht der sieben Verleger-Generationen, die bis vor zehn Jahren die Regie im Hause hatten. Auch verdanken wir es den Innovationen der letzten zwei Jahrzehnte, während denen der Verlag in einem durchaus stürmischen Branchenumfeld erfolgreich technische, vertriebliche, strukturelle aber auch programmatische Veränderungen vorgenommen hat.

Wo steht V&R jetzt?

Müller: Wir befinden uns in einer Durchgangsphase in eine digitale Lese-, Lern- und Forschungslandschaft, die häufig mit der Ära Gutenbergs verglichen wird, in der die Geschäftsgrundlage für die späteren Verlage gelegt wurde. Ich glaube, da ist etwas dran, denn wir erfinden unser Kerngeschäft täglich ein kleines bisschen neu, um sich ändernden Nutzungsgewohnheiten auch zukünftig gerecht werden zu können.

Die Verlage haben schwere Zeiten durchlaufen, gerade in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Wie ist Ihnen das gelungen?

Müller: Sie haben Recht. Der Buchhandel vor Ort hat schwere Zeiten durchlaufen, Autoren können selbst publizieren und große Onlinehändler agieren als Verlage; Recherche, Nutzung und Kauf von Literatur findet immer mehr online statt. Da bleibt kaum ein Stein auf dem anderen. Wir haben uns darauf eingestellt, indem wir unser komplettes Angebot digitalisieren, um im Internet mit jedem Inhalt optimal auffindbar zu sein. Bereits bei der Produktentwicklung versuchen wir, die Wünsche und Anforderungen unserer zukünftigen Leser intensiv miteinzubeziehen. Im Marketing setzen wir stärker auf Onlinekommunikation mit den Zielgruppen. Außerdem binden wir unsere Autoren und ihre Kontakte und Netzwerke eng in unseren öffentlichen Auftritt ein und gestalten die Zusammenarbeit mit unseren wichtigsten Handelspartnern individueller und enger.

Konzentrieren Sie auch Ihr Programm?

Müller: Ja. Wir straffen unser Programm und konzentrieren uns in drei relativ eigenständig agierenden Verlagsbereichen auf klar definierte Zielgruppen: Schule und Pädagogen, die psychotherapeutische Praxis sowie den akademischen Forschungs- und Lehrbetrieb in den Geisteswissenschaften und der Theologie.

Außerdem prüfen wir, welche Inhalte eigentlich noch über das klassische Buch, seine digitalen Ableger oder originär digitale Produkte verbreitet werden sollten.

Wie wird ein kleiner Verlag wie V&R bestehen können? Welche Strategie haben sie und in welchen Zeitspannen denken Verleger heute?

Müller: Wir hoffen auf eine gute Zukunft, indem wir täglich überprüfen, ob unsere Angebote noch den Bedarf unserer Kunden treffen. Und wir werden uns nötigenfalls neu erfinden. Wenn uns das gelingt, müssen wir nicht in Zeitspannen denken. Nur ausruhen auf dem zurückliegenden Erfolg werden wir uns jedenfalls nicht.

Zur Person

Carola Müller war nach Philologiestudium und Stationen in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft sowie dem Deutschen Didacta Verband bereits von 1994 bis 1996 im Familienunternehmen V&R als Werbeleiterin tätig. Sie kehrte nach fünf Jahren bei der Büchergilde Gutenberg 2001 als Marketingleiterin und Prokuristin nach Göttingen zurück. Seit August 2005 ist sie Geschäftsführerin von Vandenhoeck & Ruprecht. Carola Müller ist verheiratet. Familienstand: Verheiratet. Ihr Hobbies sind Lesen, Laufen und die Gartenarbeit. Lieblingsbücher: Albert Vigoleis Thelen: „Die Insel des zweiten Gesichts“, Oscar Hijuelos: „Die Mambo Kings spielen Songs der Liebe“ und Michail Bulgakow: „Der Meister und Margarita“. (tko)

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.