Interview: Verleger Steidl über den Nachlass von Günter Grass

Einer der wenigen gemeinsamen, öffentlichen Auftritte: Günter Grass (rechts) enthüllte 2011 mit Gerhard Steidl sein Denkmal für die Göttinger Sieben, die berühmten aufmüpfigen Göttinger Professoren, auf dem Uni-Campus mit Universitätspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Beisiegel. Archivfoto: Gehlen

Göttingen. Günter Grass und der Göttinger Verleger Gerhard Steidl haben seit 1985 zusammengearbeitet, seit 1993 besitzt Steidl die Rechte am Werk des am Montag verstorbenene Literaten.

Im Gespräch äußerte sich der Steidl auch sehr persönlich über das freundschaftliche Verhältnis zu Grass und seine Aufgaben als Verleger nach dem Tod.

Gerhard Steidl: Tut mir leid, dass sie warten mussten. Aber das ist auch ein Wunsch, den ich Günter Grass erfüllt habe. Ich habe mich noch gut angezogen. Weil er hat immer zu mir gesagt: Renn’ nicht rum wie ein Fluff.

Wer war Günter Grass für Sie? 

Steidl: Vor über 30 Jahren habe ich angefangen mit Günter Grass zu arbeiten und ich habe ihn kennengelernt als einen leidenschaftlichen Büchermacher. Er hat immer gesagt: In meiner Werkstatt ist immer was los. Mit mir wirst Du nie arbeitslos. Das war buchstäblich bis zur letzten Minute so.

Wann hatten Sie zuletzt Kontakt? 

Steidl. In der letzten Woche haben wir noch an seinem neuen Buch, seinem letzten Buch gearbeitet. Wir hätten es gestaltet und druckfertig gemacht. Dazu ist es nun nicht mehr gekommen. In seiner Werkstatt ist nichts mehr los, weil er nicht mehr lebt. Aber das, was er hinterlassen hat ist Denkfutter und Arbeit bestimmt für Generationen.

Was bedeutet von Günter Grass persönlich für Sie, der lange eng mit ihm zusammengearbeitet hat? 

Steidl: Sein Tod bedeutet, dass die lustvolle Arbeit an Büchern, diese Leichtigkeit ohne eine literarische Agentur dazwischen zu haben, zu Ende ist. Normalerweise läuft das Büchermachen so ab, dass ein Agent den Vertrag macht und dann alles über die Agentur läuft. Grass hat immer darauf bestanden, dass er einen Fuß im Verlag hat, dass er mit den Technikern und Handwerkern an seinen Büchern arbeitet. Er hatte große Zukunftspläne. Er war bis zu letzten Minute bei der Arbeit, konzentriert und fit. Der Tod kam völlig überraschend.

Was für ein Mensch war Günter Grass? 

Steidl: Künstler dürfen schwierig sein. Ich habe ihn aber als sehr unproblematischen Menschen kennengelernt. Der Arbeitsprozess war gekennzeichnet von Respekt. Wir haben aber immer um die besten Formen, die beste Lösung gerungen. Am Ende eines Arbeitsprozesses und -tages haben wir immer einen Schnaps getrunken. Das war auch noch in der letzten Woche so. Wir tranken badischen Obstler, vor acht Tagen.

Wie bewerten Sie sein Schaffen über das Schreiben hinaus?

Steidl: Natürlich stand bei ihm und seinen Lesern das Schreiben im Vordergrund. Aber er hat immer gesagt, das Schreiben und Zeichnen kam aus einer Feder. Für ihn war das Zeichnen, Malen und grafische Gestalten genau so wichtig. Das Günter-Grass-Archiv, dass wir hier in Göttingen eingerichtet haben, beherbergt das komplette grafische Werk alle Lithografien und Radierungen, Zeichnungen. Hinzugekommen sind hunderte von Zeichnungen, die er dem Archiv hinterlassen hat, plus die Manuskripte. Ich denke, mit der Universität Göttingen werden wir in den nächsten Jahren daran arbeiten, das bildnerische Werk aufzuarbeiten. Da gibt es noch sicher noch viel zu entdecken, was für seine Leser bedeutsam ist.

Herr Steidl, war er für Sie ein Freund? 

Steidl: Ich könnte ihn als eigentlich als Freund bezeichnen, wenn ich mir nicht aus Prinzip die Künstler vom Hals halten würde. Aber von den Autoren und Künstlern, die wir im Verlag betreuen, war Grass der, der mir sehr nahe stand. Es ist ein persönlicher Verlust.

Was geschieht mit seinem Nachlass? 

Steidl: Man muss abwarten, was im Testament steht. Wir haben eine Editionsliste erstellt. Es ist festgelegt worden, dass etwa 60 Werke dauerhaft verfügbar bleiben werden. Sie können sicher sein, dass ich das im Sinne von Günter Grass so tun werde.

Wann erscheint das neue Buch? 

Steidl: Grass hat gesagt: keine Eile! Das Buch „Vonne Endlichkait“ erscheint im Sommer. Wir sollen und werden uns Zeit lassen. Das Günter-Grass-Archiv in Göttingen wird am 12. Juni eröffnet und dann wird auch jemand aus dem Buch lesen.

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