Tag der Kinderhospizarbeit

Interview mit Psychologin aus Kinderhospiz: Wenn Kinder sterben

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Ort zum Innehalten: Ein Garten der Erinnerung in einem Hamburger Hospiz.

Göttingen. Zum Tag der Kinderhospizarbeit am 10. Februar sprachen wir mit Hanne Hagen vom Göttinger Kinderhospiz über den Umgang mit schwer kranken und sterbenden Kindern.

Es ist schwer zu verstehen, dass auch ganz junge Kinder und Jugendliche schon am Ende ihres Lebens angekommen sein sollen. Frau Hagen, sind sterbende Kinder in unserer Gesellschaft ein Tabuthema?  

Hanne Hagen: Auf jeden Fall sind sterbende Kinder und Jugendliche ein Tabuthema. Der Tod überhaupt ist ein Tabuthema und erst Recht, wenn Kinder sterben. Wir versuchen, mit unserer Öffentlichkeitsarbeit dieses Thema zu enttabuisieren. Ein gutes Verständnis vom Leben hängt meines Erachtens ganz wesentlich mit einem Verständnis vom Tod zusammen.

Welche Betreuungsformen werden im Göttinger Hospiz angeboten?  

Hagen:  Unsere Kernaufgabe liegt in der Arbeit unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter. Sie werden in einem 80stündigem Vorbereitungskurs auf die Tätigkeit in den Familien vorbereitet. Der Kurs beinhaltet unter anderem Informationen über die besondere Situation der Familien, über Todesvorstellungen und Trauerprozesse von Kindern. Er beinhaltet auch die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben, Tod und Trauer sowie der eigenen Endlichkeit.

Hanne Hagen

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter begleiten und unterstützen lebensverkürzend erkrankte Kinder, Jugendliche und deren Familien zuhause. Sie bringen vor allem Zeit für die Familien mit. Sie spielen je nach Möglichkeiten und Fähigkeiten mit den erkrankten Kindern und sind Gesprächspartner für die Eltern. In manchen Familien sind sie für die Geschwister zum Spielen, Rausgehen, Zuhören oder auch zur Mithilfe bei den Hausaufgaben da. Im Vordergrund steht oftmals eine Lebensbegleitung. Dabei ist das Thema Sterben und Tod eben kein Tabuthema. Das Angebot ist für die Familien kostenfrei.

Unterscheidet sich der Auftrag eines Kinderhospizes von dem eines Erwachsenenhospizes?  

Hagen: Ja, da die Begleitung bereits ab Diagnosestellung beginnen kann. Wir begleiten die Familien oftmals über mehrere Jahre. Die Begleitung geht, wenn gewünscht, nach dem Tod des Kindes oder des Jugendlichen weiter. Dies besonders wenn die Geschwister begleitet werden.

Welche Krankheiten treten besonders häufig auf?  

Hagen: Besonders häufig treten Stoffwechselerkrankungen auf, Muskelerkrankungen, Erkrankungen des Nervensystems, Hirnfehlbildungen. Viele Erkrankungen sind sehr selten und treten vorwiegend im Kindesalter auf.

Wie ist der Umgang mit den Eltern oder Geschwistern der betroffenen Kinder?  

Hagen: Meistens sehr offen, nach einer längeren Zeit auch sehr vertraut. Oft begleiten die Ehrenamtlichen die Familien ja über eine lange Zeit.

Wie finanziert sich Hospizarbeit?  

Hagen: Zum großen Teil über Spenden. Seit 2002 übernehmen die Krankenkassen einen kleinen Teil, wenn ein Dienst bestimmte Voraussetzungen erfüllt.

Nehmen Sie die Arbeit und die Eindrücke nach Feierabend mit nach hause? Oder anders gefragt: Wie gehen Sie mit dem Erlebten um? 

Hagen:  Ich mache in dieser sehr vielfältigen Arbeit als Koordinatorin immer neue Erfahrungen. Die Arbeit und Eindrücke nehme ich schon auch mit nach Hause, besonders auch für die Reflektion der Arbeit. Für die ehrenamtlichen Mitarbeiter ist es wichtig, immer wieder gut in Distanz gehen zu können, damit Nähe und Mitgefühl wieder möglich wird. Dazu finden gemeinsame Treffen im Dienst und Supervision statt.

Zur Person

Hanne Hagen, 1966 geboren, ist examinierte Krankenschwester und Diplom-Psychologin und arbeitet seit 2010 im Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Göttingen.

Hintergrund

Der bundesweite Tag der Kinderhospizarbeit macht seit 2006 jährlich am 10. Februar auf die Situation von Kindern und Jugendlichen mit lebensverkürzender Erkrankung und deren Familien aufmerksam.

Als Zeichen der Verbundenheit ruft der Deutsche Kinderhospizverein Menschen dazu auf, spezielle grüne „Bänder der Solidarität“ beispielsweise an Fenstern, Autoantennen oder Bäumen zu befestigen. Sie sollen die betroffenen Familien mit Freunden und Unterstützern symbolisch verbinden.

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