Interview: Weststadtkonferenz im Problem-Stadtteil hat viel bewirkt

Auf der Bühne: Die Weststadtkonferenz machte mit Kooperationen auch den Publikumserfolg Weststadt-Revue möglich. Foto: nh

Göttingen. In der Göttinger Weststadt wurde gefeiert: Seit 20 Jahren gibt es die Weststadtkonferenz, einen losen Zusammenschluss von Akteuren und Initiativen in dem problematischen Stadtviertel. Wir sprachen darüber mit einer Akteurin, Gabi Radinger aus dem Kulturzentrum Musa.

Worum ging und geht es in der Weststadtkonferenz?

Radinger: Die Weststadtkonferenz ist etwas ganz Besonderes in Göttingen. Es gibt zwar Runde Tische oder Foren in einigen Stadtteilen – von Bewohnern ins Leben gerufen. Hier aber ging es um die Einrichtungen und deren Zusammenarbeit. Wenn diese sich vernetzen, hat man ganz andere Möglichkeiten, weil sofort sehr viele Menschen eingebunden sind. Und diese Menschen bringen viel mit, Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Gibt es auch einen kommunalpolitischen Hintergrund?

Radinger: Ja. Damals, wie heute, ging und geht es auch darum, in einem benachteiligten Stadtteil ohne Ortsrat oder anderer politische Lobby eine Interessenvertretung zu schaffen, denn das Rathaus ist für die Menschen in der Weststadt weit weg. Der Stadtteil hat keine politische Vertretung im Stadtrat.

Was ist aus diesem losen Zusammenschluss entstanden?

Radinger: Es gab immer Meilensteine. Die ersten Treffen 1995, das erste Stadtteilfest 1996. Ein Höhepunkt war auch das Spielumfeldprogramm. Dabei wurden Kinder und Jugendliche einbezogen. Ziel war, ihnen mehr Möglichkeiten zur Entfaltung zu geben. Stadt und Land nahmen dafür viel Geld in die Hand, so für den Platz an der Pfalz-Grona-Breite. Ein Meilenstein war auch das erste große Bühnenprojekt, die „Weststadt-Revue“ unter Regie von Lars Wätzold. Ziel war: Bewohner und Bewohnerinnen gemeinsam auf eine Bühne zu bekommen. Mit Erfolg: Die Revue hat viele zusammengebracht.

Hat das Mut gemacht?

Radinger: Ja. Seitdem machen wir alle ein bis zwei Jahre ein Großprojekt und dazu kleines. 2010 gab es ein am Ende sogar preisgekröntes Jugendmusical zum Thema Soziale Medien. 2004 folgte ein Filmprojekt, das einschlug: Der im Rahmen des Weststadt-Filmfestivals entstandene Streifen „Das Oma-Problem“ hat mehr als fünf Millionen Klicks bei YouTube. Sensationell. Inhalt: Omas machen Jugendliche fertig. Der Film zeigt, was wir erreichen wollen: Die Omas müssen keine Angst vor den Jugendlichen haben. Wenn man sich trifft, kennt, kann das funktionieren – auch das ist die Weststadtkonferenz. 2014 gab es eine Kooperation mit den Händel-Festspielen: die Hiphopera „Faramondo“ entstand und wurde sogar zur Expo nach Mailand eingeladen.

Sind die Kulturprojekte so bedeutend?

Radinger: Das täuscht. Die Kulturprojekte stehen gar nicht mehr so im Vordergrund. Viel wichtiger ist, dass es jetzt nach langer Vorarbeit ein Weststadtzentrum gibt, eine klassische Anlaufstelle, in der Pfalz-Grona-Breite im Ex-Schlecker-Markt. Die Weststadtkonferenz hat dazu beigetragen. Und die Stadt hat das sehr gefördert.

Hat sich unabhängig von Projekten und der Konferenz etwas verändert im Viertel?

Radinger: Es gibt mit dem Hagenweg 20 noch ein echtes Problem. Die Leute leben dort in unwürdigen Verhältnissen. Grundsätzlich hat sich aber viel verändert. Die berüchtigten Treppchenhäuser am Maschmühlenweg samt Straßenstrich dort sind weg. Es gibt einen neuen, sehr schönen Quartierplatz, entstanden aus dem sozialen Stadtprojekt. Der wird angenommen. Und wir verzeichnen weniger nachbarschaftliche Konflikte, so zwischen den Roma und der alteingesessenen Bevölkerung. Auch die Kriminalität hat abgenommen. Man ist zusammengewachsen, auch dank der Weststadtkonferenz.

Nun kommen drei Flüchtlingsunterkünfte dazu...

Radinger: Im Sommer werden hier 650 Flüchtlinge in drei Unterkünften Europaallee, Hagenweg und Schützenanger untergebracht. 2014 wurden hier schon 350 Asylbewerber untergebracht, jetzt noch einmal 650. Das ist viel. Wir können das gut hinbekommen, aber es ist auch eine Belastung. Die Weststadtkonferenzler sagen: Es ist schwierig die Flüchtlinge aufzunehmen, aber wir packen das. Der Zuzug ist nichts Unbekanntes: Auch die Roma wurden von den Zietenterrassen hier her umgesiedelt.

Ist das eine Fehlplanung der Stadt?

Radinger: Die politische Entscheidung, so viele Flüchtlinge in einen Stadtteil zu setzen, wo viele Menschen mit wenig Geld leben, sehe ich kritisch. So könnte schnell Sozialneid aufkommen – eher als in anderen Stadtteilen. Wir thematisieren das, denn diese Probleme dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden. Aber ich kann auch sagen: Hier wird nicht mehr rumgepöbelt – auch nicht in Bürgerinfos-zum Thema. Das ist letztlich bemerkenswert und eine Folge der Entwicklung inklusive Weststadtkonferenz-Arbeit.

Wie geht es mit der Weststadtkonferenz weiter?

Radinger: Wünschenswert ist, dass es 20 Jahre weitergeht, aber mit Wechseln. Wir haben viele Leute, die mit anpacken, die dafür die Möglichkeiten haben. Aber: Die Hauptamtlichen wie Jugendhilfe, Arbeitsförderung und andere sind wichtig. Schön ist, dass sich auch die Stadt reinhängt. Vielleicht könnten sich noch mehr Firmen aus dem Stadtteil einbringen. Und es gibt Gedanken über Kooperationen von Arbeitsförderung und Weststadtkonferenz – auch über die Zusammenarbeit wenn die Flüchtlinge da sind. Fazit: Es geht hier viel – auch in der Zusammenarbeit, unbürokratisch, auf nachbarschaftlicher Ebene.

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