Von der Irrenanstalt zur modernen Klinik: 150 Jahre Psychiatrie in Göttingen

Psychiatrie-Standort mit langer Tradition: Der historische Klinikbau aus dem Jahr 1866 gehört heute zum Asklepios Fachklinikum. Foto: Niemann/pid

Göttingen. Seit anderthalb Jahrhunderten gibt es in Göttingen ein psychiatrisches Krankenhaus. Nach Berlin und München ist sie die drittälteste Universitätspsychiatrie in Deutschland - mit wechselvoller Geschichte.

„Die ganze Einrichtung ist vortrefflich und ohne Zweifel eine der besten, welche überhaupt existirt.“ Das große Lob, das 1866 in einer Göttinger Zeitung zu lesen war, galt einer neuen Spezialanstalt für nervenkranke Patienten: Vor 150 Jahren nahm das erste psychiatrische Krankenhaus in Göttingen seinen Betrieb auf. Dessen Ärztlicher Direktor übernahm gleichzeitig die neu eingerichtete Professur für Psychiatrie der Georg-August-Universität. Göttingen war damit nach der Berliner Charité und der Universität München die dritte Universitätspsychiatrie in Deutschland. Seitdem hat die Göttinger Psychiatrie eine wechselvolle Geschichte durchgemacht.

Anstalt auf dem Leineberg 

Bei ihrer Gründung 1866 hieß die Einrichtung auf dem Leineberg, die später als Landeskrankenhaus (LKH) fungierte, noch „Königliche Landesirrenanstalt zu Göttingen“. Die Behörden im damaligen Königreich Hannover hatten sich für den Standort Göttingen entschieden, weil sich dort durch die Anbindung an die Universität zwei Missstände beheben ließen: Man konnte endlich die Medizinstudenten auch im Bereich Psychiatrie ausbilden und zudem die „beschämende Unwissenheit der Sachverständigen“ verringern, die in Gerichtsverhandlungen als psychiatrische Gutachter auftraten.

Ludwig Meyer

Der erste Klinikleiter Ludwig Meyer war ein Verfechter einer freiheitlichen Psychiatrie, die auf Zwangsmittel weitgehend verzichtete. Behandlung und Pflege, so sein Credo, waren der beste Schutz. Meyer hatte zuvor als Klinikleiter in Hamburg alle Zwangsjacken auf dem „Dom“ versteigern lassen. In Göttingen seien erst gar keine angeschafft worden, berichtet der langjährige Ärztliche Direktor des LKH Göttingen Manfred Koller, der sich intensiv mit der Geschichte der Göttinger Psychiatrie befasst hat und heute im Sozialministerium tätig ist.

Unter Meyers Nachfolger August Cramer (1900 bis 1912) expandierte die Klinik: Er richtete eine Poliklinik in der Geiststraße ein, aus der sich später die Universitätsklinik und Poliklinik entwickelte, gründete das Nervensanatorium Rasemühle (heute Klinik Tiefenbrunn) und die Heil- und Erziehungsanstalt für psychopathische Fürsorgezöglinge, aus der die heutige Jugendanstalt hervorgegangen ist. 1909 wurde das Landesverwahrungshaus erbaut.

Heute gehört die Einrichtung zum Maßregelvollzugszentrum Niedersachsen, in diesem Frühjahr wurde der Neubau in Betrieb genommen. Seitdem steht das so genannte „Feste Haus“ leer.

Klinik-Direktoren schrieben Geschichte 

Als Gutachter des Massenmörders Fritz Haarmann wurde Klinikdirektor Ernst Schultze (1912 bis 1934) bekannt. Er befasste sich auch mit originellen Themen wie „Der Alkohol in den französischen Kolonien“.

Die beiden folgenden Direktoren sind mit dem bislang dunkelsten Kapitel der Psychiatriegeschichte verbunden: Gottfried Ewald (1934 bis 1954) befürwortete auf zwar die vom NS-Regime angeordnete Zwangssterilisation von psychisch Kranken. Er war aber auch der erste Psychiater, der im August 1940 in einer Denkschrift gegen das Euthanasie-Programm zur Ermordung psychisch Kranker protestierte. Mindestens 70 Patienten konnte er vor der Deportation bewahren. 238 Patienten aber wurden 1940/41 aus der Göttinger Klinik deportiert, mindestens 185 von ihnen wurden danach getötet. Sein Nachfolger Gerhard Kloos (1954 bis 1967) war tief in die Euthanasieverbrechen verstrickt gewesen: Er hatte in der NS-Zeit die Landesheilanstalt in Stadtroda geleitet, in der auch Kindertötungen stattfanden.

Unter dem folgenden Klinikdirektor Ulrich Venzlaff (1968 bis 1986) wehte ein gänzlich neuer Wind. Venzlaff widmete sich unter anderem der Behandlung traumatisierter Personen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Vor allem aber wurde er zum Nestor der Forensischen Psychiatrie. Sein Handbuch „Psychiatrische Begutachtung“ gilt bis heute als Standardwerk für Mediziner und Juristen. Sein Nachfolger Gunter Heinz (1987 bis 1994) erhielt den deutschlandweit ersten Lehrstuhl für Forensische Psychiatrie. Seit 2006 leitet Professor Jürgen Müller die Forensik.

Privatisierung und Symposium 

Seit der Privatisierung der Landeskrankenhäuser 2007 gehören Tiefenbrunn und die Klinik auf dem Leineberg zum Asklepios Konzern. In dem Fachklinikum, das über 428 Betten verfügt, wird das gesamte Spektrum psychischer Erkrankungen behandelt. Zusätzlich zum stationären Angebot gibt es eine gerontopsychiatrische und eine Sucht-Tagesklinik, zwei allgemeine Tageskliniken in Göttingen und Seesen sowie eine psychiatrische Institutsambulanz.

Rund 90 Jahre nach der Anstaltsgründung auf dem Leineberg wurde eine weitere psychiatrische Einrichtung eröffnet: 1955 zog die Universitätsnervenklinik in das neu errichtete Gebäude in der Von-Siebold-Straße ein.

Die heutige Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen verfügt derzeit über neun Stationen mit 96 vollstationären und 53 teilstationären Plätzen. Mit ihren zahlreichen Abteilungen und Spezialambulanzen deckt sie ein breites Spektrum an Forschungsrichtungen und Therapieansätzen ab.

Zweitägige Veranstaltung

Anlässlich des Jubiläums veranstalten die Universitätsmedizin Göttingen und die Asklepios Psychiatrie Niedersachsen GmbH am 26. und 27. Mai in der Aula am Wilhelmsplatz ein Symposium zum Thema „150 Jahre Universitätspsychiatrie Göttingen“. Die Vorträge beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aspekten der Psychiatrie-Geschichte sowie dem aktuellen Stand der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Außerdem wird dort eine Installation der einstigen Klingebiel-Zelle gezeigt.

Kontakt: Universitätsmedizin Göttingen, Psychiatrische Klinik, Von-Siebold-Straße 5, 37075 Göttingen, Tel. 0551/39-6 66 10.

www.psychiatrie.med.uni-goettingen.de

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