Unschuldsvermutung nicht vorgesehen

„Jamilo – fremd in der eigenen Stadt“: Theaterwerkstatt Göttingen zeigt Uraufführung

Szene aus dem Stück Jamilo: In der Uraufführung der Theater sind Karla Hennersdorf als Leonie und Karim Chelbi als Jamilo zu sehen.
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Szene aus dem Stück Jamilo: In der Uraufführung der Theater sind Karla Hennersdorf als Leonie und Karim Chelbi als Jamilo zu sehen.

Jubel und Applaus gab es nach der anderthalbstündigen Uraufführung für den spannenden Krimi über Diskriminierung. Das freut auch Regisseurin Dorothea Derben.

Göttingen – Die Geschichte ist so einfach wie alltäglich: In einer Kleinstadt wird ein Kiosk überfallen, der Betreiber wird schwer verletzt. Schnell fällt der Verdacht auf den Roma Jamilo. Obwohl der seine Unschuld beteuert, ist Kommissar Brocken überzeugt, dass mit ihm der Täter gefasst ist. Nur Leonie, eine gute Freundin Jamilos, ist überzeugt von dessen Unschuld. Wird sie die Ermittlungen beeinflussen können?

In Doppelbesetzung spielt Ole Pampuch den Kommissar, der sein Urteil über den Roma bereits vor Beginn der Ermittlungen gefällt hat, und den rechts angehauchten Mitschüler Patrick, der alles daransetzt, Jamilo zu belasten. Schon allein wegen seines Migrationshintergrunds kommt dieser als Täter schnell in Frage. Dazu wird er von Patricks Freundin belastet.

Der von sich selbst überzeugte Kommissar macht sich nicht die Mühe, sich den fremd klingenden Nachnamen Jamilos zu merken. Doch wehe dem, der wie Leonie seinen deutschen Namen nicht richtig ausspricht.

Karla Hennersdorf verkörpert eine Leonie, die entschlossen für Gerechtigkeit kämpft. Von Anfang an überzeugt von Jamilos Unschuld will sie ihn dazu bringen, sich zu wehren. Da passen ihre oft weit aufgerissenen Augen.

Karim Chelbi gelingt es durchgängig, die Emotionen Jamilos in Szene zu setzen. Überzeugend bricht er aus, wenn alles zu viel wird. Der Zuschauer sieht, wie seine Lippen und manchmal auch sein ganzer Körper zittern. Jamilos Interesse an Leonie zeigt Chelbi, ohne dass die Lovestory zentral wird.

So sparsam sich die Theaterwerkstatt wohl auch aus praktischen Gründen mit einer Stellwand und drei Quadern beim Bühnenbild zeigt – das Stück wird auch in Schulen gezeigt –, so vielfältig ist die Figurenführung. Hier greift die Regisseurin zu Tempuswechseln, lässt dramatische Szenen wie im Kopf des Betroffenen in Zeitlupe laufen.

Die Zuschauer werden ins Geschehen gezogen und erleben, wie Diskriminierung funktioniert: Durch vorschnell verallgemeinernde Schlüsse werden Menschen mal eben abgestempelt. Dass Leute wie Jamilo unschuldig sind, ist im Weltbild mancher Deutschtümler nicht vorgesehen. Wie nebenbei erfahren die Zuschauer viel über die leidvolle Geschichte der Roma.

Eine weitere Vorstellung der Kriminalgeschichte für Jugendliche ab 13 Jahren mit Musik von Alexander Derben wird im Lumière, Geismarlandstr. 19, am 9. Oktober um 17.30 Uhr gezeigt. Schulvorstellungen werden am 7. und 8. Oktober jeweils um 10 Uhr gegeben. Bei der Theaterwerkwerkstatt Göttingen, Telefon: 0551/7703785, E-Mail: info@theaterwerkstatt-goettingen.de, ist die Aufführung bis zum 31. März 2022 von Schulen und anderen Veranstaltern zu buchen. (Ute Lawrenz)

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