Nicht ohne medizinische Indikation

Jedes dritte Baby kommt per Kaiserschnitt

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Geschafft: Ein Baby unmittelbar nach seiner Geburt per Kaiserschnitt. 

Göttingen. Die Zahl der Kaiserschnitte in der Region verharrt auf hohem Niveau, obwohl Geburtskliniken die Frauen eindringlich vor den Risiken warnen.

Im Göttinger Agaplesion-Krankenhaus Neu Bethlehem, das mit mehr als 1000 Entbindungen jährlich die größte Geburtsklinik der Region ist, stieg die Kaiserschnittquote von 25,7 Prozent 2013 auf 28 Prozent 2014. Damit liegt sie aber immer noch deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 33 Prozent.

Das führt Oberärztin Dr. Maria Anasowitsch auf das geburtshilfliche Management ihrer Abteilung zurück: „Bei uns gibt es auch spontane Steißgeburten und Zwillinge sind auch nicht automatisch eine Indikation für einen Kaiserschnitt.“ In anderen Kliniken gebe es auch einen Kaiserschnitt auf Wunsch ohne medizinische Indikation: „Das machen wir nicht.“

Den langfristigen Anstieg führt Anasowitsch auch darauf zurück, dass es mehr ältere Mütter mit Begleiterkrankungen wie hohen Blutdruck gibt oder Frauen schon in anderen Kliniken ein oder zwei Kaiserschnitte hatten.

In der benachbarten Klinik Neu-Mariahilf, die zum Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende gehört, kommen jährlich etwa 600 Kinder zur Welt. 2013 wurden dort 36,4 Prozent per Kaiserschnitt geholt, 2014 mit 36,5 Prozent ähnlich viele. Zum Vergleich: 1993 waren es 12,9 Prozent.

Den Anstieg führt die Leitende Oberärztin Dr. Regina Strüber auch darauf zurück, dass Kaiserschnitte früher meist eine Vollnarkose erforderten, was viele ablehnten Zudem seien Mütter heute älter und Säuglinge schwerer.

Wenn eine Frau einen Kaiserschnitt wünscht, werde sie ausführlich über alle Nebenwirkungen aufgeklärt, dass zum Beispiel das Kind verletzt werden könnte oder dass die nächste Schwangerschaft zur Risikoschwangerschaft wird. Im Klinikum liegt die Kaiserschnittrate systembedingt sehr hoch.

Risikogeburten nur im Klinikum

Mit einer Kaiserschnittquote von 55 Prozent liegt die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der Universitätsmedizin Göttingen weit über dem Bundesdurchschnitt. Das hat „nachvollziehbare Ursachen“, die Klinikchef Prof. Dr. Günter Emons nennt.

Weil kleinere Häuser nur risikofreie Schwangere ab der 36. Woche entbinden dürfen, kommen fast alle Risikoschwangeren aus einem sehr großen Einzugsgebiet in die Frauenklinik der Universitätsmedizin, die zusammen mit der Neugeborenenstation das einzige „Perinatalzentrum Level 1“ in der Region ist. Das betrifft Frühgeburten, Schwangerschaftsvergiftungen und weitere Indikationen. „Der Gesetzgeber hat genau diese Zentralisierung befördert“, erläutert Dr. Emons, um die optimale Betreuung und Versorgung solcher Risikoschwangerschaften sicherzustellen.

Die Zahl der Kaiserschnittgeburten im Klinikum ist in den vergangen Jahrzehnten deutlich gestiegen. 1993 lag die Quote mit 363 Kaiserschnitten bei 30 Prozent, 2003 mit 303 bei 36 Prozent und 2013 mit 407 bei 53 Prozent. 2014 wurden 449 Baby per Kaiserschnitt auf die Welt geholt, was einer Quote von 55 Prozent entsprach.

Dr. Emons führt die hohe Zahl von Risikoschwangerschaften darauf zurück, „dass die Frauen immer älter werden, wenn sie Kinder bekommen, und dann unter Umständen schon etliche Erkrankungen wie hohen Blutdruck oder Diabetes haben.“ Viele kranke Frauen, denen man früher von einer Schwangerschaft abgeraten habe, „wollen und könnten heute Kinder bekommen“. Viele dieser Risikoschwangerschaften müssten dann mit Kaiserschnitt beendet werden.

Weiterhin zunehmend wünschten sich Frauen einen geplanten Kaiserschnitt, weil sie starke Ängste vor einer normalen Geburt hätten. Dr. Emons: „Es ist heute möglich, diesem Wunsch nachzukommen. Meines Erachtens gibt es diesen Wunsch in einer Universitätsstadt wie Göttingen relativ häufiger als beispielsweise in Industriestädten oder auf dem Lande. Es ist also ein logisches und nachvollziehbares Zeichen, wenn die Kaiserschnittrate in der Frauenklinik der UMG höher und in der Peripherie niedriger ist.“

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