Jim Dine: New York, Paris, Göttingen

Weltstar realisiert mit Gerhard Steidl einen Pavillon für eine Dauerausstellung

Einer der Letzten der Pop-Art: Jim Dine (85) ist Maler, Zeichner, Bildhauer, Fotograf und Poet – arbeitet in Göttingen am Jim-Dine-Pavillon im Kunstquartier und ist fast fertig. Dine lebt auch zeitweise in Göttingen.
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Einer der Letzten der Pop-Art: Jim Dine (85) ist Maler, Zeichner, Bildhauer, Fotograf und Poet – arbeitet in Göttingen am Jim-Dine-Pavillon im Kunstquartier und ist fast fertig. Dine lebt auch zeitweise in Göttingen.

Jim Dine ist ein Künstler von Weltruf, einer der letzten noch Lebenden aus der Ära der Pop-Art und ein Multitalent: Maler, Bildhauer, Fotograf, Poet und Zeichner.

  • Olympe Racana-Weiler bringt Teile des Textes von Dine auf die Wand
  • Jim Dine freut sich auf das neue Unikat seines alten Kunstprojekts
  • Ab Januar wird das Werk dauerhaft zu sehen sein

Göttingen – Jim Dine (85) lebt in Paris, New York – und in Göttingen, was nur wenige wissen. Und Jim Dine arbeitet hier am Jim-Dine-Pavillon.

Hinter dem Kunsthaus an der Düsteren Straße im Innenhof des künftigen Kunstquartiers steht ein kleines, (noch) nicht ganz fertiges Holzhaus. Die Tür ist nicht eingehängt. Ein kleiner, drahtiger Mann mit kahlem Kopf und wachen Augen sitzt dort auf einem Hocker und schreibt mit einem Stück Kohle in der Hand auf eine Wand mit grauer Patina das Wort „The“, dann wischt er es weg, beginnt von vorne.

„Good Morning“, sagt Jim Dine, blickt kurz hoch, um sich wieder der Wand zuzuwenden. In einer Ecke des Raumes, der das Gesamtkunstwerk „Poet Singing – The Flowering Sheets“ dauerhaft beherbergen wird, arbeitet eine Assistentin: Die Französin Olympe Racana-Weiler, bringt Teile des Textes von Dine auf die Wand. Daniel Clarke, ein weiterer Partner Dines, beobachtet auf einer Kiste sitzend die Szenerie.

Mittendrin steht Gerhard Steidl und ein Besucher, Rolf-Georg Köhler. Dem stets wenig euphorischen Buchmacher von Weltruf, Steidl, ist die Freude anzumerken, dem Stadtoberhaupt, Köhler, erst Recht. In Göttingen wächst eine Kunstattraktion im unauffälligen Holzhäuschen: die dauerhafte „Sight Specific Installation“ – eine Einheit von Kunstwerk und Gebäude – von Jim Dines „Flowering Sheeds“.

Bis Montag will Dine die Wände fertigstellen; dann kommen die massigen Skulpturen hinzu, die verpackt in Kisten im Hof stehen: vier Frauenfiguren, die Sirenen, gefertigt aus 400 Jahre alten Eichenstämmen sowie ein riesiger Kopf aus Gips – es ist das Haupt Jim Dines.

Der wohnt seit 17 Jahren punktuell auch in Göttingen – nur wenige wissen das – hat sein Studio im künftigen Kunstquartier, ist Nachbar von Steidl. „Gerhard ist mein Freund“, sagt Dine. „Wir arbeiten schon sehr lange zusammen.“ Steidl macht die Bücher und erarbeitet die Drucke, gestaltet aber auch Ausstellungen Dines weltweit.

Buchmacher und Verleger Gerhard Steidl.

Und Steidl war, wie er sagt, „der Geburtshelfer“ von „Poet Singing – The Flowering Sheets“, bereitete die Premiere 2008 in Los Angeles vor. Damals fragte Steidl, was einmal mit den Skulpturen geschehen werde. „Die landen in einem Museum“, war die Antwort. Aber Steidl blieb hartnäckig, bekam sie und lagerte sie seit 2018 nach einer Ausstellung in Rom auf dem Steidl-Gelände.

Ab Montag werden sie nach peniblen Anweisungen Dines im Dine-Pavillon auf ihren Dauer-Platz dirigiert. „Fantastisch“, sagt Köhler, der darin eine Attraktion für Göttingen und das Kunstquartier sieht.

Jim Dine ist am Samstag voll im Arbeitsfokus – aber er freut sich auf das neue Unikat seines alten Kunstprojekts, in dem er mitten drin stehen wird, genauer sein Kopf in Gips – als Betrachter seiner Verse, umgeben von Musen aus Eichenholz, nachempfunden der antiken Szene um Orpheus. Dine wird eins sein mit der Kunst.

Darum geht es ihm, wie er einmal sagte und anfügte: „Künstlerische Arbeit ist immer auch ein Selbstporträt“, was ihm Kritiker manchmal vorhalten wie einen Ego-Trip. Bei diesem Projekt aber spürte er damals „etwas im Bauch“.

Genau das spürt auch der Betrachter beim Betreten des Raums mit den Versen Dines, des Poeten. Ab Januar, wenn das Kunsthaus offen ist, wird das Werk dauerhaft zu sehen sein. Der Fotograf Harf Zimmermann aus Berlin beobachtet und dokumentiert die Arbeit im Pavillon.

Er fertigt eine digitale Kopie in Top-Qualität, „damit es im Fall der Zerstörung rekonstruiert werden kann“, so der Verleger. Das Werk soll fortbestehen. In Göttingen arbeitet Dine übrigens gern, ist hier „überaus produktiv“, wie Steidl sagt. Dine meint: „Ich finde hier Ruhe, es ist, als wenn ich aufs Land fahre.“ (Thomas Kopietz)

Kunsthaus und Kunstquartier Göttingen

Die Stadt entwickelt in der südlichen Altstadt zwischen Düsterer Straße und Nikolaistraße mit dem Verleger Gerhard Steidl das „Kunstquartier“. Dafür gab es vom Bund eine stattliche Förderung von 4,5 Millionen Euro, dazu eine Spende von Ottobock-Chef Hans-Georg Näder über eine Million Euro.

Kernpunkt wird das Kunsthaus sein. Konzipiert wird es von dem Leipziger Architekturstudio Atelier ST. Das Kunsthaus wird im Oktober fertiggestellt. Die Einweihung und Eröffnung soll nach Auskunft von Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt Anfang 2021 stattfinden.

Die laufenden Kosten übernimmt die Sartorius AG. Zum Kunstquartier gehört auch das Schaffen von Räumen für Künstler, die Verbindung von Kunst, Literatur und Universität. Dazu gehört auch das bestehende, von Steidl in einem der ältesten Häuser der Stadt gebaute, Günter-Grass-Archiv.

Zur Person

Jim Dine (85), geboren in Cincinnati (Ohio, USA), ist ein Künstler, der auch für Konzeptkunst und Happenings bekannt war, diese aber aufgab, um sich auf Malerei zu konzentrieren. Seine Bildsprache ähnelt der Pop Art, er nutzt auch Konsumobjekte als Motive.

Die Arbeit von Dine setzt sich zusammen aus Malerei, vor allem Acrylmalerei, aus Bronze-, Holz- und Gipsskulpturen sowie Drucken – damit begann er mit 16 und produziert sie noch heute – laut Gerhard Steidl – etwa zehn pro Monat. Die Arbeiten Dines – „Artnet“ listet mehr als 7500 Werke – sind weltweit verteilt. Dine lebt in Paris, Göttingen, hat auch Studios in Washington und New-York.

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