Star kommt nach Südniedersachsen

Johannes Oerding: Erfolg macht etwas mit Dir

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2019 Soundcheck-Festival in Göttingen und Duderstadt Open-Air, 2020 Waldbühne Northeim: Johannes Oerding kennt die Region, mag die Städte und Menschen. Im Interview spricht der angesagte Musiker über sein Leben und die Musik. Das Foto entstand beim NDR-2-Soundcheck-Festival im Oktober in „Halle 2“ in Göttingen.

Johannes Oerding kommt im Juni 2020 nach Northeim. Wir sprachen bei einem Auftritt in Göttingen mit ihm.

Das NDR-2-Soundcheck-Festival Neue Musik bringt im Herbst alljährlich die Stars der deutschen und die aufgehenden Sterne der internationalen Pop-Musik nach Göttingen. Gelegenheit auch, um ganz nah und locker mit den Stars reden zu können. So mit Johannes Oerding. Knapp 45 Minuten vor einem Konzert treffen wir ihn im rustikalen Back-Stage-Bereich der Konzertarena. Gute fünf Minuten werden für das Gespräch gewährt, heißt es. Oerding – schwarze Jeans, schwarzer Blouson, Hut – kommt und es geht los. Normalerweise beginnt der Fragende das Interview. Nicht so heute.

Oerding: Wir machen das auf Du, o.k? Ich bin Johannes.

Gerne.

Spricht man Dich eigentlich immer mit Johannes an, das klingt so ernst?

Du sagtest es schon richtig, wenn es jemand ernst meint, dann sagt er Johannes (lacht). Meine Mutter hielt es auch so. Wenn sie es ernst meinte, sauer auf mich war, dann sagte sie stets Johannes, aber wenn sie gut drauf war Johnny. Sonst nennen mich nur meine Geschwister ebenfalls Hannes. Die Band-Jungs nennen mich, wenn es ernst wird, natürlich Herr Oerding. Nein, das ist Quatsch. Nee, sie sagen: Chef! (lacht laut), „Chef, was ist los, Jung?“

Du bist ein fleißiger Musiker und Tourer – kennst Du Südniedersachsen und Nordhessen?

Natürlich. In Niedersachsen habe ich gefühlt alles bespielt wie Duderstadt und Göttingen im Herbst. In Duderstadt, im Eichsfeld hat es mir sehr gut gefallen, ein schönes Städtchen, liebe Menschen, gute Versorgung.

Dort spielte ja Peter Maffay, der Freund von Ottobock-Chef Hans-Georg Näder. Wie bist Du dazugekommen?

Ich habe schon mit Peter Maffay getourt. Das war der Kontakt. Peter hat mich gefragt, ob ich ihn begleiten kann, vor ihm ein Set in Duderstadt zu spielen. Ich hab sofort Ja gesagt. Wenn der Peter etwas anfragt und eine Idee hat, dann sind das stets schöne Dinge. Also dachte ich gar nicht drüber nach, sondern sagte: Klar machen wir das! Und Peter ist dort ja auch mit seinem Tabaluga-Haus engagiert.

Göttingen hast Du nun drei Mal bespielt. Einmal solo in der Stadthalle, zwei Mal Soundscheck, einmal Finale, also Kurz-Gig, und 2019 zum Auftakt in einer umgestalteten Basketballhalle. Du hattest mir versprochen, einmal die Lokhalle vollzumachen, bislang ist das nicht geschehen..

Wir sind doch in Göttingen auf der neuen Tour! Oder? (Ruft seinen Manager) Wir sind doch in Göttingen auf der Tour, oder nicht? Manager: „Ich weiß es nicht.(Anmerkung der Red.: Oerding spielt am 26. Juni 2020 auf der Waldbühne in Northeim).

Du bist gut ein Jahrzehnt als Musiker im Geschäft, wie empfindest Du das, was ist hängen geblieben?

Lustig ist, das kommt mir gar nicht so lange vor, weil ich das ja schon mein Leben lang mache. Es war übrigens schon immer mein Inhalt, mein Lebensmittelpunkt, Musik zu machen. Aber wenn wir manchmal nach der Show beim Bier zusammensitzen – wir sind mit diesem Team schon zwei Jahrzehnte, seit ich 16 bin, unterwegs – dann ist es manchmal fast wie bei einer Altherrentruppe, die nostalgisch nach hinten schaut und sagt: „Wisst Ihr noch damals, als wir noch selber den Bus gefahren sind und zu fünft in einem Zimmer geschlafen hatten (lacht). Deshalb ist es egal, dass ich erst 37 bin. Es ist ein schönes Gefühl zu spüren, dass man das so lange machen kann. Und, dass die Leute nicht nur immer noch kommen, sondern dass es noch mehr werden. Das ist wunderschön.

Hat der wachsende Erfolg etwas mit Dir gemacht, Dich verändert?

Ja. Erfolg in der Branche macht was mit Dir. Dagegen kann man sich nicht wehren. Man wird ein anderer, weil man beobachtet und bewertet wird – ständig. Man kann sich nicht mehr so bewegen, wie früher, als in Anführungsstrichen ganz normaler Mensch. Ich hatte aber ein besonderes Glück, dass meine Karriere langsam aber stetig bergauf ging. Ich konnte so die entscheidenden Schritte gut verarbeiten und verpacken. Es gab keinen Sprung von Null auf 2000, der dich überfordert und andere sagen lässt: Jetzt dreht er durch. Es war immer überschaubar. Ich konnte immer den Weg sehen und erkannte: Wenn es so weitergeht, dann muss ich mir keine Sorgen machen, auch nicht um mich. Das ist mein Schicksal und mein großes, großes Glück.

Du bist also jung an Jahren und dennoch erfahren.

Ich bin mittlerweile in einem Alter, in dem ich irgendwie schon einmal alles gesehen habe – von gut bis schlecht, hoch und runter. Ja, ich habe die Lebenserfahrung, bestimmte Dinge einschätzen zu können. Ich weiß auch, wie ich selber wahrgenommen werde. Aber: Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich mit 18 oder 19 schon den Mega-Erfolg gehabt hätte, den ich heute habe. Das macht sehr viel mit Dir, ich weiß es auch aus Erzählungen von Kolleginnen und Kollegen.

Hast Du Druck, Ideen haben zu müssen, oder dass die Kreativität weggeht?

Nein. Man hat mal zwischendurch Momente, in denen Du denkst: Hoffentlich fällt mir was ein. Das muss man hinnehmen, denn irgendwann kommt auch wieder der Input. In einer Schwächephase muss man sich auch neue Reize suchen, gedanklich – oder muss neue Menschen in seinem Umfeld haben. Alleinsein hilft auch.

Welche Rolle spielen Freunde?

Sie sind sehr wichtig. Aber auch andere Dinge, wie Reisen oder etwas, was nichts mit Musik zu tun hat.

Kannst gut alleine sein?

Das funktioniert richtig gut. Ich brauche das, um zwischendurch klar zu kommen. So gerne ich Menschen mag und liebe, genau so gibt es die andere Seite. Dann sage ich: Jetzt lasst mich mal alle in Ruhe, jetzt reicht es mir – nachdem ich eine Tour gespielt und 150.000 Menschen gesehen, tausende Hände geschüttelt, auch viel Small-Talk gelabert habe. Dann bin ich abgelabert und rede nur noch mit mir. Das ist die Ambivalenz in mir: Ich bin Menschenfreund, und manchmal denke ich trotzdem: Oh, komm, geh mir weg mit Euch Menschen. Und ich habe meine drei, vier Leute, die Du Dein Leben lang hast, die mit Dir gewachsen sind und wissen, wie der Hase läuft, manchmal ohne viel Worte. Sie verstehen, wenn ich monatelang keine Zeit habe. Danach ist es aber intensiv und lustig wie immer.

Deine Lebensgefährtin, Ina Müller, weiß aus eigener Erfahrung, wie der Musiker läuft und tickt.

Genau. Das ist ein großes Glück. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn da jemand wäre, der klagen würde: Du bist ja nie zu Hause. Kümmer´ Du Dich mal um die Wohnung, gieß´ die Blumen. Ein Albtraum. Und nicht das, was man sich unter Rock´n Roll-Leben vorstellt.

Du hast auch die TV-Show „Sing meinen Song“ gemacht. Mit welcher Erkenntnis?

Es war die schönste Erfahrung, die ich mit anderen Kolleginnen und Kollegen gemacht habe – sehr intensiv und freundschaftlich. Ich konnte einmal das Drumherum vergessen, so sein, wie ich bin. Und das, obwohl es eine nervenaufreibende Show ist. Aber du bist so stark involviert, die Kameras sind versteckt. Wenn sich dann alle so fallen lassen können, dann ist das eine gute Welle. Die erwischten wir. Das zeigen auch die Zuschauerreaktionen. Wir sind alle sehr demütig an die Sache herangegangen, auch daran, die Stücke der anderen zu interpretieren, zu singen. Es waren ausnahmslos hochtalentierte Musiker. Und alle wurden Fans voneinander. Es war eine gute Mischung, ein gutes Team, ein Glücksfall.

Wo geht es stilmäßig für Dich hin, hast Du einmal Lust auszubrechen?

Ich versuche schon auf den Alben, alle Facetten von mir zu zeigen. Der Überbegriff wird immer deutschsprachige Popmusik sein, weil ich deutsch texte und relativ poppig komponiere, das kann ich und bin dabei auch hier und da ein wenig limitiert (lacht). Nichtsdestotrotz versuche ich, auf jedem Album Ecken und Kanten zu zeigen, so auch auf dem neuen Album „Konturen“. Dort gibt es auch eine kleine Ballade am Klavier ebenso wie Elektro-Pop-Stücke.

Wo siehst Du Dich in zehn Jahren, welche Hoffnungen hast Du?

Natürlich habe ich Wünsche und Hoffnungen: Dass ich nach wie vor gesund bin und bleibe, ebenso die meine liebsten Menschen um mich herum ebenfalls. Ich hoffe, dass bis dahin Fridays For Future nicht nur Fridays ist, sondern jeden Tag Menschen daran denken. Ich hoffe, dass wir weiter auf die Bühne gehen können, dass meine Stimme hält. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich nicht mehr Musik machen könnte. Und ich hoffe, dass ich noch viel zu sagen habe. Ich habe aber auch gemerkt, dass es schwierig ist, gerade in der Musikbranche so weit vorauszuschauen.

Welche Musik hörst Du eigentlich am liebsten?

Ich höre nur Johannes Oerding (lacht und sagt): Tschüss. (Es sind noch 20 Minuten bis zum Konzertbeginn). Ich muss mich noch umziehen. Danke Dir!

Zur Person

Johannes Oerding (37) geboren in Münster, ist Popsänger und Songwriter. Er erlangte erstmals 2009 Aufmerksamkeit, als er bei Simply Red und „Ich + Ich“ im Vorprogramm auftrat.

Sozial engagiert: Johannes Oerding serviert am 3. Dezember in der Hamburger Fischauktionshalle bei der Weihnachtsfeier „Mehr als eine warme Mahlzeit“ für Hamburgs Bedürftige Essen.

Es folgten ausverkaufte Solotouren und die Alben „Alles brennt“ (2015) und „Kreise“ (2017). „Konturen“ ist sein sechstes Studioalbum. Er schreibt auch Songs für Künstler wie Peter Maffay. Oerding ist mit Ina Müller zusammen und lebt in Hamburg-St. Pauli.

Karten für das Konzert am Freitag, 26. Juni 2020, auf der Waldbühne in Northeim gibt es hier.

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