Likör und andere Ichfindungs-Wege

Das Junge Theater Göttingen zeigt „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“

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Darauf ein Gläschen: Agnes Giese und Jan Reinartz (von links) als Großeltern mit Andreas Krüger als Enkel Joachim.

Göttingen – „Und jetzt gibt es Cointreau.“ Diese Verheißung von Joachims Großvater im Stück „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke!“ wird noch vor Beginn der Premiere am Jungen Theater Göttingen für die Besucher Realität, als im Foyer Gläschen mit Orangenlikör ausgeteilt werden

Ein aromatisch-klebriger Einstieg in einen witzigen und melancholischen Theaterabend, der von Identitätsfindung handelt, aber auch von Familienglück und der bizarren Welt der Schauspielausbildung. Die ausverkaufte Premiere am Freitag wurde ausgiebig beklatscht.

Joachim Meyerhoff schrieb den Roman, auf dem das Stück basiert, als Teil seiner ebenso amüsanten wie oft auch tieftraurigen mehrteiligen Biografie. Der Schauspieler, der sein Erst-Engagement am Staatstheater Kassel hatte, beackert im hier verarbeiteten Teil die Phase der Selbstorientierung des Jung-erwachsenen.

Joachim zieht nach München, wird dort an der Schauspielschule aufgenommen und schlüpft bei den Großeltern unter, wo er entgegen seiner Absicht volle drei Jahre bleibt. Sebastian Wirnitzer inszeniert und stattet das Stück aus, er zelebriert die Slapstickmomente, lässt aber auch die Cointreau-süße Melancholie hervorschmecken. Die beiden Seitenbereiche der Bühne sind die Welten, zwischen denen Protagonist Joachim sich bewegt – die Schauspielschule mit einem schrillen Panoptikum an Lehrern und deren Atemübungen, Tier-Improvisationen (ein Nilpferd spricht Fontane) und einer sexfixierten „Faust“-Inszenierung mit riesigen Umschnall-Penissen.

Auf der anderen Seite das Großelternhaus mit seinen Reclamheften und dem nicht enden wollenden Strom an Likör, Rotwein und Whisky, mit feingeistigen Gesprächen der gebildeten Seidentuchträger und ihrer bedingungslosen Liebe und Zuwendung. Die tut dem vor der Trauer um seinen gestorbenen Bruder flüchtenden Joachim (Andreas Krüger) wohler, als er sich eingestehen mag.

In kurzen Erzähltexten wendet sich der Hauptdarsteller an der Rampe stehend immer wieder ans Publikum, vermittelt Hintergründe. Da die meisten vielschichtigen Gemütslagen in diese Passagen hineinverlagert sind, bleiben nur die Bereiche Oma-Opa-Wohlfühlen und augenrollender Slapstick für das im engeren Sinn dramatische Geschehen. Eine Schwäche dieser Dramenfassung von Henning Bock. Hauptdarsteller Andreas Krüger gelingt es aber gerade in seinen Monologen immer wieder, die Lehrjahre der Schauspielerei auch zur allgemeinen Identitätssuche zu weiten. Eine Suche, um die titelgebende „entsetzliche Lücke“ zu füllen. Neben dem Ausgleichen der familiären Verluste ist das nämlich, wie es das Zitat aus Goethes „Werther“ meint, die Lücke zwischen sich selbst und der Welt.

Natalie Nowak und Jens Tramsen spielen Joachims Schauspielschul-Kollegen in scheußlicher 1989-Klamotte mit Stirnband und Glitzerkleid, die gemeinsam Atmen und Sprechen lernen und sich in allerlei Verrenkungen üben. Jan Reinartz und Agnes Giese überzeugen als liebende und dauerbeschwipste Großeltern – und in fliegendem Kostümwechsel als schrilles Lehrpersonal. Agnes Giese als verknöcherte Atemlehrerin, Improvisationsdozentin mit pinkfarbener Trainingsjacke und lüsterne Sprechtrainerin ist eine Schau!

„Mein Lieberling“, nennt die Großmutter, die selbst auf eine Schauspielkarriere zurückblickt, ihren Enkel, lässt unentwegt Rotwein nachschenken und freut sich über Joachims winzigste (und zunächst absolut spärliche) Bühnenerfolge. Dann aber wird es ernst: Der Junge muss nach Kassel!

Wieder am 7., 13., 21.12., Kartentelefon: 0551 / 495015, junges-theater.de

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