"Ursel" von Guy Krneta

Wenn der Unterrichtsraum zur Bühne wird: Neues vom Jungen Theater Göttingen  

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Eindringlicher Blick: Lisa Schreiber überzeugte bei einer Kostprobe des Theaterstücks „Ursel“ im Unterrichtsraum der Klasse 3b der Wilhelm-Busch-Grundschule.

Göttingen. Theater im Klassenzimmer! Nein, nicht das, was Sie jetzt denken! In dem Stück "Ursel" von Guy Krneta wird der Unterrichtsraum zur Bühne. Das Junge Theater in Göttingen hat den Monolog mit Schauspielerin Lisa Schreiber als Klassenzimmer-Stück konzipiert.

Die Premiere ist zwar erst am Donnerstag, 15. Februar, doch Schreiber, Regisseur Christian Vilmar sowie Dramaturgin und Theaterpädagogin Kathrin Müller-Gruß gaben unter der Woche schon einmal eine Kostprobe. So wurde die Klasse 3b der Wilhelm-Busch-Grundschule, die das Projekt weiter begleiten wird, für eine Viertelstunde zur Bühne.

Ursel ist erst sechs Jahre alt und wünscht sich doch nichts sehnlicher als den Tod. Keine Angst, das Stück ist keine schwere Kost und geeignet für Kinder. Dennoch nimmt das Thema Sterben viel Raum ein. Denn Ursels großer Bruder Urs ist tot. Mit drei Jahren – bevor Ursel geboren war – stürzte er vom Fensterbrett.

Seine Eltern, die der Zuschauer in diesem Ein-Frau-Stück nie sieht, scheinen das Unglück nie überwunden zu haben: Ursel, das wird aus ihren Ausführungen schnell deutlich, ist ständigen Vergleichen mit Urs ausgesetzt, der sowieso viel umgänglicher war als sie selbst.

Und so lechzt Ursel nach Aufmerksamkeit. Die dürfte es wohl am meisten bei der eigenen Beerdigung geben. Das wäre ein Fest für Ursel, die Schreiber mit einer äußerst großen Energie auf die Bühne bringt.

Dabei ist die Darstellerin noch gar nicht vollends ausgebildet. Schreiber ist noch an der Schauspielschule in Kassel, mit der das Junge Theater kooperiert.

Für das Theater-Trio stand bei der Probe im Klassenzimmer auch die Frage im Mittelpunkt: Was halten die Schüler von der Kurz-Vorstellung? Regisseur Vilmar: "Die Reaktionen der Kinder waren total interessant. Die direkte Konfrontation mit den Schülern ist einfach spannend." So erhielten die Theaterleute den ein oder anderen wichtigen Hinweis, was gut ankommt und an welchen Stellen noch gefeilt werden muss.

Besonders gefallen hat den Kindern der Anfang, den Christian Vilmar und Kathrin Müller-Gruß leicht abänderten. Gewissermaßen als Prolog trägt die hüpfend und pfeifend durch das Klassenzimmer stürmende Ursel das Gedicht „Wenn ick einmal tot bin“ von Friedrich Hollaender vor. Es paraphrasiert den Wunschtraum des sechsjährigen Kindes nach Aufmerksamkeit, wie Vilmar erklärt. Und zwar so gut, dass der Zuschauer keinen Bruch zwischen Prolog und dem eigentlichen Beginn des Stückes registriert.

Und auch das Gesamtkonzept von "Ursel", so wie es sich in der kurzen Kostprobe darstellte, überzeugt. Etwa in dem Spiel mit Requisiten: Der Tisch wird vom Grabstein zum Fensterbrett oder zum Sarg. Alles in allem ein Theaterstück für die ganze Familie: Unterhaltsam regt es zum Nachdenken an, ohne bedrückend zu wirken.

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