Werkstattbericht

Junges Theater Göttingen bringt die Bühne auf den Bildschirm

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Dreharbeiten mit Mund-Nasen-Schutz: Tobias Sosinka (vorn) und Christian Ewald-Kronen.

Als Video-Stream wird das Göttinger Haus Tobias Sosinkas Inszenierung von Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ zeigen. Ein Blick auf die Dreharbeiten.

Wer den Saal im Jungen Theater betritt, könnte meinen, er sei zu spät gekommen. Das Bühnenbild ist aufgebaut, wie beim Einlass ist das Bühnenlicht abgedunkelt. Dann fällt auf: Die ersten beiden Sitzreihen sind leer. Verschwunden sind die Reihen dahinter, einem Podest für die Kamera gewichen. Vor der Bühne, rechts und links, stehen zwei Fotokameras auf Stativen. Neben Christian Ewald-Kronen, dem Chef der KnockWood Films GmbH, gibt Regisseur und JT-Geschäftsführer Tobias Sosinka Instruktionen. Corona geschuldet tragen alle Masken.

Sosinka sagt an, wie der Ablauf geplant ist: Lange Durchläufe für die dramaturgischen Bögen unterbrochen von Wiederholungen für intime Situationen. Von Hand imitiert Sosinka die Klappe. In Kostüm kommt Schauspieler Jan Reinartz auf die Bühne.

Für Intendant Nico Dietrich ist es eine Grundsatzfrage, ob ein Theater mit Video-Streaming an die Öffentlichkeit geht. „Wir sind noch da“, wolle das Junge Theater zeigen. Von Anfang an war für Dietrich klar, dass für die Filmaufnahmen ein Profi gebraucht wird. Ewald-Kronen, Schauspieler – bis 1996 am Deutschen Theater in Göttingen –, Regisseur und Filmemacher, schien der richtige Ansprechpartner.

Eine Szene aus „Deutschland. Ein Wintermärchen“: Jan Reinartz und im Hintergrund Katharina Brehl in der Inszenierung des JT Göttingen von Tobias Sosinka.

Bewusst habe man sich für den Dreh für ein Stück mit kleiner Besetzung – zwei Personen – entschieden. Ein Problem: Bei lautem Sprechen oder Singen sind laut Dietrich zu Corona-Zeiten sechs Meter Abstand für die Menschen Pflicht. Auf ursprünglich nah inszenierte Szenen mussten die Schauspieler verzichten. In den Drehpausen tragen alle Masken.

Mit insgesamt sechs Kameras – zwei fest installierten, der Rest beweglich – werde das Bühnengeschehen aus verschiedenen Blickwinkeln festgehalten, erläutert Ewald-Kronen. Nach dem Schnitt werde man die Distanz kaum bemerken.

Es geht weiter mit dem Auftritt von Katharina Brehl. Soll sie Gesichtsmaske oder Wallebart tragen? Schnell ist klar: Der üppige Bart ist besser. Die Dreharbeiten können fortgesetzt werden. In vier Stunden will die Mannschaft die Inszenierung im Kasten haben. Auf Theater in ihren eigenen vier Wänden müssen die Fans des Jungen Theaters allerdings noch warten. Etwa drei Wochen sind für den Schnitt veranschlagt. Dietrich plant danach eine Online-Premiere.

„Deutschland. Ein Wintermärchen“ soll am Jungen Theater nicht der einzige „Film“ bleiben. Für das Braunschweiger Theaterfestival „Hart am Wind“ sei ein Stream des Jugendstücks „fridays.future“ vorgesehen. Bei den Privattheatertagen in Hamburg, für das das Junge Theater Göttingen mit der Komödie „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ nominiert ist, wird diese Inszenierung voraussichtlich filmisch festgehalten.

junges-theater.de

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