Alte Lyrik als aktuelles Bühnenstück

Junges Theater Göttingen inszeniert Heinrich Heines "Deutschland. Ein Wintermärchen"

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Plakatmotiv der JT-Inszenierung von Heinrich Heines „Deutschla nd. Ein Wintermärchen“.

„Deutschland. Ein Wintermärchen“ ist eines der berühmtesten Werke Heinrich Heines, des Romantikers, der seine eigene Spezies nicht mehr willens war zu vertreten. Seine Dialektik, die sich durch seine Lyrik und seine Sicht auf die Gesellschaft zieht, kommt besonders im „Wintermärchen“ zum Ausdruck.

Das Junge Theater inszeniert die Gedichtesammlung ab Freitag, 11. Oktober (20 Uhr), auf der Bühne im neuen Spielort an der Bürgerstraße. Es ist der Klassiker der Spielzeit 2019/20, der aber nichts von seiner Aktualität verloren hat, wie Regisseur Tobias Sosinka betont: „Der Text ist unkaputtbar. Er hat eine Aktualität, die man immer wieder neu entdecken kann.“

Dialektische Seele

Tatsächlich war Heine mit seinem vor 175 Jahren veröffentlichten Werk seiner Zeit voraus. Er beschreibt darin seine Deutschland-Reise 1843 als Exilant; 1830 hatte er seine Heimat aus politischen Gründen gen Frankreich verlassen. Die Form hat Volksliedcharakter – im „Wintermärchen“ findet Heine zum Ton seiner lyrischen Anfangszeit als Romantiker zurück – aber nur um auf die Deutschtümelei der Nationalisten einzudreschen. Und das zu einer Zeit, in der das „Nationale“ gemeinhin als liberal und der Nationalstaat als Träumerei der Revolutionäre galt.

Doch Heine erkennt früher als andere die Gefahr dahinter. Er kann sich nicht mehr als Romantiker fühlen, weil diese reaktionär und nationalistisch geworden sind. Und trotzdem spielt er augenzwinkernd mit den rhythmischen Mustern, dem Sound der Romantik. Dieser Zwiespalt zeigt sich auch in Heines Seele: Er hat Sehnsucht nach seiner Heimat, seiner Mutter und sogar nach den deutschen Buchen und Eichen, doch er kann und will nicht dauerhaft zurück, denn der Hass gegenüber allem Fremden ist ihm zuwider.

Surreale Träume

Um seine Geschichte zu erzählen, greift Heine auch auf „Fake News“ zurück, wie man heute sagt. In Wirklichkeit ist es ein gefälschter Reisebericht mit symbolischen Orten. Das Spiel mit dem Surrealen, das insbesondere durch die Träume des lyrischen Ich-Erzählers zum Ausdruck kommt, verstärkt die dialektischen Gegensätze.

Die Träume bieten gleichzeitig einen Ansatzpunkt, diese Gedichte auf die Bühne zu bringen. Denn die Begegnung mit Friedrich Barbarossa oder den Heiligen Drei Königen sind bereits in der Textform szenisch angelegt.

Monologe als Dialog

Die langen Monologe löst Regisseur Tobias Sosinka mit einem Dialog auf: Das lyrische Ich (verkörpert durch Jan Reinartz) erzählt seine Reiseerlebnisse einer erfundenen Freundin von früher (Katharina Brehl), die vertraut ist mit der Gedankenwelt des Erzählers. Auch so kommt wieder eine Dialektik zum Ausdruck: Einerseits ist da die Sehnsucht nach einer verloren gegangenen Liebe, andererseits fällt schnell auf, warum Heine beziehungsweise das Lyrische Ich damals gegangen ist.

Regisseur Tobias Sosinka

Angereichert wird die Inszenierung von anderen Schriften Heines, in der „die Gedanken des Wintermärchens deutlicher ausgesprochen werden“, wie Sosinka sagt. So entsteht ein Bild, das die Mischung aller Elemente von Heines Dichtungen beinhaltet: Klagelied, Satire, Frotzelei, Rempelei gegen Zeitgenossen und Kampfansagen gegen seine Zeit.

Vorstellungstermine

Nach der Premiere am 11. Oktober gibt es „Deutschland. Ein Wintermärchen“ auch am 16.10., 26.10, 2.11., 8.11., 15.11., 21.11., 18.12. und 30.12. (jeweils ab 20 Uhr) in der Spielstätte an der Bürgerstraße 15 zu sehen.

Außenansicht der neuen Spielstätte des Jungen Theaters an der Bürgerstraße 15.

Musikshow geht weiter

Auch in der neuen Spielstätte geht die Musikshow des Jungen Theaters weiter. „Personal Jesus“ wird ab Freitag, 4. Oktober (20 Uhr), noch acht Mal aufgeführt, bevor es ab dem 18. Januar 2020 mit der neuen Show „Wild Thing“ weitergeht.

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