Treibjagd in Caféhaus-Atmosphäre

Junges Theater in Göttingen lädt zur "Offenen Zweierbeziehung"

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In einer „offenen Zweierbeziehung“: Agnes Giese und Jens Tramsen stehen im Jungen Theater Göttingen auf der Bühne.

Der Weg in den Theatersaal begeistert. Gemusterte Teppiche bedecken den Boden, runde Tische mit Stühlen bilden Inseln, an denen die Besucher sich in Kleingruppen niederlassen.

Göttingen – Weitergetragen wird das Flair in einer groß gemusterten Tapete, wohl aus den 1970er-Jahren. An der Wand hängen leere Bilderrahmen. Sind sie mit Ideen und Träumen zu füllen?

Klug hat Regisseur Wirnitzer (auch Ausstattung) das Muster der Tapete im Wohnraum auf der Bühne mit Sofa und Couchtisch übernommen. Nach dem gelungenen Start in die Spielzeit mit Corona auf der Open-Air-Hofbühne hat das Junge Theater mit dem Stück „Offene Zweierbeziehung“ von Franca Rame und Dario Fo in der Inszenierung von Sebastian Wirnitzer die erste Indoor-Premiere geliefert. Angepasst an die Corona-Vorgaben ist der Zuschauerraum wie ein Caféhaus eingerichtet.

Das Licht geht aus, stark rhythmische Musik geht in heftiges Trommeln über. Ein Mann schlägt gegen die Badezimmertür, fleht eine Frau – Antonia – an, doch mit dem Blödsinn aufzuhören. Seine Tiraden sind nicht zu Ende, da tritt eine Frau auf und erklärt den Zuschauern, was hier passiert. Sie ist besagte Antonia, an der Tür ist ihr Ehemann und versucht, sie in einem ihrer vielen Suizidversuche zu bremsen. Sie leidet darunter, dass im Bett nichts mehr läuft. Für Sex sucht der Mann sich andere Frauen und plädiert für eine „offene Zweierbeziehung“. Doch was passiert, wenn sich Antonia anderen Männern öffnet?

Gefordert sind die Schauspieler Agnes Giese (Antonia) und Jens Tramsen (Mann) durch den Aufbau des Stücks aus den 1980er-Jahren. Immer wieder springen sie gekonnt aus plakativ erzählenden Passagen in nachgespielte Episoden, müssen den Schalter umlegen von Distanz zu Emotion. Auch das Publikum bekommt seine Rolle: Die Ehegatten werben um Verständnis, wollen ihren Weg als den einzig richtigen verstanden wissen. Es ist wie ein Ringkampf. Doch wer wird gewinnen?

Schade, dass die Besetzung keinen Kampf unter Gleichen vorgibt. Über ihren Altersunterschied können die Schauspieler nicht hinwegspielen. Übertrieben gewollt, fast schon karikaturistisch, wirkt Antonias Versuch, sich mit grüner Lederjacke, kurzem Rock und blauem Puschel im Haar nach Rat ihres Sohnes aufzustylen. Zum Glück erweist sich die „Verkleidung“ nur als Übergang auf der Suche nach einem zu ihr passenden Leben. In sich ruhend zeigt Antonia sich zum Schluss in schwarzem Kleid mit dezenten Schlitzen. Kaum lächerlicher könnte der Mann diesem souveränen Outfit gegenüber mit heruntergelassenen Hosen dastehen. Der Jäger ist zum Bittsteller geworden.

Die Zuschauer im ausverkauften Haus spendeten begeisterten Applaus mit Bravos.

VON UTE LAWRENZ

Service:Weitere Vorstellungen am 18. und 19. September sowie am 2. Oktober um 20 Uhr. Karten sind im Internet auf junges-theater.de, telefonisch unter 05 51 /4 50 15 und per E-Mail an kasse@junges-theater.de erhältlich.

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