Junges-Theater: Starker Spielzeitstart mit "Judas" in der Johannis-Kirche

Hat die Kreuzigung Jesu im Nacken: Jan Reinartz als Judas in der Kirche St. Johannis in Göttingen. Foto:  Dorothea Heise

Göttingen. Das Junge Theater startete mit "Judas" und einem Auswärtsspiel  in der Johannis-Kirche in die Spielzeit, weil das JT Spielstätte beim Soundcheck-Festival war.

Ein Treffen mit einer Figur aus der Geschichte und die einmalige Chance, seine Version zu hören: Mit „Judas“ hat die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans eine Vorlage geschrieben – für den Jünger, der Jesus verraten hat. In Göttingen konnte man ihn mit einer Theaterkarte kennenlernen.

Regisseur Sebastian Sommer hat das Herz der Kirche St. Johannis für ihn reserviert. Im Chorraum liegt Judas zusammengekrümmt auf einem eisernen Gestell zwischen zwei Gipsplatten (Bühne: Sonja Elena Schroeder). Jede Wand, jedes Fenster, jeder Stein um ihn erinnert an die Kreuzigung und damit an seinen Verrat.

Der Judas von Jan Reinartz trägt schwarz: T-Shirt, Jackett, Hose und Anzugsschuhe. Aber weil in dieser Inszenierung des Jungen Theaters alles einen Sinn ergibt, scheuert Judas sich seinen Anzug im Laufe des Abends auf den Gipsplatten immer weißer. Er will seinen Namen wieder aussprechen können, der in manchen Ländern sogar verboten sei. Er muss es rauslassen: „Ich habe die Schuld auf mich genommen.“ Ab diesem Moment seines monologischen Rückblicks hat Judas spürbar den Dampf abgelassen, der seither in ihm waberte. Die Zuschauer sind so nah dran, dass sie mitfühlen müssen. Und Jan Reinartz tut alles dafür: Er krümmt sich eingezwängt in seinem Rahmen, in dem Bild, in dem er Jahrtausende lang feststeckte, in dem er kaum aufrecht sitzen kann, bekommt Nasenbluten, schreit „Kreuzige Jesus!“ durch das Kirchenschiff und kotzt auf den Steinboden. Verstohlen fragt man sich: Ist das erlaubt, in einem Gotteshaus?

Reinartz Judas ist mal ein gebrochener Mann, mal durchströmt ihn die Selbsterkenntnis, mal ist er komisch und bläst eine Girlande von seiner Gipsplattform in die Luft. Am gelungensten sind die Momente, in denen er sich an sein Publikum richtet, auf Einzelne zeigt und die Frage nach Schuld und Wahrheit stellt. Auch das ist in einer Kirche zusätzlich bedeutsam.

Die Technik rückt Judas ins passende Licht – immer mit einen Schatten vor dem erleuchteten Kirchenfenster mit dem gekreuzigten Jesus. Als Judas noch einmal fast mit Stolz seinen Namen sagt, erlischt seine Gestalt im Licht so langsam, wie eine Erinnerung an ein Treffen, von dem man später nicht mehr weiß, ob es wirklich stattgefunden hat. Langer Applaus.

Nächste Termine: 30.9., 13.10., 29.10. Karten unter Tel. 0551/495015.

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