Auftritt beim Kultursommer

Kabarettist Frowin in Göttingen: Paramilitärische Schulweg-Panzer

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Große Bühnenpräsenz: Kabarettist Michael Frowin wurde für sein Programm „Einpacken, Frau Merkel!“ im Alten Rathaus in Göttingen stürmisch gefeiert.

Göttingen. „Genau so ist es“, kicherte eine Lehrerin in der ausverkauften Halle des Alten Rathauses bei Kabarettist Michael Frowins rasanter Schilderung eines Ausflugs von Kindern und ihren Müttern in den Wald.

„Ich dachte, der Waldspielplatz wäre indoor“, jammerte eine Mutter, die verlangte, dass das Wasser abgestellt würde, weil ihr Sohn zu ertrinken drohe - knöcheltief in der Mitte eines Bachlaufs stehend. Hingefahren waren sie natürlich in einem SUV, „diesem paramilitärischen Schulweg-Panzer“.

Das Gelächter war genau so stürmisch bei Frowins köstlicher, sprachlich ausgefeilter Darstellung der Details von Funktionskleidung sowie der Ungeheuerlichkeiten von aktuellen Super- und In-Foods, einschließlich Trinkwasser in Flaschen. Genüsslich kanzelte er zum Beispiel einen bekannten, von George Clooney beworbenen Kaffee und dessen himmelweit überzogenen Preis ab.

„Umgerechnet kostet ein Kilo 64 Euro, von der Verschwendung von Verpackungsmaterial ganz zu schweigen.“

Werbesprüche

Bei den Zitaten von schwülstigen, in Denglisch verfassten Werbesprüchen für beispielsweise ein Stück Seife (Preis: 5,95 Euro) blieb einem das Lachen fast im Halse stecken. Das war Real-Satire pur.

Die Spielwarenkette Toys“R“Us hatte Michael Frowin auch auf dem Kieker. „Wenn Sie wissen wollen, wie unsere Welt tickt, gehen Sie da durch. Da finden Sie zementiertes Rollenverhalten der Geschlechter und von ethnischer Vielfalt keine Spur. Man sollte die AfD dahin schicken, damit sie ihre Angst vor einer drohenden Islamisierung des Abendlandes verliert.“

Den Rahmen im Programm „Einpacken, Frau Merkel!“, das vom Göttinger Kultursommer präsentiert wurde, bildete Frowins auch aus dem Fernsehen bekannte Rolle als Kanzlerchauffeur. Sie gab ihm Gelegenheit zu nationalen und internationalen politischen Rundumschlägen, zwischen dem eigenen und Frau Merkels Mobiltelefon hin und her wechselnd.

Nicht jeder Gag war neu, alles wurde aber mit Charme und großer Bühnenpräsenz dargeboten.

Mit wenigen Mitteln verwandelte sich Frowin in einen Altersheimbewohner, der den dortigen Aufenthalt nur mit Alkohol ertrug. Kastanienmännchen basteln, Kartoffeldruck und Sitztanz als Schmetterling, das war zu viel. Frowin riss das Alarm-Armband ab, und eine Sirene ertönte - nicht. Großes Gelächter. Die Sirene war schon zu Beginn der Nummer losgegangen. „Noch nicht“, rief der Künstler und musste selbst lachen.

Konsumverstopfung

Frowin geißelte die „Konsumverstopfung“ unserer Gesellschaft. „Wissen Sie, dass es bei uns mehr Konsumsüchtige als Alkoholkranke gibt? Warum glaubt niemand, dass Geld nicht glücklich macht?“ Diese Frage konnte er zwar auch nicht beantworten, aber sein kurzweiliges Programm war immerhin eine Anleitung zum Nachdenken, auch darüber. Die zweieinhalb Stunden verflogen wie im Nu.

Kultursommer: Tscharre gastiert mit Lesung

Der Göttinger Kultursommer geht am Freitag, 4. August, in die nächste Runde: Dann gastiert Schauspielerin Ulrike C. Tscharre. Sie präsentiert bei einer Lesung das 2016 erschienene Buch „Die Terranauten“ des Autors T.C. Boyle. Die Veranstaltung beginnt um 20.30 Uhr im Alten Rathaus.

Boyles Roman knüpft an ein wissenschaftliches Experiment an, dass Anfang der 90er-Jahre der Menschheit bahnbrechende Erkenntnisse liefern sollte: In der Wüste Arizonas stand eine riesige Kunstwelt, in der acht Teilnehmer zwei Jahre leben sollten, autark von der irdischen Außenwelt. 

  • Karten gibt es noch im Vorverkauf für 18 Euro, ermäßigt 15 Euro – unter anderem in der Tourist-Info sowie an der Abendkasse.

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