Programm „Neustart“

Auftakt für den Kultursommer: Kabarettist Schroeder nimmt Influencer aufs Korn

Start in den Kultursommer: Kabarettist und Parodist Florian Schroeder trat in Göttingen auf.
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Start in den Kultursommer: Kabarettist und Parodist Florian Schroeder trat in Göttingen auf.

„Wir müssen die Welt minimal verrücken, um nicht verrückt zu werden.“ Mit einer Absage an große Männer, die die Rettung der Welt versprechen und denen es aber nur um sich selbst geht, hat Kabarettist Florian Schroeder sein Göttinger Publikum verabschiedet.

Göttingen – 140 Zuhörer folgten im Deutschen Theater seinem Kultursommer-Programm „Neustart“.

Die Menschen wollen von den Zumutungen der Pandemie erlöst werden, sehnen sich in der Krise nach Führung, fordern Veränderungen angesichts neuer Herausforderungen. Aber all das soll wie ein nächtliches Update erfolgen – niemand darf etwas merken, aber am nächsten Tag geht alles schneller, besser, fehlerloser, spottete Schroeder.

Der geniale Stimmenimitator nahm den CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet aufs Korn. Der „fromme Katholik“ meide klare Ansagen, weil er darauf setze, dass Gott am Ende alle retten werde. Das CDU-Wahlprogramm, das kriminellen Clans den Kampf ansage, lasse die CSU vor Angst zittern. Verständnisvoll zeigte sich der Kabarettist gegenüber den Lebenslauf-Tricksereien der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbok. In der Generation Praktikum machten das alle so. Den FDP-Spitzenkandidaten Christian Lindner verspottete er als Avatar, der blind abgedroschene Polit-Floskeln aneinander reihe. Der SPD-Kanzlerkandidaten, Olaf Scholz, kam bei ihm erst auf Bitten des Publikums vor. Schroeder grinste breit.

Unnachgiebig nahm der Wahlberliner seine Nachbarn, das selbstgerechte grünalternative Milieu auf dem Prenzlauer Berg, „Berlins Zugspitze“, aufs Korn. „Achtsamkeit“ heiße es bei den neuen Blockwarten der Hauptstadt, wenn sie Fotos von Personen auf Facebook posteten, die Corona-Regeln nicht einhielten.

Und Vakzine verweigerten sie, solange die Impfdosen nicht durch ein Mehrwegsystem abgelöst seien. Schroeder plädierte Verweigerer mit Schokolade umzustimmen, die sei genauso braun wie ihre Gesinnung.

Richtig in Fahrt kam der Kabarettist, als er gegen die neuen Medien wetterte. Er spottete über Youtube-Tutorials mit Anleitungen zum Schuhebinden und erklärte: „Wenn Influenza die Grippe ist, dann sind Influencer die Pest.“ Mitreißend polemisierte er gegen Facebook, wo Menschen teilten, um mehr zu bekommen, wütete gegen die Selfie-Kultur von Instagram und gegen Twitter: 280 Zeichen seien der Tod des Aphorismus. Dann schickte er sein Publikum mit der Bitte in die Pause, ihn auf Facebook, Instagram und Twitter zu teilen.

Nach der Pause übte sich Schroeder in der Cancel-Kultur. Immanuel Kant wurde Opfer seiner rassistischen Einlassungen, der schwäbelnde Berliner Georg Wilhelm Friedrich Hegel für seine unzeitgemäß komplizierten Gedanken. Als Zugabe durfte sich das Publikum beim Stimmenimitator Wünsche äußern. Reifere Besucher verlangten nach Helmut Kohl, Norbert Blüm und Gerhard Schröder. (Michael Caspar)

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