Tagung mit 750 Teilnehmern in Göttingen

Kampf gegen resistente Keime: Experten setzen auf schnellere Diagnose und Antibiotika-Einsatz

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Laboruntersuchtung: Die Mikrobiologen und Krankenhaushygieniker tagen in Göttingen. Sie setzen im Kampf gegen resistente Keime verstärkt auf einen schnellere Erkennung und klarere Antibiotika-Behandlung. 

Infektionskrankheiten mit multiresistenten und anderen Erregern sollen vor allem durch vorbeugenden Schutz sowie eine bessere und schnellere Diagnose bekämpft und eingedämmt werden.

Zudem soll ein gezielterer Einsatz von speziellen Antibiotika helfen und die Bildung weiterer Resistenzen verhindern. Diese Themen stehen im Fokus der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM), die bis Mittwoch 750 Experten in Göttingen zusammenbringt. Dabei werden neue Forschungsergebnisse und Strategien vorgestellt und diskutiert. Die Lage, vor allem im Kampf gegen Infektionen durch multiresistente Erreger sei ernst, aber nicht hoffnungslos, sagte DGHM-Präsident Prof. Dr. Georg Häcker. Die Zahl der Todesfälle als Folge von Infektionen mit multiresistenten Keimen ist europaweit nach einer Modellrechnung – es gibt keine absolut vergleichbaren Erhebungen in ganz Europa – seit 2007 deutlich gestiegen. 

2263 Sterbefälle jährlich

Pro Jahr sterben etwa 33 000 von 670 000 Infizierten an den 16 am häufigsten vorkommenden multiresistenten Keimen. In Deutschland sind es unter 54 509 „errechneten“ Infizierten 2363 Sterbefälle.

Hälfte der Fälle vermeidbar

Zahlen, die laut Häcker auch dazu beitragen, dass Menschen oft Angst hätten, wenn sie in eine Klinik gingen. Dazu bestünde aber wenig Anlass, denn nur zehn Prozent aller Infektionen werden laut Häcker durch multiresistente Keime verursacht – und viele seien schon vor der Klinik-Aufnahme vorhanden. Die beiden Professoren und Kongresspräsidenten Simone Scheithauer und Uwe Groß von der Uni-Medizin Göttingen (UMG) machen Mut: Etwa die Hälfte der Fälle seien vermeidbar. Dabei setze man mit präventiven Maßnahmen an. „Wir wollen vor allem Infektionen verhindern. Denn: Je weniger Infektionen wir haben, desto weniger Antibiotika müssen wir einsetzen“, sagt Scheithauer. Vorgeschaltet werden müsse aber eine noch klarere und schnellere Diagnose, um zu klären, ob der Patient überhaupt eine Infektion habe. 

Superschnelle Diagnose

Die zweite Stellschraube, um das Problem von Infektionen durch Erreger in den Griff zu bekommen, dreht Professor Dr. Uwe Groß vom Institut für Medizinische Mikrobiologie der Uni-Medizin Göttingen (UMG): Er ist auf einem wichtigen Arbeitsfeld unterwegs: Der schnellen Erkennung und Einordnung der Bakterien. „Eine zeitnahe Diagnostik ist zwingender denn je, um Infektionsketten zu durchbrechen“, sagt Groß. Bessere Diagnose Er setzt in der Göttinger Uni-Klinik auf neue, teure und schnelle Technik, um pathogene Erreger und ihre mögliche Resistenz gegen bestimmte Antibiotika in Minuten bestimmen zu können. So können Patienten noch gezielter Antibiotika verabreicht werden, ohne auf breit streuende Mittel setzen zu müssen, wie es häufig passierte. 

Genom-Bestimmung bei Bakterien

Bei den Diagnoseverfahren gibt es deutliche Fortschritte, wie Groß sagt: Vor allem die Genom-Bestimmung der Erreger habe sich um einen ganzen Tag verkürzt. Das helfe im Umgang mit den Patienten. Eine weitere Revolution bei der Ganzgenom-Bestimmung steht vor dem Routine-Einsatz, was den behandelnden Ärzten noch schneller Klarheit über die Erreger liefern wird. Hygiene-Strategien Nach der Diagnose greifen bei Bedarf die krankenhaushygienischen Strategien wie das Separieren von Patienten und der klar vorgeschriebene Umgang mit diesen. Ziel ist es, eine Übertragung des Keimes zu verhindern. In Göttingen setzt man auf ein gut ausgebildetes und ausgestattetes Team. 

Uni-Klinik investiert

Die Abteilung um Simone Scheithauer, die direkt dem Vorstand unterstellt ist, wurde stetig personell aufgestockt. Aber: Das Geld dafür kommt nur bedingt über abrechenbare Leistungen herein. „Die Finanzierung geschieht über Binnenmittel der Klinik“, sagt Scheithauer. Zahlen in der Uni-Klinik Hilft das alles? Die Zahlen für die Universitätsmedizin scheinen es zu bestätigen: „Wir kennen die Nachweisraten für alle multiresistenten Erreger an der UMG genau, weil wir sie stetig erheben. Wir liegen für knapp 80 Prozent der Erreger oft klar besser als der Bundesdurchschnitt“, sagt Scheithauer. 

WHO-Aktionsprogramm

Fünf Ziele Bei der Themensetzung der Göttinger-Tagung orientiert man sich auch am Aktionsplan der Weltgesundheitsorganisation WHO. Es geht also darum, Aufmerksamkeit und Wissen zu schaffen – für alle Akteure im System von Hausärzten über Klinikmitarbeiter bis zu Spezialisten. Ebenso wichtig sei es, zu ermitteln, welche Maßnahmen zielführend wirken – oder auch nicht, so Scheithauer, deren Hauptgebiet Infektionskontrolle und --prävention ebenfalls bedeutend ist. Thema ist auch der rationale Umgang mit Antibiotika in allen Bereichen, also in Kliniken und in der Tierzucht. Bliebe noch die Forschung, die vor allem auf eine bessere Diagnose abzielt – was Uwe Groß bereits erwähnt hat. 

Neue Antibiotika? 

Zurückhaltend bewerten Scheithauer und Groß die Entwicklung neuer Antibiotika. Die sei langwierig, teuer und für die Pharmaindustrie weniger lukrativ als zum Beispiel Krebsmedikamente. Aber: Es werde sicher vereinzelt neue Antibiotika-Medikamente geben. (tko)

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