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Tausende indigene Kinder misshandelt: Sorgt der Papst in Kanada für Wiedergutmachung?

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Von: Raphael Digiacomo

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Tausende indigene Kinder werden von katholischen Geistlichen in Kanada misshandelt. Die Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen fordert vom Papst Wiedergutmachung auf seiner Kanada-Reise.

Göttingen – Papst Franziskus wird Ende Juli eine sechstägige Kanada-Reise antreten. Dabei stehen Gespräche zwischen dem Oberhaupt der katholischen Kirche und Indigenen-Vertretern der First Nations, Metis und Inuits im Mittelpunkt. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen hatte den Papst dazu aufgefordert, indigene Familien in Kanada für das ihren Kindern in Internatsschulen zugefügte Leid entschädigen zu lassen.

Mehr als 100.000 indigene Mädchen und Jungen waren im 19. und 20. Jahrhundert in den sogenannten Residential Schools ihrer Kultur beraubt, misshandelt und missbraucht worden – oftmals seitens kirchlicher Würdenträger. Dafür fordern Vertreter der indigenen Stämme nun eine päpstliche Entschuldigung auf kanadischem Boden.

Papst Franziskus reist nach Kanada: Wiedergutmachung für misshandelte indigene Kinder in Aussicht?

Gedenken
Indigene haben sich im kanadischen Kamloops zu einem Ritual für Verstorbene versammelt. Wenige Tage zuvor war dort bei einem ehemaligen staatlichen Internat für Kinder von Ureinwohnern ein Massengrab mit Überresten von 215 Kindern gefunden worden. © Darryl Dyck

„Eine persönliche Entschuldigung bei Überlebenden der sogenannten Residential Schools ist begrüßenswert, reicht jedoch bei weitem nicht aus, um die schwere Schuld der katholischen Kirche am Tod und an der Traumatisierung so vieler indigener Kinder zu kompensieren“, erklärte die GfbV-Referentin für indigene Völker, Regina Sonk, am Donnerstag (21.07.2022).

Es muss auch konkrete finanzielle Entschädigung seitens der Kirche geben.

Regina Sonk, GfbV-Referentin für indigene Völker

„Es muss auch konkrete finanzielle Entschädigung geben – so wie für Missbrauchsopfer von der katholischen Kirche hier in Deutschland.“ Beim Besuch mehrerer indigener Delegationen Ende März in Rom hatte Franziskus bereits um Vergebung gebeten. 70 Prozent der 130 Schulen wurden von der katholischen Kirche betrieben.

Tausende indigene Kinder litten in kanadischen Residential Schools unter katholischen Geistlichen

Regina Sonk, Referentin für indigene Völker bei der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen.
Regina Sonk, Referentin für indigene Völker bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen. © GfbV

Sonk erklärte dazu, die katholische Kirche müsse sich vorwerfen lassen, eine tragende Rolle gespielt und das staatliche System der Unterdrückung von First Nations, Metis und Inuits gestützt zu haben. „Jetzt muss es Wiedergutmachung auch von der Kirche geben.“

Sonk erklärt die Bandbreite des historischen kirchlichen Versagens in Kanada und stellt einen Bezug zur Gegenwart her: „Das, was in Kanada und ebenso in den USA passierte, bildete gewissermaßen die Grundlage, was heute uigurischen und tibetischen Kindern passiert, die aktuell tausendfach von ihren Eltern getrennt, in Internate gesteckt und systematisch ihrer Kultur entfremdet werden.“

Papst Franziskus auf Kanada-Reise: Zeichen und Verantwortung für die Zukunft

Umso wichtiger sei es, dass in einer freiheitlichen Gesellschaft wie in Kanada alle Wege der Wiedergutmachung auch gegangen werden. Papst Franziskus müsse sich seiner Verantwortung bewusst sein, und dass sein Vorgehen in Kanada auf der ganzen Welt beobachtet und als Blaupause für die Zukunft dienen werde.

Gedenken
Menschen gedenken in Edmonton der Kinder, deren Überreste bei dem ehemaligen Internat gefunden wurden. © Jason Franson

„Die Zeichen, die Papst Franziskus jetzt setzt, sind auch Zeichen für seine Nachfolger. Er hat jetzt die Möglichkeiten neue Standards zu setzen“, so die GfbV-Referentin. (rdg)

Nicht nur in Kanada, auch in Niedersachsen hat die katholische Kirche immer wieder mit Missbrauchsvorwürfen und Skandalen zu kämpfen. So wurde die Bischof-Janssen-Straße in Hildesheim wegen Missbrauchsvorwürfen unbenannt. Die Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker hat mit Roman Kühn seit Anfang 2022 einen neuen Direktor.

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