pro familia fordert Verbesserungen bei Hartz IV

Kaum Geld für die Pille: Frauen werden ungewollt schwanger

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Die Anti-Baby-Pille: Die Beratungsstelle pro familia fordert, dass die Übernahme der Kosten für Verhütungsmittel endlich bundeseinheitlich geregelt wird. 

Göttingen/Northeim. Für Hartz IV- und Sozialhilfe-Empfängerinnen sind Verhütungsmittel oft kaum finanzierbar. In Südniedersachsen ist die Situation besonders im Landkreis Northeim problematisch.

„Es muss sich dringend in der Region etwas tun“, sagt Lisa Kastner, Leiterin der pro familia-Beratungsstelle Göttingen.

Im Landkreis Northeim werden derzeit überhaupt keine Verhütungsmittel für Frauen, die Hartz IV oder Sozialhilfe beziehen oder Asylbewerberinnen sind, finanziert. Es gab vor einigen Jahren ein Projekt von pro familia und der Sozial- und Sportstiftung des Landkreises Northeim. Darüber wurden zweieinhalb Jahre Verhütungsmittel finanziert. Diese Projekt lief vor drei Jahren aus. Seitdem gibt es kein Geld mehr.

Lisa Kastner

Kastner hat beobachtet, dass mehr Frauen im Landkreis Northeim ungewollt schwanger werden, weil sie sich die Verhütung überhaupt nicht leisten können. Deshalb hat die Göttingerin jetzt einen Vorstoß unternommen und die neue Landrätin Astrid Klinkert-Kittel angesprochen. Voraussichtlich im August soll über einen neuen Antrag bei der Northeimer Stiftung entschieden werden. Kastner: „Ich hoffe im Interesse der Frauen, dass positiv entschieden wird.“

In Stadt und Landkreis Göttingen werden die Kosten für Pille und andere Verhütungsmittel (zum Beispiel die Spirale) für Frauen durchaus bezahlt. Die Schwierigkeit: Die Betroffenen müssen dazu einen Antrag stellen und wissen oft nichts von dieser Möglichkeit. „Die Öffentlichkeitsarbeit in diesem Bereich ist einfach unzureichend“, sagt Kastner.

Die Kosten für Verhütung sind nicht unerheblich: „Die Pille kostet zwischen fünf und 22 Euro im Monat. Das ist für die Leistungsempfängerinnen ganz viel Geld“, macht Kastner deutlich.

Das Problem: Für Körperpflege und Gesundheit sind im Hartz-IV-Regelsatz nur 17,37 Euro vorgesehen. Das bedeutet, dass die Monats-Pillenpackung schon fast den Regelsatz auffrisst.

Deshalb fordert pro familia, dass die Kosten für die Verhütungsmittel für Leistungsbezieherinnen endlich offiziell übernommen werden. Bislang gibt es dazu noch keine gesetzliche bundesweite Regelung. „Die muss endlich kommen“, sagt Kastner.

Forderungen

Die Forderungen von pro familia gehen noch weiter: „Die Kosten für die Sterilisation sollten bei Frauen und Männern endlich auch übernommen werden“, sagt Kastner. Seit vielen Jahren zahlen dies die Krankenkassen nicht mehr.

Auch die Jobcenter dürfen die Kosten nicht tragen, die bei Männern bei etwa 400 Euro und bei Frauen bei etwa 800 Euro liegen.

Von Bernd Schlegel

Beratungsstelle mit sechs Mitarbeitern

Die Göttinger Beratungsstelle von pro familia, die auch eine Außenstelle in Northeim unterhält, hat derzeit sechs Mitarbeiterinnen, die alle in Teilzeit arbeiten. Pro Jahr werden mehr als 2400 Frauen und Männer beraten.

Kontakt: pro familia, Weender Straße 76a, 37075 Göttingen, Tel. 05 51/5 86 27; Entenmarkt 3, 37154 Northeim, Tel. 0 55 51/9 08 21 90.

www.profamilia.de/goettingen

Grüne setzen sich in Uni-Stadt für deutliche Verbesserungen ein

"Familienplanung darf nicht am Geldbeutel scheitern. Das ist derzeit aber häufig der Fall: Die Kosten für viele Verhütungsmittel liegen um ein vielfaches höher, als der für Gesundheitspflege vorgesehene SGB II-Bedarf“, prangert Regina Meyer von den Göttinger Grünen an. Sie wird für die Fraktion einen Antrag in den Sozialausschuss des Göttinger Stadtrat einbringen.

In der Stadt Göttingen gibt es zwar eine Regelung zur Kostenübernahme. Die Grünen kritisieren diese aber als nicht weitreichend genug.

Regina Meyer: „Viele betroffene Frauen wissen nicht, dass es die Möglichkeit zur Kostenübernahme gibt und werden mit dem Problem allein gelassen.“ Die Grünen beantragen daher, den Leistungskatalog von Verhütungsmitteln für "Leistungsbeziehende" dahingehend zu erweitern, dass auch die Übernahme von Kosten für Kondome und die „Pille danach“ sowie für Spirale und Sterilisation möglich sind



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