Zum Matrosenaufstand am Ende des Ersten Weltkriegs

Der Keim kommenden Übels? Stefan Wenzel entrüstet über Vorwort von Minister Thümler 

Nicht so gemeint: MinisterBjörn Thümler. Archiv foto: Kopietz

Göttingen: Der Landtagsabgeordnete und Ex-Umweltminister Stefan Wenzel moniert ein Vorwort von Wissenschaftsminister Björn Thümler in einer Broschüre. 

Ein Vorwort des niedersächsischen Wissenschafts- und Kulturministers Björn Thümler (CDU) in einer Broschüre über die Revolution von 1918/19 in Nordwestdeutschland sorgt für Unmut – vor allem bei dem Grünen-Landtagsabgeordneten Stefan Wenzel.

Der frühere Landesumweltminister aus Groß-Lengden bei Göttingen wirft dem Historiker Thümler eine Geschichtsverdrehung vor, indem er den aufständischen Matrosen in Wilhelmshaven und Kiel eine „Begünstigung“ der späteren NS-Herrschaft vorgeworfen habe.

Empört über Vorwort: StefanWenzel. Archivfoto: Sebastian Gollnow

In seinem Vorwort zu der Broschüre der Landschaft Oldenburg „Demokratischer Aufbruch im Nordwesten“ hatte Thümler auch geschrieben, die Revolution von 1918/19 habe den „Schlusspunkt unter vier blutige und zermürbende Kriegsjahre“ gesetzt: „Sie öffnete ein Fenster für einen politischen Neubeginn und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.“ Zugleich habe sie aber „den Keim kommenden Unheils in sich“ geborgen. „Die sozialen Verwerfungen im deutschen Volk brachen auf und führten in den bürgerkriegsähnlichen Kämpfen der Nachkriegszeit zu einer politischen und moralischen Radikalisierung, die die erste deutsche Demokratie scheitern ließ“, so Thümler im Vorwort.

Thümlers Grußwort lasse den Schluss zu, „dass nach Ihrer Einschätzung die Matrosenaufstände in Wilhelmshaven und Kiel Ursache (‘Keim’) der damaligen Radikalisierung waren und nicht die Tatsache, dass der Krieg des Kaiserreichs und der Obersten Heeresleitung mit den Generälen Ludendorff und Hindenburg an der Spitze das deutsche Volk ins soziale Elend und in die politische Isolation getrieben hat.“

Geschichtsverdrehung

„Ich war irritiert über die Äußerungen. Thümler hat offensichtlich Ursache und Wirkung verdreht, das habe ich ihm mit der Bitte um Überprüfung und Korrektur mitgeteilt“, sagte Wenzel am Mittwoch in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Andernfalls müsse er sich den Vorwurf gefallen lassen, „dass sie an einer unseligen Geschichtsverdrehung nachträglich anknüpfen“.

Björn Thümler reagierte und drehte bei: Er sei „keineswegs der Ansicht, dass es die Matrosenaufstände als solche waren, in denen eine Wurzel für das Scheitern der Weimarer Demokratie zu suchen wäre. Mit der Formulierung ’Keim kommenden Unheils’ meine ich vielmehr die Gesamtsituation 1918/19“. Diese Situation hätte die militärische und zivile Reichsleitung unter der Gesamtverantwortung Kaiser Wilhelms II. herbeigeführt. „Es erübrigt sich daher eigentlich, fest zu stellen, dass ich den aufständischen Matrosen selbstverständlich keine ‘Begünstigung’ der NS-Herrschaft vorwerfe. Das wäre in der Tat grotesk und lässt sich aus dem Text meiner Ansicht nach auch nicht schließen.“

Dennoch: Für Stefan Wenzel wäre eine Neuauflage der Broschüre angemessen – inklusive Änderung des Thümler-Vorwortes und gegebenenfalls auch in Verbindung mit einer Veranstaltung zum Thema.

Das Heft weist übrigens auf eine Veranstaltungsreihe zu den Soldaten- und Matrosenaufständen, Revolutionen und Räterepubliken etwa in Wilhelmshaven, Kiel und Bremen vor 100 Jahren hin. (tko/yrp)

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